Sebastian Rowinsky: Cyborg und Tanzmaschine

Stephan Elsemann

Sebastian Rowinsky (30) aus Caracas in Venezuela ist Tänzer am Freiburger Theater. Heute Abend hat er Premiere mit S.O.S., einem Tanz-Manga zwischen Mensch und Puppe. Stephan Elsemann hat er etwas über WGs, Tango und sein Leben als Tanzsoldat erzählt.



Sebastian, seit 2006 bist du in Freiburg und einer der festen Tänzer der Company. Was sind deine Eindrücke von der Stadt ?

Genau! Ich bin einer aus der riesengroßen Tanz-Company mit vier Mitgliedern (lacht). Dafür haben wir Freiheit und es kommen viele Gäste, die frischen Wind bringen. Ich mag den Wechsel. Ich möchte für ein paar Jahre an einem Ort sein und dann was Neues. Man hat keine lange Karriere als Tänzer. Irgendwann präsentiert der Körper die Rechnung für die harte Arbeit.



Aber was ist mit Freiburg?

Unser Ballettsaal mit Panorama ist fantastisch. Freiburg hat einen tollen Sonnenuntergang und den genießen wir jeden Abend. Caracas hat sechs Millionen Einwohner, Verkehrsstaus, Lärm. Statt stundenlang im Stau zu stehen, laufe ich in zehn Minuten von meiner Wohnung zum Theater. Ich mag es sehr, dass ich hier meine Zeit flexibel einteilen kann.

Die drei anderen festen Tänzer wohnen zusammen in einer WG.

Ja, aber ich wollte lieber allein wohnen. Stell dir vor, wir arbeiten schon den ganzen Tag zusammen. Wenn wir dann auch noch zusammen wohnen - da bringen wir uns doch um - spätestens nach einem Monat. Es ist gut, seinen Freiraum zu haben. Sonst wird man bald zur Sekte. Es kann schon mal sehr intensiv werden bei der Arbeit.



Als festes Mitglied bist du immer dran, wenn jemand gebraucht wird.

Sicher, das ist Teil des Jobs, dass man aushilft.

..wie bei der letzten Produktion. Vier Tage vor der Premiere musstest du einspringen, weil ein Tänzer einen Unfall hatte. In vier Tagen lernen, woran die anderen sechs Wochen geprobt hatten - geht das?

"Kannst du das in vier Tagen schaffen?" Das war die Begrüßung nach den Weihnachtsferien. Ich kam direkt aus dem Urlaub und hatte mit meiner Freundin eine Weile Party gemacht bis fünf Uhr morgens.



Und wie hast du das geschafft ?

"Happy New Year", sagte ich. Das ist Freiburgs Neujahrs-Geschenk! Aber es war klar für mich, dass ich aushelfe, schon aus Solidarität mit der Company. Ich hoffe aber, dass nicht noch mal sowas passiert. In New York, auf der Alvin Ailey School, wo ich bis 1999 war, haben wir gelernt, solche Situationen zu meistern. Das ist eine Schule mit sehr hartem physischen Training. Man wird dort zur Maschine gemacht, zum Soldaten.

Aber das ist sieben Jahre her.

Richtig. Und ich fand raus, dass ich das noch immer kann. Einerseits hatte ich Schmerzen eine Woche lang danach, andererseits war es ein gutes Warm-Up für S.O.S., weil wir mit den Proben in der selben Woche starteten.

Wie alt bist du jetzt ?

In zwei Wochen werde ich 30.



S.O.S., das neue Stück, setzt sich mit den intensiven Gefühlen junger Leute auseinander und benutzt dazu die Bilderwelten der japanischen Manga-Kultur. Bist du jung genug dafür ?

Manga ist ja nicht unbedingt was für Kinder, sondern für Menschen mit einer gewissen Reife. Sie können ja sehr gewalttätig sein.

In Deutschland sind Mangas in den letzten Jahren ziemlich populär geworden, in Venezuela auch ?

Zu meiner Zeit nicht. Ich hatte nur mal als Zehnjähriger mit Manga zu tun - und dann nicht mehr bis vor einem Monat. Denn zur Vorbereitung haben wir viele, viele Manga-Filme gesehen. Und auch Science-Fiction Filme wie Blade Runner und Gattaca. Diese ganzen Vorstellungen von Cyborgs, futuristschen Welten, der beschleunigten Gesellschaft haben uns inspiriert. Und davon ausgehend haben wir improvisiert und so entstand die Choreographie.



Deine Welt ist aber auch Tango. Deine Kollegin und Tango-Partnerin Murielle Elizéon sagte mal, dass es beim Tango um Führen und Folgen geht.

Ja, genau. Salsa, Merengue, viele der lateinamerikanischen Tänze basieren darauf. Die Tanzschritte sind so aufgebaut. Und es ist immer der Mann, der führt. Das Nette am Tango erlebt man erst, wenn man ein bestimmtes Niveau erreicht hat. Dann kann man einen Dialog starten.

Wie sieht das aus?

Ich mache einen Vorschlag und die Partnerin antwortet mit einem Gegenvorschlag, auf den ich antworte. Aktion und Reaktion - das ist wirklich aufregend.

Wieviele der deutschen Tangotänzer kommen wohl in diesen Genuss?

Keine Ahnung. Hier in Freiburg gibt es ja einige gute Schulen. Der Vorteil für Murielle und mich ist, dass wir besonders viel üben können. Murielle und ich sind totale Tango-Freaks. Das ist auch ein Ausgleich zu unserer Arbeit in der Company. Ich werde im Sommer für zwei Monate nach Argentinien gehen, um Tango zu tanzen. Ein Traum von mir ist es, später mal in Venezuela Ballett-Tänzern New Tango beizubringen.

Mehr dazu:

Was: S.O.S. - Tanz-Manga zwischen Mensch und Puppe von Graham Smith
Wann
: Heute, 13.03., 20 Uhr. Weitere Vorstellungen 24.3., 11.4., 13.4., 2.5.
Wo: Kleines Haus, Theater Freiburg
Eintritt: je nach Kategorie 12/16 €, Studentenermäßigung 7 € (außer Premiere), Telefon 0761.201 2853

Foto-Galerie: Stephan Elsemann

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