Selbstversuch: Cricket, der vielleicht populärste Sport der Welt

Karim Saleh

Cricket ist die vielleicht populärste Sportart der Welt. Eine Milliarde Menschen sahen im März das Spiel Indien gegen Pakistan im Fernsehen - mehr als beim Super-Bowl. Nur in Deutschland kennt fast niemand den Sport - bei dem schon mal eine Mittagspause eingelegt wird, um Curry zu essen. fudder-Autor Karim Saleh hat beim FFC Cricket Club mitgespielt:



Der Super Bowl? Das Fußball-WM-Finale? Nein, die meisten Fernsehzuschauer hatte im vergangenen Jahr eine andere Sportveranstaltung: das Auftaktspiel der Cricket-WM zwischen Pakistan und Indien sahen weltweit über eine Milliarde Menschen.

In Deutschland hält sich die Begeisterung für diesen Sport in Grenzen. Selbst die Fantasiesportart Quidditsch ist deutlich bekannter. Die Freiburger Cricket-Mannschaft, der FFC Cricket Club, teilt sich den Sportplatz mit einer Jugendfußballmannschaft.

Die Leidenschaft für diesen Sport ist vor allem in Ländern des ehemaligen britischen Kolonialreiches verbreitet. Pakistan, so die Legende, habe sich nur von Indien losgelöst, um ein eigenes Nationalteam gründen zu können. Auch die Spieler des FFC stammen größtenteils aus Pakistan. Sie sind Studenten und Selbständige. Ihre Liebe zum Cricket ist so groß, dass sie es auch auf sich nehmen, das Team komplett selbst zu finanzieren.

Ihnen verdanke ich meine Aufklärung über diese faszinierende Sportart.

Beim Cricket treten in zwei Innings zwei Mannschaften à 11 Spielern gegeneinander an. Im Zentrum des ovalen Spielfeldes befinden sich die 22 yards (ca. 20 m) lange und 10 feet (ca. 3 m)  breite Pitch. An deren Enden steht jeweils ein Wicket, eine Konstruktion aus drei Stäben, auf denen zwei kleinere Querstäbe lose aufliegen. Dazwischen duellieren sich Bowler (Werfer) und Batsman (Schlagmann) mit Ball und Schläger um Runs.



Obwohl ich keinerlei Vorkenntnisse besitze, darf ich am letzten Training des FFC vor dem Heimspiel gegen die Karlsruhe Tigers teilnehmen. Auf dem Trainingsgelände am Dietenbachsee geht es nach zwei lockeren Runden um den Platz und Aufwärmübungen für Arme und Schultern mit dem Fangtraining los.

Die erste Übung ist ein Härtetest für meine Reaktionsschnelligkeit. Die Mannschaft positioniert sich im Halbkreis um ihren Captain Mohsin - ein Spieler mit Gardemaß. In seinen Händen hält er einen breiten Schläger aus Holz. Dann wird ihm der erste Ball zugeworfen. Ein Cricketball hat rund sieben Zentimeter Durchmesser und besteht aus einem Korken, der mit Tauen umwickelt und mit rotem Leder bespannt ist.

Halbhoch schlägt Mohsin den Ball zurück in Runde. In wessen Richtung er fliegt, folgt keinem System. Alle müssen ständig darauf gefasst sein. Die Bälle kommen präzise in den Raum zwischen zwei Spielern. Nur mit einem blitzartigen Ausstrecken des Armes schafft man es, den Ball zu fangen. Tatsächlich gelingt es mir ein paar Mal. Meist sehe ich nur ein kleines rotes Etwas an mir vorbeisausen oder schaffe es nicht, den Ball festzuhalten.

Entscheidungen in Sekundenbruchteilen

Den Ball aus der Luft zu fangen ist ein entscheidendes Element des Spiels. Wenn der Ball vor dem ersten Kontakt mit dem Boden gefangen wird, scheidet der Batsman aus und wird durch einen anderen Spieler aus seiner Mannschaft ersetzt.

Der Batsman entscheidet situativ im Bruchteil einer Sekunde, wie er den Ball schlägt. Da in vielen Situationen der Ball hoch bzw. flach und weit geschlagen wird, gibt es noch eine zweite Fangübung. Die Mannschaft stellt sich an einem Ende des Feldes auf. Mohsin schlägt von der gegenüberliegenden Seite die Bälle ins Feld.

Schnell lerne ich die Tücken kennen. Der erste Ball kommt flach. Ich renne los. Beim ersten Kontakt mit dem Rasen beschleunigt der Ball noch einmal. Ich schaffe es dennoch, mich rechtzeitig zu positionieren. Kurz vor meinen fangbereiten Händen kommt der Ball nochmal mit dem Rasen in Berührung und ändert seine Richtung. Ich kann nicht mehr reagieren. Statt in meinen Händen zu landen, prallt er am Arm ab.

