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Studentin Julia Klar: Wie geht’s und wie geht’s jetzt weiter?

Anika Maldacker

Wie verbringen die Menschen in Freiburg die Krise? Was macht es mit ihnen und wie lenken sie sich ab? fudder fragt bei Studierenden, Sportlern und Selbstständigen nach. Folge 2: Julia Klar, 22, die an der Pädagogischen Hochschule studiert.

Julia Klar, 22, ist in Friedrichshafen aufgewachsen und wohnt seit April 2019 in Freiburg. An der Pädagogischen Hochschule studiert sie derzeit im 4. Semester Erziehungswissenschaften. Am Telefon hat sie fudder-Autorin Anika Maldacker erzählt, wie die Corona-Pandemie ihr Praxissemester durcheinander geworfen hat.

Julia, wie geht es dir?

Es gibt Tage, an denen es mir gut geht und wieder andere, an denen es nicht so gut läuft. Ich habe gemerkt, dass es mir gut tut, wenn ich mir Aufgaben setze, auch wenn es nur Einkaufen ist, damit ich meinen Tag strukturiert habe. Normalerweise würde ich derzeit mein Praxissemester machen. In der Lebenshilfe Freiburg hatte ich meinen Platz schon sicher, aber das wurde abgesagt. Ich wäre im familienunterstützenden Dienst beschäftigt gewesen, also Familie hätten mich beauftragen können, wenn sie für ein Kind oder einen Erwachsenen mit Einschränkungen Hilfe bräuchten. Ich hätte beispielsweise Menschen zur Ergotherapie begleitet oder andere Betreuungsjobs stundenweise gemacht. Daneben hätte ich auch im Büro gearbeitet. Nun kann mir keiner sagen, wann und ob ich noch arbeiten darf. Ich prüfe gerade, ob ich eins meiner vorigen Praktika oder Ehrenämter als Praxissemester anrechnen lassen kann. Denn ich will meinen Abschluss trotz Corona-Pandemie gerne in der geplanten Zeit machen.

Wie hast du die letzten zwei Monate verbracht?

Die meiste Zeit habe ich in Freiburg verbracht. Meine größte Herausforderung war, dem Tag Struktur zu geben. Man muss zwar nicht jeden Tag Dinge abarbeiten, aber ich brauche doch Struktur und Ziele in meinem Alltag. Ich habe seit dem Lockdown wieder Hobbys aufgenommen, denen ich schon lange nicht mehr nachgegangen bin. Ich habe viel gelesen und genäht. Im letzten Monat habe ich sechs Bücher gelesen, früher habe ich nur eins geschafft. Zuletzt habe ich "Wolfszeit" von Harald Jähner gelesen. Meine Nähmaschine wurde mir vererbt. Hauptsächlich ändere ich Details an meinen Kleidern um. Aber ich habe natürlich auch Mund-Nasen-Masken für Freunde und Familie genäht. Dafür habe ich rund eine halbe Stunde gebraucht.

Wie bist du mit der Krise zurechtgekommen?

Ich finde die Situation noch immer als sehr surreal. Ich sehe mich nicht als Betroffene. In meinem Umfeld ist keiner erkrankt, ich kenne niemanden, der davon betroffen ist. Ich finde man muss sich in so einer Situation schon vor Augen führen, wie privilegiert man ist. Denn ich gehöre nicht zu einer der Risikogruppen und meine Existenz ist auch nicht von der Pandemie bedroht.
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Was hat die Pandemie alles für dich verändert?

Das waren kleine Dinge. Ich überlege mir seit der Pandemie zweimal, ob ich einkaufen gehe. Die Menschen verhalten sich zwar verantwortungsbewusst, so wie ich das sehe, aber ich empfinde das Einkaufen als stressig. Die Stimmung ist irgendwie komisch. Dadurch, dass sich so alltägliche Situationen, wie spontane Kaffeepausen mit Freundinnen, nicht mehr so ergeben, hat sich meine Alltagsstruktur verändert. Vieles ist weggefallen, am meisten spüre ich natürlich, dass der Uni-Alltag fehlt. Ich wohne in einer integrativen WG der Caritas. Wir wohnen zu viert, zwei Mitbewohner haben eine sogenannte Behinderung. Wir zwei anderen begleiten und unterstützen sie im Alltag. Dazu haben wir uns immer wieder mit unseren Betreuerinnen getroffen, aber das ist nun ausgesetzt. Als WG gehen wir nun selten zusammen raus, sondern verbringen eher die Abende beim gemeinsamen Kochen oder Filmeschauen zusammen. Meine Familie habe ich seit dem Beginn der Pandemie nicht getroffen. Ich fahre meistens mit dem Fernbus an den Bodensee und diese fahren derzeit gar nicht. Meine Uroma ist außerdem Mitte 90 und hat einen Sohn, der gerade eine Chemotherapie macht. Da will ich natürlich niemanden gefährden. Ich versuche oft mit meiner Familie zu telefonieren oder zu skypen. Was ich merke: Ich habe mich in den vergangenen Wochen mehr bei Freunden gemeldet, als zuvor.

Was hast du in der Zeit über dich selbst gelernt?

Ich habe vor allem gelernt, dass ich eine gewisse Struktur in meinem Alltag brauche. Was mich überrascht hat: Ich kann ganz gut mit der unvorhersehbaren Lage umgehen. Wenn ich mich nicht gut fühle, erinnere ich mich daran, dass bei mir alles in Ordnung ist. Ich habe aber das Gefühl, dass mein direktes Umfeld irgendwie mehr zusammenrückt. Ich verbringe mehr Zeit mit meiner WG, man lernt sich näher kennen – das ist schön.
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fudder möchte in dieser Serie junge Menschen aus Freiburg und der Region vorstellen und sie fragen, wie es ihnen in der Krise geht. Dabei möchte die Redaktion einen Querschnitt der Gesellschaft zeigen. Ab Mittwoch stellen wir regelmäßig eine Folge von "Wie geht’s und wie geht’s jetzt weiter?" online.

Was bedeutet die Pandemie für dein Studium?

Ich hoffe, dass ich gegen Ende des Jahres noch arbeiten kann. Es werden auch Alternativen zum Praxissemester an der PH geboten, beispielsweise dass man eine schriftliche Arbeit als Ersatz anfertigt. Ich würde mein Studium gern in der Regelstudienzeit beenden. Wenn ich das Praxissemester nachholen müsste, könnte ich das erst im nächsten Sommersemester machen. Im Moment nehme ich an einem digitalen Seminar teil, das das Praxissemester ursprünglich hätte begleiten sollen. Nach meinem Bachelor in Freiburg würde ich gerne meinen Mater machen. Wo und was steht aber noch nicht genau fest. Müsste ich länger studieren, würde sich all das nach hinten verschieben. Wäre zwar doof, aber wenn ich ehrlich bin auch kein Weltuntergang

Wie geht's jetzt für dich weiter?

Im Moment mache ich meine Uni-Aufgaben und stehe mit der Lebenshilfe darüber im Kontakt, ob ich an bestimmten Stellen noch einspringen und helfen könnte. Außerdem überlege ich gerade, ob ich, sobald man das wieder darf, ein paar Tage alleine in den Bayrischen Wald zum Zelten fahren soll. Nach Hause würde ich auch mal gerne wieder, mein Patenkind hat im Juni Geburtstag. Ob das dann aber wieder geht, ist schwer absehbar.
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