Rock Your Life

Studierende helfen benachteiligten Jugendlichen, ihren Weg zu finden

Angela Woyciechowski

Mentoring verbessert die Arbeitsmarktaussichten Jugendlicher. Das hat eine neue ifo-Feldstudie ergeben. Das Programm "Rock your life" trägt einen Teil dazu bei – auch in Freiburg gibt es erfolgreiche Tandems wie Samanta und Paula.

Untersuchungen zeigen, dass es um die Chancengleichheit in Deutschland nicht gut bestellt ist. Eine neue Studie des ifo-Instituts belegt jedoch, dass Mentoringprogramme, wie das von "Rock Your Life", die Arbeitsmarktchancen Jugendlicher aus eher bildungsfernen Haushalten deutlich erhöht.
Auch in Freiburg gibt es einen Ableger des Programms – fudder-Autorin Angela Woyciechowski hat zwei Jugendliche begleitet.

Zwei Lebenswelten treffen aufeinander

Langsam fährt ihre rechte Hand über das Bedienfeld ihres Laptops. Die 14-Jährige Samanta mit dem langen braunen Haar kichert leise, stützt das Kinn auf ihre linke Hand und malt ein Bild, das aussieht wie eine Pommes Tüte. "Ist das etwa Junk Food" fragt Paula. "Was bedeutet das eigentlich genau?" antwortet ihr Samanta schüchtern. "Junk, das bedeutet Müll auf Englisch. Und Junk Food ist Essen, das man nicht jeden Tag essen sollte", entgegnet ihr Paula.
Die 14-Jährige Samanta sitzt in ihrem Wohnzimmer in Freiburg-Weingarten vor dem Laptop. Sie hat ein virtuelles Treffen mit ihrer Mentorin Paula. Die beiden haben sich zum Montagsmalen mit dem Onlinespiel Skribbl verabredet. Heute geht es darum, die Malerei des anderen zu erraten.
Mentee Samanta geht auf die Staudinger-Gesamtschule in die 9. Klasse; Mentorin Paula studiert Angewandte Politikwissenschaften an der Universität Freiburg. Zwei Jugendliche mit ganz unterschiedlichen Lebenswelten treffen da aufeinander. Ermöglicht wird das von der Initiative "Rock Your Life", die sich für Chancengleichheit und Bildungsgerechtigkeit einsetzt.
"Junk, das bedeutet Müll auf Englisch. Und Junk Food ist Essen, das man nicht jeden Tag essen sollte." Mentorin Paula
Sie beide, erzählt Samanta, könnten über alles reden, egal ob es Schule, Familie, Freunde, oder Hobbys betreffe. Zwar gehe es beim Mentoring vor alle darum, das Potential des Mentees zu entfalten, doch das hänge eng mit Themen wie "Sich-Ernstgenommen-Fühlen" und "Gehört werden" zusammen. "Schon allein durch das Gespräch mit Paula, fühle ich mich selbstbewusster und mutiger", sagt Samanta.

Im Mittelfeld der Chancengleichheit

Seit Beginn der Corona-Pandemie haben sich die Bedingungen für Chancengleichheit verschlechtert. Laut Ökonom Thomas Piketty herrscht in Deutschland eine Ungleichheit wie zuletzt unter Kaiser Wilhelm. Um die Chancengleichheit steht es schlecht. Nur 24 von 100 Arbeiterkindern können studieren, während es bei Akademikerkindern 71 von 100 sind. Auch international liegt Deutschland laut einer UNICEF-Studie im Vergleich im Mittelfeld, wenn es um die Chancengleichheit geht. Und Corona vergrößert diese Ungleichheit weiter.

Das Credo: Nimm Dein Leben selbst in die Hand

Studierende der Zeppelin Universität Friedrichshafen haben die gemeinnützige Bildungsinitiative "Rock Your Life" im Jahr 2010 gegründet. Den Impuls dafür gab der damalige Bundesfinanzminister Peer Steinbrück, der bei einer Diskussion mit den Studierenden seine Überzeugung zum Ausdruck brachte, dass die Perspektivlosigkeit in sozial benachteiligten Schichten vererbbar sei. Das wollten die Studierenden nicht stehen lassen und so war "Rock Your Life" geboren. "Rock Your Life" steht für die Überzeugung, dass es sich lohnt, sein Leben selbst in die Hand zu nehmen, es zu "rocken" quasi. Inzwischen wird die Initiative in 52 Städten angeboten – in Deutschland, Niederlanden, der Schweiz und seit kurzem auch in Spanien. Rund 7000 Jugendliche haben bereits Mentoren an die Seite gestellt bekommen.
So funktioniert "Rock your life"

Ein Mentoringprogramm vermittelt Schüler von Haupt- oder vergleichbaren Schulen an Studierende. Dabei ist die Idee, Schüler zu unterstützen, die etwa ein bis zwei Jahre vor ihrem Abschluss stehen, also 7. bis 9. Klässler. Bei ihnen herrscht Orientierungsbedarf. Nicht Hausaufgabenbetreuung, sondern die Potentialentfaltung der Mentees steht im Vordergrund.

"Ein Stück weit kann ich die Herausforderungen der Jugendlichen nachvollziehen, denen so ein Gesprächspartner fehlt, eben weil ihr familiäres Umfeld, wie bei mir, diese Leistung nicht erbringen kann. " Gagandeep Matta, Rock your life Freiburg
Auch Gagandeep Matta, Co-Vorsitzender von "Rock Your Life" in Freiburg, startete unter schwierigen Bildungsbedingungen. Seine Eltern flohen aus Afghanistan, als Gagan eineinhalb Jahre alt war. Schulisch erfuhr er kaum Unterstützung seiner Eltern, aufgrund der Sprachbarriere. Rückblickend, erzählt er, hätte er sich jemanden gewünscht, mit dem er über seine Stärken und Berufswünsche hätte reden können. "Ein Stück weit kann ich die Herausforderungen der Jugendlichen nachvollziehen, denen so ein Gesprächspartner fehlt, eben weil ihr familiäres Umfeld, wie bei mir, diese Leistung nicht erbringen kann." Mittlerweile promoviert Matta und ist glücklich, dass ihn seine Familie in persönlicher Hinsicht unterstützt hat.

Das genaue Gegenteil in der Bildungsgeschichte hat Paula Grote erfahren. Sie stammt aus einem Akademikerhaushalt und hatte immer schulische Unterstützung von den Eltern. Auch im Freundeskreis hatte sie einen Mentor: "Mit 14 hatte ich einen Freund, der ein paar Jahre älter war – so ein richtig guter Kumpel. Und der hat mir voll viel geholfen und ich wollte dann auch so was sein", erzählt sie. So sei es schließlich, zu ihrem Engagement bei "Rock Your Life" gekommen.

ifo-Feldstudie ermittelt Wirksamkeit von Mentoring

Dass ihre Arbeit und die von Gagan Matta Früchte trägt, hat nun eine aktuelle ifo-Feldstudie bewiesen. Man fand heraus, dass "der Anteil der Jugendlichen, die angeben, dass sie nach der Schule eine Berufsausbildung machen wollen, um 22 Prozentpunkte ansteigt" durch das Mentoring. Positive Auswirkungen des Mentorings hat auch Samanta bemerkt. Sie sei nun Klassenbeste, erzählt sie stolz. "Ich lerne, dass wenn man sich Ziele setzt, und die auch erreichen will, dann schafft man das. Man muss das aber nicht alleine schaffen – man kann sich Hilfe holen" so Samanta.