Es folgt direkt der nächste Ball. Er fliegt hoch und weit. Ich habe viel Zeit, mich in Stellung zu bringen. Dann stehe ich da, warte, beobachte, wie der Ball langsam vom Himmel fällt und schließlich in meinen Händen landet. Leider bleibt er dort nicht liegen. Er springt wieder hinaus und plumpst auf den Boden. Das passiert, wenn man nicht bis zum letzten Moment konzentriert bleibt. Bei den folgenden Runden stelle ich mich geschickter an und fange ein paar Bälle.  

Bowlen ist nicht Werfen

Dann wird das Bowlen trainiert. Wie sich das Bowlen vom Werfen unterscheidet, lässt sich in den Laws of Cricket nachlesen. Nisfat Butt, Vorsitzender des FFC, erklärt mir, dass ich den Ball mit ausgestrecktem Arm über dem Kopf bowlen müsse. Halten soll ich den Ball nur mit Daumen, Zeige- und Mittelfinger. Ziel ist es, das Wicket zu treffen oder dem Batsman keine leicht zu schlagende Vorlage zu geben. Soviel zur Theorie.

Ich nehme einen kurzen Anlauf und bowle den Ball weit über Batsman und Wicket hinweg. Die anderen feuern mich an und spenden mir aufmunternden Applaus. Der zweite Versuch geht links und noch höher vorbei. Schließlich finde ich den richtigen Moment zum Loslassen. Der Ball kommt auf der Pitch auf und springt weiter Richtung Batsman. Je höher der Ball abspringt desto schwieriger wird es für den Schlagmann.



Ich bin noch weit davon entfernt, den Batsman in Schwierigkeiten zu bringen oder gar das Wicket zu treffen. Aber die Richtung stimmt und ich bowle regelkonform. Ich lerne, dass es zwei Sorten von Bowlern gibt. Die einen bowlen mit Kraft und Geschwindigkeit. Die anderen bowlen langsam, aber mit viel Spin. Ein erster Versuch, den Ball nach rechts abdrehen zu lassen, endet beinahe am Helm des Schlagmannes. Er kann den Ball noch mit dem Schläger abwehren. Ehe schlimmeres passiert, übe ich weiter geradeaus zu werfen.

Höhepunkt für einen Bowler ist es, einen Hattrick zu erzielen. Das bedeutet mit drei Würfen in Folge einen Batsman auszuwerfen. Die Krönung für den Batsman ist es, ein Century zu erreichen. Das bedeutet, 100 oder mehr Runs zu erzielen. Viele der Runs werden durch tatsächliches Rennen erworben. Die nicht gerade leichte Ausstattung verlangt, wie ich selbst merke, eine gute Fitness. Zu Helm und Handschuhen kommen Pads für die Beine. Einige Spieler tragen darüber hinaus noch eine Box zum Schutz der sogenannten Gentleman’s Region sowie einen Schutz für die Arme oder gar einen Brustschutz unter dem Hemd.

Während eines Spiels stehen für die Schlagmannschaft zwei Batsmen auf dem Feld. Einer an jedem Ende der Pitch. Wird der Ball weit genug geschlagen, versuchen die Batsmen, die Seiten zu tauschen. Für jedes Mal wird ein Run gutgeschrieben. Wird der Ball direkt aus dem Feld geschlagen, werden direkt sechs Runs gezählt. Im Unterschied zum Bowlen, werden beim Schlagen alle elf Spieler eingesetzt. Wenn zehn ausgeschieden sind, ist das Inning automatisch vorüber.

So kommt auch im Training jeder in den Genuss des Schlagens. Es ist der für mich schwierigste Part. Selbst extra langsam geworfene Bälle sind für mich zu schnell. Ich bin schon froh, wenn ich mit dem Schläger in die Nähe des Balles komme. An den Händen getroffen zu werden ist auch mit gepolsterten Handschuhen schmerzhaft.

Was mit dem geworfenen Ball anzufangen ist, muss in einem Sekundenbruchteil entschieden werden. Vielleicht muss man mit Cricket aufgewachsen sein, um die notwendige Reaktionsschnelligkeit entwickeln zu können. Das Schlagen überlasse ich bald wieder lieber den anderen.



Schon der geworfene Ball kann bei Profis bis zu 160 km/h erreichen. Der australische Cricket-Nationalspieler Phillip Hughes ist im November vergangenen Jahres seinen Verletzungen erlegen. Trotz Helm hatte ein Treffer am Kopf schwere Gehirnblutungen zur Folge.

Cricket stellt auf der einen Seite höchste athletische Anforderungen an die Spieler und verlangt stundenlange Konzentration. Auf der anderen Seite spiegelt dieser Sport ein aus der Zeit gefallenes Lebensgefühl wieder. Während die meisten in Deutschland üblichen Sportarten einen klaren zeitlichen Horizont besitzen, werden beim Cricket Mittags- und Teepausen eingelegt.

Beim Spiel des FFC gegen Karlsruhe gab es nach dem ersten Inning ein scharfes indisches Curry zum Mittagessen. Die Partie selbst ging übrigens mit 95 zu 223 verloren. Anders ausgedrückt hat Karlsruhe mit 128 Runs gewonnen.

Mehr dazu:

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Foto-Galerie: Miroslav Dakov

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