Freiburg

Studierende erhält Kündigung nach Meinungsverschiedenheit zu Corona-Infos

Anika Maldacker

Ein Betreiber eines Freiburger Theaters verbreitet unter seinen Angestellten Falschinformationen zur Corona-Krise. Eine Mitarbeiterin widerspricht ihm – und wird deswegen gekündigt.

Warum die Freiburger Studentin nicht mehr in dem Theater, in dem sie an der Theke jobbte, arbeiten darf, weiß sie nicht. Aber sie hat den Verdacht, dass eine Meinungsäußerung ihrem Chef gegenüber nicht erwünscht war. Der widerspricht.


Die erste Mail von Anfang vergangener Woche liest sich sachlich. In dieser informiert der Intendant eines Freiburger Theaters seine Mitarbeitenden zu Corona-Auswirkungen. Spielbetrieb eingestellt, Theater geschlossen, so wie überall in Freiburg. Der Intendant spricht in dem Schreiben nur vom "momentanen Wahnsinn" und "Irrsinn". Zwei Tage später schickt er eine weitere Mail an seine rund 20 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. Darin schreibt er von der "momentan abgedrehten Manipulation" in Bezug auf die Beschränkungen durch das neue Coronavirus, er rät den Mitarbeitenden sich dieser "Manipulation" zu entziehen und schickt einen Link zu einem Video mit. In diesem erklärt der Lungenfacharzt Wolfgang Wodarg, wieso das Coronavirus weniger gefährlich sei, als berichtet und die Krise "Panikmache" sei. Interviewt wird er dabei von der ehemaligen Tagesschau-Sprecherin Eva Herman, die rechtspopulistische und verschwörungstheoretische Thesen vertritt. Die Aussagen Wodargs zu Covid-19 wurden in den sozialen Netzwerken stark verbreitet. Dabei sind die Aussagen des Videos höchst zweifelhaft. Das Robert-Koch-Institut und die Weltgesundheitsorganisation distanzierten sich von Wodargs Aussagen. Der Virologe Christian Drosten bezeichnet die Aussagen in seinem NDR-Podcast als falsch und Verdrängungsmechanismus. Medien wie der Spiegel, Correctiv oder die Welt entkräftigen Wodargs Thesen in Faktenchecks.

Einen Tag später antwortet die Freiburger Studentin dem Intendanten und den Mitarbeitenden mit einer langen Mail, in der sie Links zu Faktenchecks schickt, und erläutert, wieso sie Wodargs Thesen keinen Glauben schenkt und allen empfiehlt, sich bei seriösen Medien zu informieren. Sie selbst gehöre wegen einer Autoimmunerkrankung zudem zur Risikogruppe und wünsche sich daher, dass den Anweisungen der Regierung und der Experten, die sozialen Kontakte zu verringern, Folge geleistet werde.

Knapp eine Stunde später landet eine Mail in ihrem Postfach. In dieser spricht ihr die Personalverantwortliche des Theaters im Auftrag des Intendanten die Kündigung aus. Darin heißt es, die Studentin sei nicht mehr für das Theater "tragbar" – aufgrund ihrer Mail zuvor.

Auf BZ-Anfrage verneint der Intendant schriftlich, dass die Studentin wegen einer unerwünschten Meinung gekündigt wurde. Das sei "schlichtweg falsch und entbehrt jeder Grundlage". Außerdem sei eine lebendige und offene Meinungsvielfalt im Theater wichtig, betont er. Zudem erklärt er, dass die Studentin nur auf Stundenbasis ab und an an der Theke ausgeholfen habe und daher gar nicht gekündigt werden konnte.

In der betreffenden Mail, die der BZ vorliegt, benutzt die Personalverantwortliche allerdings eindeutig das Wort Kündigung – und zwar in seinem Namen und aufgrund der Mail der Studentin. Die Studentin war nach eigenen Angaben seit einem Monat im Theater tätig und hat zwei Mal an der Theke ausgeholfen, allerdings mit der Aussicht, dass sie weiter eingesetzt werde.

Rechtlich ist die Sache nicht ganz klar. Die Form der Kündigung ist zwar juristisch angreifbar, da eine Kündigung stets schriftlich erfolgen muss und eine formlose Mail nicht genügt. Allerdings darf, wer weniger als zehn Vollzeitstellen beschäftigt, Mitarbeitern ohne Angabe von Gründen kündigen. Die Studentin ist dennoch wie vor den Kopf geschlagen. Mit einer solch heftigen Reaktion auf ihre Mail hätte sie nicht gerechnet.
Anmerkung: In einer früheren Version stand, dass die Sache rechtlich klar sei und eine Klage keine Aussicht auf Erfolg hätte. Das ist nicht richtig. Eine Kündigung muss schriftlich erfolgen, per Mail reicht nicht. Wir haben das korrigiert.