Slides statt Bierkrug: Der Freiburger Longboard-Stammtisch

Lorraine Kihl

Wenn's warm ist, findet er im Dreisamtal oder irgendwo in Freiburg statt, im Winter im Parkhaus: der Longboard-Stammtisch. Seit zehn Jahren versammelt sich Woche für Woche die hiesige Szene um ihn; mittlerweile kommen jedes Mal bis zu 50 Fahrer. Für den fünften und letzten Teil unseres wehmütigen Longboard-Abschieds vom Herbs begleitete fudder-Autorin Lorraine die Stammtischler nach Herdern - sliden. [Mit Foto-Galerie!]



„Wo ist dein Brett?“ Es ist Mittwochabend auf dem Augustiner Platz, und ein Dutzend ratlose Gesichter warten auf eine Antwort. Hm ... Die Idee war eigentlich, nur zwei, drei Fotos zu machen und sich vielleicht noch mit ein Paar Longboardern für ein Interview zu verabreden. Aber boarden? „Du willst übers Longboarden berichten, dann mach einfach mit!“ Falls irgendein Zweifel bestand: Das hier ist kein Ort für effektheischende Rede.

Ein paar Minuten später fährt eine bunt gemischte Gruppe Richtung Herdern los. Manche waren kurz davor noch in der Schule, andere bei der Arbeit. Eine Mexikanerin, die in Basel studiert, ist extra nach Freiburg gefahren, um sich ein Brett zu besorgen. Vom Stammtisch hatte sie schon einmal gehört, ist aber zufällig am Mittwoch gekommen. Beim Bremsen wirkt sie noch etwas unsicher, aber sie macht einfach mit.

Longboarden galt lange als Beach-Boy-Sport

Wir erreichen die Sonnhalde, eine scharfe Kurve in einem ruhigen Wohnviertel. Jeder zieht schnell Helm, Handschuhe und Schützer an. Keine Zeit zu verlieren. Und so setzt sich ein nettes Ballett aus Brettern in Bewegung.

Die Longboards rasen und rutschen unermüdlich. Fleißig üben die Jüngsten, um die Slide-Bewegungen perfekt zu beherrschen. Sie stehen tief in den Knien und hochkonzentriert auf dem Brett - und wenn die Geschwindigkeit groß genug ist, rutschen sie mit den Plastikscheiben, die auf den Innenseiten ihrer Handschuhe befestigt sind, über den Asphalt und pushen die Füße, um zu bremsen. Laufen wieder hoch. Und noch einmal von vorne.



Diese Art zu fahren, ist relativ neu und hat in ein paar Jahren den Sport revolutioniert. Longboarden galt lange als Beach-Boy-Sport. Cool ... in den 70er Jahren. Die Bretter waren zu lang, um damit Tricks zu machen oder durch die Stadt zu fahren.

Die Rettung kam aus den Bergen. Die zunehmende Verbreitung des Snowboardens hat immer mehr Sportler dazu gebracht, nach Ersatz für den Sommer zu suchen. Das Longboard, das ursprünglich von Surfern aus dem gleichen Grund erfunden wurde, vermittelt ein ähnliches Gleitgefühl und erlaubt - im Gegensatz zum Skateboard -, lange Strecken zu fahren und hohe Geschwindigkeiten zu erreichen.

Durch das Downhillboarden – das schnelle Herunterfahren von Hängen – haben sich neue Firmen gegründet, die technisch anspruchsvollere Bretter, Achsen und Rollen herstellten. So können die Longboarder beim Sliden schneller bremsen und ihre Geschwindigkeit besser kontrollieren und so locker bis zu 90 Stundenkilometer erreichen.
„Seit einem Jahr kommen immer mehr Kids“, sagt Kübi. „Bisher betraf es eher skate-erfahrene Leute ab 25, die mehr Geld und Interesse für den technischen Aspekt des Sports haben.“ Longboarden liegt aber nun voll im Trend, und der Stammtisch empfängt bei schönem Wetter bis zu 50 Leute - die Gelegenheit für den Layback-Shop, eine Stammkundschaft heranzubilden. „Es ist Layback wichtig, ein breites Publikum anzusprechen. Wir haben teilweise natürlich auch kommerzielle Absichten,“ gibt Willi zu, „aber die Leidenschaft in unseren Augen ist echt.“

„Wir sind weder bescheuert, noch wollen wir sterben"

Die erfahrenen Longboarder geben gerne Rat. Und hat einer eine einfache Bewegung oder einen Profitrick erfolgreich gemeistert, steckt er die ganze Gruppe mit seiner Freude an. Klapp! Klapp! Jemand klatscht mit den Plastikscheiben seiner Handschuhe: Ein Auto kommt. Flu, der gerade losgefahren war, bremst sofort ab und geht beiseite. Ärgerlich. Das Klatschen ersetzt eine Klingel. Es warnt die Longboarder vor Gefahren und weist Fußgänger auf ihre Anwesenheit hin.

Plötzlich kommt ein Mann aus einem anliegenden Haus. Beschwerde? Von wegen! Er bringt seinen Müll raus und amüsiert sich daran, uns Hindernisse in den Weg zu stellen. „Oft sprechen uns Passanten wegen der Gefahr an, den unser Sport birgt,“ sagt Willi. „Wir reden dann einfach mit ihnen, und sie verstehen schnell, dass wir keine bösen Kerle sind. Die meisten versuchen dann auch, unsere Motivation zu verstehen. Sie merken: Wir sind weder bescheuert, noch wollen wir sterben. Falls sich jemand aufregt, diskutieren wir nicht und hauen ab.“



Nach einer Stunde wird jeder lockerer beim Fahren. Herausforderung und Wettfahrt fangen in einer fröhlichen Stimmung an. Drei springen plötzlich auf ihr Brett, rasen sehr nah beieinander den Hang hinunter und sliden so schnell und scharf wie möglich. In ein paar Sekunden sind sie schon unten - außer sich vor Lachen. Der Unterschied zwischen Erwachsenen und Jugendlichen verschwimmt. Jeder hat Riesenspaß, und die Älteren gebaren sich mit ihren Neckereien und Wettfahrten manchmal sogar am kindlichsten. Erfrischend.

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Foto-Galerie: Lorraine Kihl


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