Sommerfrische am Titisee

Marie Schächtele

Der Schwarzwald ist bekannt für schnapshaltige Kirschtorte, Schinken und seine "schönen Mädchen", wie sie im Badnerlied besungen werden. Tourismusmanager vereinen all diese Klischees in Titisee. Jährlich bis zu zwei Millionen Touristen begeben sich in den Kurort. Wir auch. Eine Erholungssuche.



Bereits vom Bahnsteig aus zu sehen, lockt das „Hotel Restaurant Waldlust“ den Besucher zu den Genüssen von Titisee. „Neuen Schwung holen und den Alltag hinter sich lassen“, so wirbt ein Magazin den Urlauber. Der Anschein einer perfekten Idylle.

Direkt vom Ausgang des mit Schindeln besetzten alten Bahnhofs weisen orangefarbene Schilder den Touristen ihren Weg hin zu der Flaniermeile am See. Die Schilder sind überflüssig, denn ein Strom von Menschen mit Fotoapparaten zieht in Richtung Seestraße. Ein Großteil davon sind Rentner und Familien mit Kindern. Hier, zwischen 800 und 1200 Metern Höhe, lässt es sich frei atmen.



Der mit einigen Wolken bedeckte Himmel über ihnen leuchtet blau, verziert von Kondensstreifen und den eleganten Bewegungen eines rosa Gleitschirms. Die Sonne scheint auf den Asphalt und ist doch gut auszuhalten, denn der Seewind vergibt ständig eine sanfte Brise. Dicht an dicht die Straße entlang bis hin zum See und weiter befinden sich Geschäfte, Souvenirshops, Biergärten und Hotels. „Ihr Rendezvous mit der Natur“ bietet die Filiale einer Hotelkette bei einem Aufenthalt im Ort. Doch ihr mächtiger Bau stört das Landschaftsbild.

Überall gehen Menschen. „Hauptsächlich aus Deutschland, aber auch aus den Nachbarländern Frankreich, Schweiz und Benelux“, sagt eine junge Frau im Tourismusbüro. Die Ohren eröffnen außerdem den Blick auf zahlreiche Menschen aus Spanien und aus verschiedenen Teilen Asiens. Viele tragen Sonnenbrille. Den Blick verklärt, genießen sie ihre Ferien bei Seeluft, Einkäufen für die Verwandtschaft oder beim Essen.



Das azurblaue Wasser des Sees glitzert und lädt zum Schwimmen ein, aber den meisten ist es dafür zu kalt. Dafür können die Urlauber mit zwei Schifffahrtsbetrieben Rundfahrten machen, Tretboot oder Elektroboot fahren oder gleich den „Family Donut“ für acht Personen mieten.

Der See ist überfüllt von ungefähr dreißig verschiedenen Booten in rot, grün, gelb, orange. Mit Sonnenschutz und ohne. Ein großer Balkon am Ufer ermöglicht einen Blick auf den Titisee und auf den Feldberg. Seine Geländer sind mit korallenroten Geranien geschmückt. Wenn man sich umdreht, sieht man ein kräftiges Rot von Porzellanpuppen, Bollenhüten und Ansichtskarten von Bollenhüten.



Im rechten Winkel dazu steht ein Pappmozart und wirbt für seine Kugeln. Mozart war Salzburger. Die Information an den besagten Porzellanpuppen besagen, dass sie in einem Ort in Bayern produziert werden. Auch Schweizer Artikel verkauft man am Titisee als Typikum. Für die Touristen werden die Entfernungen der Regionen und Staatengrenzen einfach aufgehoben. Wieder rot, diesmal ein Coca-Cola-Schirm. Eine Werbung von vielen. Die Global Player sind optisch weitaus stärker vertreten als kleine, regionale Unternehmen.



Die Gastronomen versuchen es ebenso überregional: Kartoffelpuffer für 2,80 €, Fleischkäse, Spätzle, „Bayrische Weiße“ für 2,70 €, was übrigens eine Weißwurst betiteln soll; chinesisch und italienisch kocht man am Titisee selbstverständlich auch. Da hält man sich nicht lange mit Ratlosigkeit darüber auf, wer die Unmengen an Mülleimern füllt. Einer davon ist unter einer Werbetafel versteckt, um ihn unsichtbar zu machen. Wie zeichenhaft, dieses Bild.

In den Souvenirshops häufig sichtbar sind viele Kuckucksuhren, die sich, welch Wunder, ihrer Herkunft bezüglich treu bleiben und nachweisbar, wie der Händler betont, „im Schwarzwald produziert“ werden, um später einmal in Übersee-Wohnzimmern zu ticken. Es finden sich hier außerdem regionale Keramik, Glaskunst und Holzschnitzerei.



Dieses Zusammenspiel von Künstlichem und Echtem ist typisch, egal ob bei Waren oder in der Vegetation. Ein großes Hotel ziert seine Terrasse mit Plastikpalmen. Im Hintergrund grünt der Schwarzwald. Ein Kontrast made in Titisee.

Wenn der Tourist sich mittendrin im Unechten befindet, weil er aus dem Fenster des Hotels blickt, bekommt er die andere Perspektive manchmal überhaupt nicht zu Gesicht. Den Einheimischen ist dieser Bruch bewusst. „Ich habe nichts davon“, sagt eine Frau. Sie meint den ganzen Touriklimbim.

Alles Künstliche soll die Natur wohl verzieren und hervorheben, aber der Versuch scheitert kläglich. Ohne jeden Schnickschnack könnte die Ortschaft für sich stehen. Doch es finden sich halbherzig eingerichtete Läden in uralten Schwarzwaldhäusern. Christbaumkugeln im Sommer an mehreren Ecken und Regalen: was anderswo nur saisonweise geht, läuft am Titisee das ganze Jahr über.

Die Meile am See verbraucht den Ort zum Freizeitpark, der zuerst einmal den oberflächlichen Begierden der Menschen, wie dem Kaufrausch, gerecht wird. Um hier Entspannung zu finden, muss man sich weiter weg begeben, auf den Hochfirst etwa oder in die Rötenbachschlucht. Erst dann gelangt man mitten ins Geschehen der Naturschauspiele.



Wenige Menschen nur sitzen abseits des Rummels auf einem kleinen Stück Wiese am See. Sind sie Bewohner des eigentlich idyllischen Dorfes? Wohl kaum, denn diese wissen sicherlich in ihrer freien Zeit das Areal zu meiden, auch wenn viele von ihnen vom Tourismus leben. Die hellen, gepflegten Gardinen schließen sie mit dem Arbeitsende. „Entspannung finde ich, wenn ich durch den Wald spaziere. Die Promenade hier ist mir viel zu laut und zu unruhig “, sagt ein Einwohner.

Auf der Wiese jedenfalls sind es vielmehr Menschen, die sich nach richtigem Urlaub sehnen. Diese Welt aus Teer und Plastik strengt an. Sie wirkt penetranter als die Natur. Die Urlauber, die hier herkommen, wollen beides haben. Aber eben nur auf begrenzte Zeit. Klischees und Lebendigkeit. Schneller Service und ursprüngliche Landschaft in einem. Es stellt sich die Frage, was hinterher bleibt. Dem Urlauber, dem Bewohner und der angegriffenen Natur.

Mehr dazu:

fudder.de: Zwei Nordhorner im Schwarzwald

Foto Galerie: Marie Schächtele

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