Erfahrungsbericht

So lebt es sich im Lockdown in Schweden

Carolin Johannsen

Seit August ist fudder-Autorin Carolin Johannsen für ein Erasmus-Jahr in Umeå in Schweden. In den vergangenen Wochen hat sie erlebt, wie sich das Land allmählich von seinem "Sonderweg" abgewandt hat und sich nun im Lockdown befindet.

Die erste, die mir von einer Veränderung in der schwedischen Corona-Politik erzählte, war meine Mitbewohnerin. Wir standen in der Küche, ich erzählte, dass ich den Tag in der Bibliothek verbracht hatte, woraufhin sie fragte, ob ich denn noch Präsenzveranstaltungen auf dem Campus in Umeå hätte. "Natürlich", war meine Antwort.


Ganz so selbstverständlich ist das allerdings auch für Schweden nicht. Schon zum Semesterstart Ende August stand bei mir fest, dass nur zwei meiner drei Kurse auf dem Campus stattfinden werden und auch das nur teilweise. Meine Mitbewohnerin erzählte mir, dass die Regierung unserer Region, der Region Västerbotten im Norden Schwedens, überlegte, Restriktionen einzuführen, weil die Fallzahlen stiegen. So ganz glauben, konnte ich das nicht. Die letzten Wochen hatte ich mich darauf verlassen, dass Schweden, egal was passieren würde, sicher keine Einschränkungen beschließen würde. Warum also jetzt plötzlich?

Für mich und viele in meinem Umfeld kamen die neuen Regeln ein wenig unerwartet. In den vergangenen Wochen hatte niemand ernsthaft damit gerechnet, dass sich die Corona-Politik des Landes großartig ändern würde. Wie selbstverständlich fand alles statt, als gäbe es die Pandemie nicht. Regelmäßige Treffen mit anderen Erasmus-Studierende, Café-Besuche und Partys waren für mich ganz normal. Natürlich gab es dabei kleinere Einschränkungen, aber bei Personen-Obergrenzen von 50 Personen fühlte sich das nicht so an. Und die Sticker und Schilder mit "Halte Abstand" klebten bis vor kurzem noch nicht an jeder Tür. Bisher war der schwedische Sonderweg auf Selbstverantwortung ausgelegt mit dem Appell: bleib zuhause und lass dich testen, wenn du Symptome hast.

Plötzlich war das Virus wieder ganz nah

Die einzige für mich spürbare Einschränkung war die digitale Lehre. Die läuft in Schweden übrigens sehr routiniert – meine Uni hat schon lange mehrere funktionierende Lernplattformen. Probleme hatte ich damit bisher noch nicht.

Bis Mitte Oktober blieb das auch so, bis dann die Fallzahlen stiegen. Der Punkt, an dem mir das erste Mal wirklich klar wurde, dass sich etwas ändern musste, war, als mein Mitbewohner Corona bekam und auch in meinem weiteren Umfeld Fälle bekannt wurden. Plötzlich war das Virus wieder ganz nah. Ich habe seitdem selbst, mehr oder weniger unbewusst, begonnen, mehr Verantwortung zu übernehmen. Beispielsweise gehe ich nicht mehr jeden Tag in die Uni-Bibliothek und habe meine Fitnessstudio-Besuche deutlich reduziert.

Die weitere Entwicklung ging dann schnell. Die für meine Region geplanten Restriktionen wurden beschlossen, allerdings als Empfehlungen formuliert. Man solle, wenn möglich, öffentliche Orte meiden, Kontakte minimieren und nur wenn unbedingt notwendig den ÖPNV nutzen. Auf den ersten Blick wirkten diese Empfehlungen auch. Plötzlich trugen einzelne Menschen beim Einkaufen Masken und in der Unibibliothek wurden noch mehr Arbeitsplätze abgesperrt und plötzlich warteten Menschen wirklich bewusst an den markierten Wartelinien an der Kasse, was vorher nicht der Fall gewesen war. Aber dann, eine Woche später, wurde von der schwedischen Regierung ein Lockdown für das ganze Land beschlossen, der jetzt seit dem 24. November gilt.

Es gibt noch keine Maskenpflicht

Scheinbar hat der Fokus auf die Selbstverantwortung der Menschen nicht gereicht, weswegen sich die Regierung nun doch für diesen Schritt entschieden hat. Verständlich, so wie die Fallzahlen in die Höhe geschnellt sind. Es ist eine ähnliche Entwicklung wie in Deutschland – ein Zeichen dafür, dass der auch so oft auf Querdenker-Demonstrationen gefeierte Sonderweg scheinbar nicht mehr funktioniert.

Ich kann allerdings verstehen, dass Schweden lange damit gehadert hat, ebenfalls einen Lockdown einzuführen. Schließlich berichteten nahezu alle internationalen Medien seit Beginn der Pandemie von dem "Schwedischen Sonderweg", an dem das Land festhielt. Einen Kurswechsel einzuschlagen, war somit nahezu gleichbedeutend damit, sich Fehler einzugestehen – etwas, das die Schweden nicht besonders gut können. Vielleicht gibt es deswegen auch (noch) keine Maskenpflicht. Der Staatsepidemologe betont weiterhin, dass die Studienlage in Bezug auf die Effektivität eines Mund-Nasen-Schutzes noch schwach sei und sieht deshalb von einer allgemeinen Maskenpflicht ab. Es scheint der letzte Aspekt der ursprünglich so liberalen Corona-Politik zu sein, an dem er sich festklammert. Allerdings lese und höre ich inzwischen immer öfter, dass viele nach einer Maskenpflicht verlangen.

Der Dienstag, an dem der Lockdown eingeführt wurde, war für mich aber ein Tag wie jeder andere. Denn die schwedischen Lockdown-Regeln sind immer noch sehr liberal. Man zählt darauf, dass die Schweden verantwortungsbewusst und rücksichtsvoll sind und schließt deswegen weder Restaurants noch Fitnessstudios. Als ich an diesem Dienstagabend in der Kletterhalle war, um mich herum zahlreiche andere Sportler, musste ich deswegen kurz überlegen, ob der Lockdown wirklich schon an diesem Tag angefangen hatte. Dort war nichts davon zu spüren.

Maskenträger sind eine Minderheit

Ein paar Tage später saß ich in der Stadt in einem Café und lernte. Vorher bin ich durch die weihnachtlich geschmückte Fußgängerzone spaziert. Es war genauso voll wie vor dem Lockdown – nur habe ich dieses Mal zwei, drei Leute mit Maske gesehen. Das ist ein merkwürdiger Anblick, denn sie sind deutlich in der Minderheit.

Abgesehen von der Uni, die nun auch komplett digital abläuft, merke ich persönlich von den Einschränkungen nicht viel. Ich treffe weiterhin meine Freunde, denn bis acht Personen ist es erlaubt, gehe Bouldern und Schwimmen und ins Fitnessstudio und kaufe ohne Maske ein. Und wie es scheint, halten es die Schweden genauso, denn leerer als vor ein paar Wochen ist es nirgendwo.

Der Lockdown in dem skandinavischen Land ist kein Vergleich zum deutschen Lockdown im Frühjahr und auch nicht so streng wie der jetzige "Lockdown-Light". Irgendwie ist es also immer noch ein schwedischer Sonderweg. Nur eben jetzt auch mit dem Label "Lockdown".