Tarifkonflikt

Streik lähmt Freiburgs Nahverkehr – lange Staus am Dienstagmorgen

Joachim Röderer & dpa

Für Pendler und Schüler ist es ein zäher Tag: Wegen eines Warnstreiks fahren in Freiburg weder Trams noch VAG-Busse. Das wirkt sich auf den Straßen aus - Autofahrer brauchen Geduld.

Die Beschäftigten der Freiburger Verkehrs AG (VAG) sind dem Streikaufruf der Gewerkschaft Verdi gefolgt. Die Busse und Straßenbahnen bleiben an diesem Dienstag im Depot. Die Fahrgäste, die sonst den öffentlichen Nahverkehr in der Stadt nutzen, sind im Regen auf dem Rad oder zu Fuß unterwegs – oder aufs Auto umgestiegen.


Das führt zu teils langen Rückstaus. Auf dem Zubringer-Mitte reichte der Stau um 8 Uhr zurück bis nach Umkirch – also sogar über die A5-Zufahrt-Mitte hinaus. Aus Richtung Osten war der Rückstau zunächst deutlich kürzer. Auf der Autobahn A5 gibt es ebenfalls Verkehrsbehinderungen. Die Verkehrsdienste melden 15 Kilometer stockenden Verkehr in Richtung Süden. Zwischen Riegel und Freiburg staut es sich zudem bei einer Baustelle.
Welche Ausnahmen gibt es in Freiburg?

In Freiburg fahren nur die Linien 15 und 16 in Gundelfingen sowie die Linie 31 (Paduaallee – Niederrimsingen – Gündlingen – Breisach) nach dem üblichen Fahrplan. Bei der Linie 32 (Haid – Rieselfeld – Opfingen – Waltershofen – Paduaallee) entfallen einzelne Fahrten. Auf dieser Linie finden all jene Fahrten statt, die im Auftrag der VAG durch private Subunternehmer gefahren werden. Weitere Informationen zur Lage in Freiburg finden Sie in unserem Servicetext: Busse und Bahnen stehen am Dienstag in Freiburg still.

Die Reaktionen auf den Ausstand fallen unterschiedlich aus. "Ich bin immer für Streik – das ist in Ordnung, auch wenn ich jetzt zur Arbeit laufen muss", sagt ein Kunde morgens kurz nach 8.30 Uhr am Kiosk auf der Stadtbahnbrücke. Viele Nutzerinnen und Nutzer kommen die Treppenstufen und Rolltreppen von den Gleisen hoch – und viele bleiben verdutzt vor den Streik-Hinweisen stehen, die auf den Displays der Fahrgast-Information angezeigt werden.

Eine VAG-Nutzerin schimpft: "Dieser Streik ist unverschämt"

"Dieses Mal ist der Streik vorher wohl nicht so gut angekündigt worden", hat Kiosk-Betreiber Edgar Wölfle beobachtet. "Viele Leute standen heute Morgen hier oben und sind ausgerastet: Wie soll ich jetzt auf die Haid kommen?" Viele haben sich offenbar für ein Taxi entschieden. Vor dem Bahnhof steht in dem Moment kein einziges Fahrzeug: "Normalerweise sieht man dort um die Zeit eine lange Schlange", so der Kiosk-Betreiber.

Der Kiosk ist vom Streik auch betroffen. Nur zehn Prozent vom normalen Umsatz hat Wölfle in den ersten Stunden dieses Dienstagsmorgens gemacht. "Ich schließe nachher zu und mache dann daheim Büroarbeit, das bringt mehr", sagt er.

Für den Streik hat er überhaupt kein Verständnis: "Das passt überhaupt nicht in die Zeit der Corona-Epidemie", findet er. Durch den VAG-Streik seien viele Busse der nicht bestreikten Südbadenbus GmbH an dem Morgen "randvoll gewesen". So erhöhe sich die Ansteckungsgefahr.

"Viele Leute standen heute Morgen hier oben und sind ausgerastet: Wie soll ich jetzt auf die Haid kommen?" Edgar Wölfle
Eine Kundin, die sich einen Kaffee geholt hat, pflichtet Wölfle bei. Sie kam statt mit der Straßenbahn mit dem Zug aus Gundelfingen, zum Bahnhof dort hat sie die Linie eines Privatbusunternehmens gefahren. "Die Regio-Karte wird immer teurer und dann können wir sie nicht nutzen", schimpft sie. Der Streik sei eine Unverschämtheit, treffe vor allem die älteren Menschen und Behinderte hart. "Ich habe Bekannte bei der VAG: Die Fahrerinnen und Fahrer verdienen schon ganz gut, verglichen mit Beschäftigten mit Einzelhandel." Und auch sie findet: In Corona-Zeiten einen Streik anzuzetteln, das gehe gar nicht. Dieser Streik, findet sie, das grenze schon an Nötigung.

Für den heutigen Dienstag ruft Verdi insgesamt 6400 Beschäftigte zu ganztägigen Warnstreiks in kommunalen Verkehrsbetrieben auf. Betroffen sind neben Freiburg auch Konstanz, Stuttgart, Karlsruhe, Baden-Baden, Esslingen und Heilbronn. Grund für den Warnstreik im Nahverkehr seien die stockenden Verhandlungen in der Manteltarifrunde für den kommunalen Nahverkehr in Baden-Württemberg, so Verdi. Gut für Fußgänger und Radfahrer: Der Regen soll laut den Wettervorhersagen im Laufe des Dienstags aufhören.

Kita-Streik in Stuttgart

Vom Warnstreik sind in Baden-Württemberg auch drei kommunale Kliniken im Kreis Göppingen und in Rastatt betroffen. Am Mittwoch sollen vier Kliniken im Kreis Ludwigsburg und dem Rems-Murr-Kreis folgen.

In Stuttgart mussten am Montag auch zahlreiche Kinder zu Hause bleiben. 119 Kindertagesstätten waren nach Angaben der Landeshauptstadt geschlossen. 61 Einrichtungen blieben ganz oder zeitweise geöffnet. Von dem Warnstreik im öffentlichen Dienst war auch die Schülerbetreuung betroffen. Nach Angaben der Gewerkschaft Verdi legten rund 2000 Menschen in Stuttgart ihre Arbeit nieder. Zudem wurden am Montag die Stadtwerke Ulm bestreikt.

Verdi fordert für die bundesweit 2,3 Millionen Tarifbeschäftigten im öffentlichen Dienst des Bundes und der Kommunen 4,8 Prozent mehr Lohn, mindestens aber 150 Euro mehr im Monat. Die Arbeitgeber haben in den ersten zwei Verhandlungsrunden noch kein Angebot vorgelegt. Die dritte Verhandlungsrunde ist für den 22. und 23. Oktober angesetzt.

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