Erfahrungstrip

Selbstversuch Aerial Yoga: Wie ich nach 80 Minuten fast schwerelos wurde

Christian Engel

Runterkommen, in die Tiefentspannung eintauchen und kopfüber baumeln: fudder-Autor Christian Engel hat sich für fudder in die Seile gehängt und Aerial Yoga ausprobiert. Seinen Selbstversuch schildert er in drei Phasen.

Ich habe in meinem Leben schon das eine oder andere mitgemacht. Dass ich mich aber mal in ein Tuch verwandeln würde, hätte ich nicht für möglich gehalten. Nach 80 Minuten Schwerelos-Yoga ist meine Metamorphose abgeschlossen. In den 80 Minuten zuvor hatte ich das Tuch kritisch beäugt, mich langsam an es gewöhnt, mich in seinen samtenen Stoff verliebt, es mir geschmeidig um die Hüften und Schultern gelegt, und dann, nach 80 Minuten: bin ich selbst zum Tuch geworden.


Ich fühle mich weich und leicht, könnte vor Glück die ganze Welt umhüllen, davonfliegen im Aufwind des Universums, nicht nur hinauf zu den Sternen, sondern noch viel weiter darüber hinaus. Dass ich wenige Minuten nach dem High durch diesen klasse Stoff am liebsten in eine Ecke kotzen würde, gehört allerdings auch zur Geschichte. Erzähl ich euch später, in der dritten Phase meines Selbstversuchs.
Wer Schwerelos-Yoga bei Hanna Kuhfuß mal ausprobieren möchte, muss sich noch bis Anfang September gedulden. Aber ihre Kollegin bietet aktuell Kurse an, natürlich unter Einhaltung der Covid-19-Vorsichtsmßnahmen.

Weitere Infos: schwerelos-yoga.de

1. Phase: Leichtathletiktrainer Roli hatte Recht

Ein Kellerraum in der Wiehre, hier bietet Yogalehrerin Hanna Kuhfuß mehrmals wöchentlich Schwerelos-Yoga an. Neun bunte Tücher hängen von der Decke, eine Buddhafigur schneidersitzt mit versteinertem Lächeln in der Ecke, Musik, die man gemeinhin als sinnlich und beruhigend beschreibt, erfüllt den Raum. Acht Yoginis und Yogis sind gekommen, kurz noch Zeit zum Kennenlernen.

Aline, 37, ist heute zum sechsten Mal dabei. Sie hat früher Modern Dance gemacht, auch voltigiert, also aufm Pferderücken geturnt. Nach der Geburt des zweiten Kindes wollte sie einen anderen Sport ausprobieren. Zufällig stieß sie auf Schwerelos-Yoga – und ist seitdem dabei: "Meine Rückenprobleme wegen der Schreibtischarbeit sind seither verschwunden."

Sanketh, 31, Rookie im Schwerelos-Yoga, aber absoluter Yoga-Profi. Seine Mutter ist Yogalehrerin, er stammt aus Indien, das naheliegende Klischee bedient er selbst: "Yoga fließt in unserem Blut". Seine Mutter würde Schwerelos-Yoga wohl lächerlich finden, glaubt er. "Wieder so ein Abklatsch vom traditionellen Yoga, würde sie sagen."

Hanna Kuhfuß, 34, die wichtigste Person an diesem Abend, da sie uns anleiten wird. Stammt aus Kassel, hat in Freiburg einen Magister in Süßwasserkunde und Meereswissenschaften absolviert, forscht nun in einem Institut über biologisch abbaubares Plastik. Während des Studiums hat Hanna Yoga ausprobiert, dabei bemerkt, dass sich ihre Rückenprobleme deutlich verbesserten. Sie hat sich immer mehr für Yoga interessiert, was dabei anatomisch geschieht, welche Hormone freigesetzt werden, wie die Nerven auf die unterschiedlichen Reize reagieren. Hanna Kuhfuß ließ sich zur Yogatherapeutin ausbilden, spezialisierte sich später auf Aerial-Yoga, das sie seit 2018 unter dem Namen "Schwerelos-Yoga" in Freiburg anbietet. So viel zu meiner Lehrerin, jetzt geht die Stunde los.

Yogalehrerin Hanna bittet uns zunächst auf die Matte – wir begeben uns hinab, um runterzukommen. Gleich bei der ersten Atem- und Körperübung fällt mir mein alter Leichtathletiktrainer Roli ein. Als Zehnjähriger sitze ich nach dem Warmlaufen im Kreis, die Beine gestreckt, die Füße angezogen, mit kerzengeradem Rücken. Der kerzengerade Rücken ist Roli in dem Moment besonders wichtig. Mir nicht. Ich weiß nicht, was das bringen soll, es dehnt nichts, wir sitzen einfach nur doof da. Roli durchschaut meine unausgesprochene Kritik und sagt: "Chrischtian, warte mal, bis du älter bist, dann wird es dir nicht mehr so leichtfallen, einfach mal gerade dazusitzen."

