Interview

Suchtberatung am Colombipark macht auch in Corona-Zeiten weiter

Matej Snethlage

Wie arbeitet eine Drogenhilfe mit Mindestabstand und Hygieneregeln? Benedikt Vogt leitet die Drogenhilfe Freiburg und arbeitet beim Kontaktladen in der Rosastraße 13. Im Interview erklärt er, wie Spritzentausch und Therapievermittlung in der Krise laufen.

Herr Vogt, was macht die Drogenhilfe?

Die Drogenhilfe Freiburg hat eine Jugendberatungsstelle und einen Kontaktladen. Der Kontaktladen ist ein offenes Angebot für Menschen in jedem Zustand, mit jedem Hintergrund. Sie können sich hier aufhalten, Kaffee trinken, Billard spielen. Aber wir haben natürlich auch ein medizinisches Angebot: Wir tauschen die Spritzen unserer Klienten und vermitteln Beratung zum Thema Sucht oder damit angehängten Problemen. Normalerweise besuchen uns 80 bis 100 Menschen täglich.

Wie ist die Situation bei der Drogenhilfe Freiburg in der Corona-Krise?

Wir waren über die ganze Pandemie hinweg offen und haben Beratung angeboten. Normalbetrieb findet aber natürlich nicht statt. In der Kontaktstelle tauschen wir Spritzen und Nadeln aus und in Problemfällen beraten wir unsere Klienten. Durch großzügige Spenden aus der Nachbarschaft und von Stiftungen können wir derzeit täglich kostenloses Essen zur Verfügung stellen.

"Einige Wege in die Hilfe sind erschwert."

Ist es für drogenabhängige Menschen schwerer geworden an illegale Drogen zu kommen?

Sicherlich, die Versorgungswege sind weniger geworden. Es baut ja keiner Heroin in Freiburg an. Das Zeug kommt von wo anders her. Dadurch ist es deutlich schwerer geworden an illegalisierte Substanzen zu kommen.
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Bedeutet das, dass auf einmal ganz viele Menschen im kalten Entzug sind?

Nein, medizinische Substitution, also die Nutzung von Ersatzstoffen, kann weitergeführt werden. Man muss positiv anmerken, dass die medizinische Versorgung in der gleichen Qualität aufrechterhalten werden konnte. Die Substitutionspraxen in Freiburg haben alle nach wie vor eine verlässliche Versorgung. Das Problem ist jedoch, dass viele Menschen noch etwas Zusätzliches zu der Substitution haben wollen. Ihnen geht es darum, benebelt zu sein, um sich nicht mehr so sehr mit ihren Traumatisierungen auseinandersetzten zu müssen.

Also sind die Hilfen für Suchtkranke in etwa gleichgeblieben?

Einige Wege in die Hilfe sind erschwert. Beispielsweise haben Entgiftungskliniken einen generellen Aufnahmestopp. Zur Einhaltung des Mindestabstands dürfen sie natürlich nicht voll ausgelastet sein. Das ist ein Problem, weil Menschen, die eigentlich gerade ihr Leben ändern wollen, es nicht tun können. Doch es gibt langsam eine Erleichterung. Ich habe gestern wegen eines Falls bei einer Klinik angerufen und es gibt zwar enorme Wartelisten, aber im Juni oder Juli werden wieder Termine frei.
"Die Leute haben das Problem, dass sie sich nirgendwo so richtig aufhalten dürfen. "

Kommen durch die Quarantäne und soziale Isolation auch mehr Menschen zur Drogenhilfe? Sprich, mehr Süchtige?

Wir führen Statistik darüber, wie viel Versorgungsmaterial wir pro Tag herausgeben. Die Zahl ist jedoch relativ gleichgeblieben.

Sind auch Wohnungslose unter den Klienten? Ist die aktuelle Situation für sie schlimmer?

Etwa ein Drittel der Menschen, die zu uns kommen, sind wohnungslos. Meines Kenntnisstandes nach müssen aber nicht mehr Menschen als sonst draußen schlafen. Das liegt unter anderem daran, dass viele Leute in alternative Wohnformen vermittelt werden konnten. Die Oase und die Stadt haben da gut reagiert. Ein zusätzliches Problem für alle Drogennutzer ist jedoch, dass es verboten ist, sich in größeren Gruppen an einem Ort aufzuhalten. Deshalb musste zum Beispiel auch die Ecke im Colombipark, welche normalerweise für sie bereitgestellt ist, schließen. Die Leute haben das Problem, dass sie sich nirgendwo so richtig aufhalten dürfen.

Ich kann mir vorstellen, dass es für Wohnungslose schwieriger sein muss, Hygiene-Regelungen einzuhalten. Ist das so?

Von dem, was ich wahrgenommen habe, tun unsere Klienten alles, was sie können. Ich sehe, dass sie so gut es geht versuchen Sicherheitsabstand zu halten. Wir bieten im Kontaktladen auch Desinfektionsmittel an, inzwischen können wir die Leute auch halbwegs mit Mundschutz versorgen.