Sugarplum Fairy: Her mit den hübschen Schwedenhappen!

Carolin Buchheim

Ins Publikum geworfene Handtücher, kreischende Mädchen und Zugaben mit nackten Oberkörper: Gestern Abend gab es das große Rockstar-Ding im Jazzhaus, und zwar leidenschaftlich geliefert von den kleinen Brüdern von Mando Diao Sänger Gustav und ihrer Band Sugarplum Fairy. Liebe Freiburger Indiejungs, liebe Freiburger Indiemädchen über 18, die ihr gestern offensichtlich alle nicht da ward: Ihr habt was verpasst! Ganz echt jetzt!



Gestern Abend gab es einen Moment, da wünschten sich viele Mädchen im Jazzhaus, sie wären ein Tamburin. Das Tamburin von Victor Norén. Genauer gesagt: Das Tamburin, das Victor Norén in seinem hübschen Mund hielt, und auf das er mit zarten Händen einklopfte. Ja, genau: Gestern Abend war im Jazzhaus so gerade eben nicht mehr minderjähriger Schwedenrockerhype angesagt.

Ersteinmal gehören die Äußerlichkeiten aus dem Weg geräumt: Ja, sie sind niedlich, diese fünf Jungs aus Borlänge. Wirklich niedlich. Total niedlich. Extrem niedlich. Und ja, Victor sieht seinem großen Bruder, Mando Diao Sänger Gustav, extrem ähnlich, und ja, viel mehr Indiejungs-Klischee -Untergewicht, Jeansgröße 26, Band- oder Ringel-T-Shirts in S und als einzig akzeptable Schuhwerk Chucks oder Clarks- als diese Fünf geht eigentlich nicht. Zu diesen durchaus ansprechenden Äußerlichkeiten zeigten Sugarplum Fairy Attitude und Verhalten des ungefähr 19-jährigen Mick Jagger, und zwar hoch fünf; komplett mit rituellem Bad in der Menge und den dazugehörenden nach dem verschwitzten Sängerkörper greifenden Mädchenhänden, T-Shirt-loser Zugabe und ins Publikum geworfenen Handtüchern.

Als wär' das alles noch nicht rockstarig genug, hingen bereits vor dem Konzert ein paar Mädchen vor dem Backstage-Raum rum und warteten auf die süßen Schwedenhappen. Ja, wirklich, vor dem absolut unspektakulären 5qm großen Jazzhaus-Backstage-Kabuff direkt neben den Klos! Minderjährige Wannabe-Groupies hat es im Jazzhaus bestimmt ewig nicht mehr gegeben. Überhaupt waren es größtenteils Mädchen unter 18, die gestern Abend das Jazzhaus gut gefüllt haben, allesamt Sugarplum Fairy-textsicher und in bester Laune. Glücklicherweise kreischten sie in angenehmer Tonlage.

Damit hat man dann auch schon all die Gründe aufgelistet, warum man, wenn man denn einer dieser seltsamen Menschen ist, die auf Indie-Cred Wert legen, Sugarplum Fairy ganz schlimm, oder zumindest absolut albern und deren Konzerte folglich total peinlich finden müsste. Glücklicherweise geht das aber nicht, und zwar gar nicht, denn Sugarplum Fairy sind nicht nur äußerlich süß, sondern live vorallem absolut super. Richtig, richtig super. So sehr man auch zynisch in der Ecke stehen und das alles doof finden und belächeln will, so wenig klappt das. Nach spätestens drei Songs muss man mitwippen, egal wie sehr man sich wehrt, und am Ende des Konzerts singt man dann vielleicht sogar mit.

Als Beatles Songwriting mit Rolling Stone Live-Performance definiert sich die Band selbst, und das zeugt von Idealen. Tatsächlich rocken die kleinen Jungs Jung-Stones-mäßig über Beatles Drums mit schrammeligen Gitarren und feinen Melodien und die meiste Zeit schlug Victor auch noch mit dem oben erwähnten Tamburin den Takt, very sexy und selbstvergessen. Oder war es doch selbstverliebt? Egal!

Klar, Sugarplum Fairy plündern für ihre Songs absolut schamlos so ziemlich die gesamte englischen Musikgeschichte der letzten vierzig Jahre, von den Beatles und den Stones bis zu Oasis und The Verve, aber zum einen ist das halt so, wenn man heutzutage eine Schrammel-Gitarrenband ist, man kann ja schließlich nicht ignorieren, was alles vor einem passiert ist, und zum andere tun sie es ja, wie gesagt, ganz großartig und ohne klebrigen Retro-Habitus, sondern nur mit Jung-Schweden-Selbstbewusstsein. Oder war es doch Selbstverliebtheit? Egal!

Besonders Lustig war der Moment, in dem aus 'Visible Karma' 'Catching the Butterfly' wurde, und die anwesenden Mädchen auch auf Nachfragen von Victor nicht kapierten, wer oder was denn The Verve eigentlich sind und deshalb auch nicht angemessen reagieren konnten. So ist das halt, wenn man ein Publikum hat, dass in den frühen Neunzigern geboren wurde und in die Grundschule kam, als 'Urban Hymns' 1997 veröffentlicht wurde und eben nicht, wie man selbst, in einem schwedischen Kaff aufgewachsen ist, wo es nichts besseres zu tun gab, als Britpop zu hören, Oasis zu idealisieren und mit 11 die erste Band zu gründen und als einzigen Song immer wieder 'Live Forever' zu spielen. Die Jungs aus Borlänge rockten sich auf jeden Fall gestern Abend mehr als eineinhalb Stunden lang (endlich kriegt man mal wieder was fürs Geld) absolut überzeugend durch ihre beiden Alben, und zwar ausführlich und virtuos, der Sound stimmte mal auch wieder im Jazzhaus, das Publikum hüpfte und tanzte und am Ende des Konzerts sangen die vielen Mädchen glücklich 'She' in das von Victor gehaltene Mikro.

P.S.
Liebe Vor-dem-Backstage-Raum- Rumhäng-Mädchen: Ihr hättet vor und nach dem Konzert vielleicht lieber vor dem Tourbus rumhängen sollen. Der parkte gestern Abend, so wie immer bei größeren Konzerten im Jazzhaus, übrigens direkt vor dem Konzerthaus. War auch leicht zu erkennen: großer dunkelblauer Nightliner mit schwedischem Kennzeichen, auf dem 'On Tour' stand.

P.P.S. Der Vollständigkeit halber sei noch die Vorband erwähnt, Nice Boy Music aus Hamburg, die musikalisch in einer 90er Jahre-Schleife hängengeblieben zu sein scheinen, und über die man, wenn man denn nett sein mag, sagen kann, dass sie nice waren. Die vielen anwesenden jungen Mädchen fanden diese Band auf jeden Fall auch ganz toll, obwohl die ihre T-Shirts alle angelassen haben, und mehr als nur ein wenig alkoholisiert zu sein schienen.

Mehr dazu:

  • Wer das ganze Mal selbst erleben will, dem sei am Sonntag Abend ein Besuch der Kaserne in Basel empfohlen. Dort ziehen die Jungs von Sugarplum Fairy sicher auch wieder ihre T-Shirts aus.

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