Ob ich Roli damals für verrückt gehalten habe, weiß ich nicht mehr, aber verdammt noch mal: Roli hatte Recht. Aufrechtsitzen, ohne sich dabei anstrengen zu müssen, fällt mir ungemein schwer. Und während Hanna uns in einen Ruhemodus versetzen will, verfluche ich meinen Bürojob, all die vielen Stunden in ungesunder Haltung vor dem PC. Genau in diesem Moment beim Schreiben drücke ich meinen Rücken durch – mal gucken, wie lange das so bleibt.
Christian Engel

Ein Bodenseekind wie es im Buche steht: Von der Sonne verwöhnt, mit frischer Seeluft und himmlischer Kuhmilch aufgewachsen. Gar nicht lang nach dem Abschluss an der Grundschule Stetten fängt Christian Engel ein Spanisch-und-Deutsch-Studium an der Uni Konstanz an, in Freiburg setzt er einen Master in Romanistik drauf. Schon früh schreibt er Liebesbriefe, Gedichtchen, Protestsongs und Anträge zur Kriegsdienstverweigerung. Während des Studiums kommen Meldungen, Reportagen, Spielberichte und Portraits für diverse Zeitungen und Magazine hinzu. Im Oktober 2015 beginnt er mit 26 Jahren ein Volontariat bei der BZ. 2018 war er Redaktionsmitglied in Freiburg. Nun arbeitet er für Fudder und die BZ frei.

Ich denke zu viel nach: über Roli, über den Sinn von Yoga, über mögliche unvorteilhafte Fotos, die der fudder-Fotograf von mir schießen könnte. Dabei sollte ich mich jetzt fallen lassen. Fällt mir umso schwerer, da ich mich erst einmal kaum einlassen kann auf das Fallenlassen: Bei dem leidenschaftlichen Stöhnen und Seufzen eines Kursteilnehmers muss ich unfreiwillig grinsen, bei den ersten Übungen mit dem Tuch frage ich mich, wie viel Gewicht es aushält, und als ich die Zehen meiner Nachbarin im gelben Tuch entdecke, die wie Spargelspitzen aussehen, bemerke ich, dass ich hungrig bin.
In die zweite Phase rutsche ich dann aber glücklicherweise doch noch rein.

2. Phase: Tiefenentspannung im Ozean

Wir haben nun bereits jeden Wirbel gespürt, unsere Schädeldecke mit dem Geist abgetastet, haben uns im Tuch gedehnt, wie ein Fötus dort hineingekrümelt, waren Kamel und Taube – und werden nun zum Schwamm. Hanna schickt uns ins Meer. Wir sollen spüren, während wir im Tuch liegen, wie warmes Meerwasser uns umspült, durch die Beine fließt, in den Brustkorb, hoch ins Hirn.

Wer diesen Textabsatz als Fachfremder ganz nüchtern liest, wird vielleicht den Kopf schütteln, verlegen lächeln oder die Augenbrauen hochziehen, aber – und so steht es in jedem Yogaforum von mindestens einer Person niedergeschrieben: Man muss es ausprobieren und sich darauf einlassen. Denn: Es funktioniert. Dass später Tropfen von meinem Tuch auf den Boden fallen sollen, geht mir noch einen Ticken zu weit, aber ich habe all meine toxischen Gifte im Körper mit dem Meerwasser hinausgespült, all die blöden Gedanken und Zweifel. Mein Geist ist frei, der Körper schwerelos. So fühlt es sich also an, eins zu sein.

Bald verwachse ich mit dem Tuch, bald bin ich das Tuch. Ich vertraue ihm – auch weil mir Hanna später sagen wird, dass es zwei Tonnen aushält – ich liebe es, wie das Tuch mich massiert, wie es meine verklebten Faszien befreit, wie ich mich durch die Schwerkraft passiv dehne und meine Gelenke aufgrund minimaler Kompression entlastet werden. Jeder Yogi nun in seinem Flow, jeder in seiner Atmung, jeder mit seiner körperlichen Grenze, die er achtsam erkundet. Dann bittet uns Yogalehrerin Hanna zur Umkehrübung.

3. Phase: Wäre ich doch nur in der zweiten Phase geblieben

Wir ziehen uns am Tuch hinauf, haken die Füße ein, lassen uns kopfüber nach unten fallen. Hanna nennt die Umkehrübung auch "Herz über Kopf". Unsere Pumpe liegt jetzt also höher als das Hirn, in dem es nach einer Weile ordentlich rauscht. Hätte ich Hanna sagen sollen, dass mir manchmal schlecht wird, wenn ich nur mit meinen Kindern in der Korbschaukel sitze? Wir drehen uns mal um 180 Grad, ziehen uns einzig mit unseren Bauchmuckis hoch, hängen wieder eine Weile kopfüber, strecken unsere Wirbelsäule, weiten den Brustkorb.

Dann wird mir schlecht. Ich geh raus ausm Tuch, fühle mich, als hätte ich auf leeren Magen drei warme Pils getrunken und mir zwei Teller von Omas Sauerkrauteintopf hineingestopft. Das flaue Gefühl will für den Rest der Stunde nicht mehr weichen. Die Endentspannung tut zwar gut, aber richtig genießen kann ich sie nicht mehr. An der frischen Luft wird’s wieder besser.

Von 100 Kursteilnehmern ergehe es einem wie mir, erzählt mir Hanna später, als sich der Magen wieder beruhigt hat. Dass ich zu Schwindel neige, hätte ich ihr vorher sagen sollen, sagt sie, sie hätte mir dann Alternativübungen am Boden anbieten können. Sie berichtet von Teilnehmern, die extra zu ihr kamen, um mit Hilfe von Schwerelos-Yoga ihre Seekrankheit in den Griff zu kriegen. "Die wollten einen Segeltörn in Holland unternehmen und haben bei mir ein paar Stunden genommen, damit sie die Schwankungen auf dem Boot besser aushalten", erzählt Hanna. "Den Segeltörn haben sie gut verkraftet."

Einen Segeltörn brauche ich nun wirklich nicht, aber lernen, die Gleichgewichtsstörung besser zu kontrollieren, wäre ein lohnendes Ziel: gut für wilde Flugstunden auf der Korbschaukel – und für weitere, tiefenentspannte Momente im Schwerelos-Yoga-Tuch.

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