Muvid-19

Studierende der Musikhochschule haben in der Quarantäne Kurzfilme gedreht

Stefan Mertlik

Die Kreativität junger Komponisten bleibt auch in der Corona-Zeit ungebremst. Mit wenigen Mitteln haben Studierende der Hochschule für Musik die Online-Kurzfilmsammlung "Muvid-19" auf die Beine gestellt.

Corona schränkt zwar ein, doch begrenzte Möglichkeiten beflügeln die Kreativität. Die Hochschule für Musik Freiburg hat mit dem Projekt "Muvid-19" künstlerisch auf die Zwangspause reagiert. Seit April veröffentlichen Studierende Kurzfilme, die in der Isolation entstanden sind. Dabei gibt es zwei Regeln: Die Clips müssen einen Lautsprecher enthalten und genau 19 Sekunden lang sein.


Aus einer Idee des Studios für Elektronische Musik ist eine stetig wachsende Kurzfilmsammlung geworden. Im Interview spricht Alexander Grebtschenko, Dozent für Elektronische Komposition, über die Idee hinter dem Projekt und den Einfluss von Corona auf das Hochschulleben.

Es gibt zwei Regeln für die Videos: Sie müssen genau 19 Sekunden lang sein und Lautsprecher enthalten. Wieso?

Im Internet gibt es nur eine bestimmte Aufmerksamkeitsspanne. Deshalb dachte ich erst an eine halbe Minute pro Video. Durch Covid-19 kamen wir aber schnell auf die 19 Sekunden. Das ist eine seltsame Dauer, weil sie einem sehr kurz, aber auch sehr lang vorkommen kann. Der Lautsprecher ist ein zentrales Instrument in der elektronischen Musik.



Derzeit sind 57 Videos online. 190 Filme sind angedacht. Wie konnten Sie so viele Leute für die Idee begeistern?

Wir wussten nicht, dass das so große Wellen schlägt. Ich war selber erstaunt, als es plötzlich 50 Videos waren. Auch unser Institutsleiter Johannes Schöllhorn hat ein Video gedreht. Irgendwann haben sich auch Alumnis beteiligt. Mittlerweile sind Videos aus Weißrussland, Südkorea, China, den USA, Bolivien, Spanien und Portugal gekommen. Es gibt klare Regeln, die Videos können aber auch mit dem Handy gefilmt werden. Diese Kombination aus Beschränkung und Freiheit scheint den Leuten zu gefallen.

Ist nach 190 Filmen Schluss?

190 Videos ergeben eine Stunde. Wenn wir eine Stunde abwechslungsreiches Material haben, können wir das als Installation mit Monitor und Kopfhörern präsentieren. Ich glaube, dass wir bis zum Anfang des nächsten Semesters die 190 schaffen.



Das allererste Video "Sour Sauce" stammt von Ihnen. Darin nutzen Sie eine Lautsprecher-Membran als Bratpfanne. Durch den Zeitraffer-Effekt geht sie ruckzuck in Flammen auf. Was war die Idee dahinter?

Erst qualmten die Lautsprecher nur. Bis sie brannten, sind vier Minuten vergangen. Ich habe die Aufnahme auf die Hälfte von 19 Sekunden beschleunigt und anschließend gespiegelt. Dadurch sieht es aus, als würde ich den Lautsprecherbrand in der zweiten Hälfte löschen. Die Tonspur ist ein japanisches Kochrezept von YouTube. Die Latte habe ich bewusst niedrig gehalten, um die Studierenden zur Beteiligung zu animieren.

Welche Videos gefallen Ihnen am besten?

Mir geht es nicht um einzelne Videos. Das Projekt lebt von der Quantität. Natürlich habe ich meine Lieblinge, aber man muss das als Ganzes sehen.



Wie sieht der Hochschulalltag momentan aus? Kehrt so langsam wieder Normalität ein?

Nein, gar nicht. Wir hatten nur Online-Unterricht. Das hat aber besser funktioniert, als ich dachte. Auch die Aufnahmeprüfungen liefen technisch tiptopp. So etwas wie Normalbetrieb ist aber unmöglich. Für diesen Sommer war ein Projekt zum koreanischen Komponisten Nam June Paik mit Veranstaltungen in ganz Freiburg geplant. Das wurde auf nächstes Jahr verschoben. Dadurch kamen wir erst auf die Idee, mit "Muvid-19" einen Ersatz zu schaffen.

Im Sommersemester 2020 wurden die ersten Studierenden für den neuen Studiengang Elektronische Kompositionen aufgenommen. Wie lief es an?

Meine Klasse ist voll. Die Leute, die sich beworben haben, waren auch sehr gut. Bei der nächsten Aufnahmeprüfung hätte ich keinen Platz mehr. Das heißt, es ist ein Erfolg.
Zur Person:
Alexander Grebtschenko, Jahrgang 1975, ist seit 2014 Lehrbeauftragter im Fach Elektronische Musik an der Hochschule für Musik Freiburg – und seit 2019 auch Dozent für Elektronische Komposition.