Scott Wilton: Ein Freiburger Student ist Einrad-Weltmeister

Tamara Keller & Marius Buhl

Im Fahrrad-affinen Freiburg ist Scott Wilton ein Exot - denn er fährt Einrad, und das ziemlich erfolgreich. Seit 10 Jahren ist Scott aktiv, inzwischen ist er Weltmeister und fährt mit dem Einrad den Schauinsland runter. Ein Portrait in Wort und Video:



"Ist der vom Zirkus?", fragt ein Passant. Scott Wilton balanciert mit seinem Einrad über die Mauer am Platz der alten Synagoge. Nur eine falsche Bewegung oder Gleichgewichtsstörung und er würde zu spüren bekommen, wie hart sich der Boden gut eineinhalb Meter unter ihm anfühlt. Kein Wunder also, dass er die Blicke der Studenten und Innenstadtbummler ringsum auf sich zieht; beziehungsweise auf sein Einrad: Das ist mit seinem riesigen 36-Zoll-Reifen und der 2-Gang-Schaltung nämlich eben so weit entfernt von einem normalen Einrad, wie Scott davon entfernt ist, ein normaler Fahrer zu sein.

Der 21-jährige Amerikaner ist seit diesem März für ein Semester als Austauschstudent in Freiburg. An die Reaktionen von seinen  Mitmenschen, hat er sich bereits gewöhnt: “Am Anfang war es nervig, dass ich andauernd die Blicke auf mich gezogen habe. Der Zirkusvergleich ist supertypisch. Ich probiere aber zu zeigen, dass das ganze ein Sport ist. Man braucht viel Kraft und Skills.”

Geboren wurde Scott in Madison. Doch mittlerweile ist er in Minneapolis zu Hause, wo er auch an der Universität Mathe und im Nebenfach Deutsch studiert. Nach Freiburg hat es ihn verschlagen, da seine Uni ein direkter Austauschpartner von der Albert-Ludwigs-Universität ist. “Ich finde es super hier in Freiburg. Da Zuhause alles flach ist, ist es total cool hier so etwas wie den Schönberg, den Schwarzwald und die Strecken beim Schauinsland zu haben.”



Solche Strecken kann man auch mit dem Einrad bewältigen? Ja, denn neben dem 36-Zoll-Einrad, welches Scott in der Stadt fährt, hat er noch eines für Outdoor-Strecken im Gepäck. Vom Reifenprofil her ist dieses Rad einem Mountainbike sehr ähnlich. Allerdings hat es keine Federung. Das Fahren im freien Gelände zählt trotzdem zu Scotts Lieblingskategorie. “Man muss einfach die Strecke genau anschauen und jeden einzelnen Stein beachten. Aber es macht mir Spaß, denn ich mag es in der Natur zu sein.”

Zu Hause in den USA besitzt Scott jedoch noch mehr Einräder: “Da ich schon fast jede existierende Disziplin ausprobiert habe, sind es echt viele. Ich leihe die Räder aber auch gerne anderen Leuten aus. Geschätzt sind es wahrscheinlich an die zehn Stück”, meint er verlegen. Das allererste Einrad bekam Scott gemeinsam mit seiner Schwester von seiner Mutter zu Weihnachten geschenkt, als er zehn Jahre alt war. “Wahrscheinlich weil ich schon immer ein Kind mit zu viel Energie war”, meint er lachend.

Daraufhin probierte Scott ab und zu mit dem Einrad zu fahren, setzte sich aber nie wirklich ernsthaft damit auseinander. Erst mit elf, als auch sein Freund ebenfalls eins bekam, begann er aktiv damit zu fahren. “In dem Sport wirklich drin bin ich erst seit sechs Jahren”, erzählt der Amerikaner der mit 14 Jahren, das erste Mal an einem Wettkampf teilnahm.



Und bei diesem einen Wettkampf ist es natürlich nicht geblieben. Der sportliche Einradfahrer hat bereits drei WM-Teilnahmen hinter sich und gehört mittlerweile zur Spitze des Einradssports. Gleich drei Weltmeistertitel in zwei verschiedenen Kategorien hat er sich bereits geschnappt: Bei der WM 2010 in Neuseeland belegte er im Zehn-Kilometer-Rennen den ersten Platz.

Bei der darauffolgenden Weltmeisterschaft 2012 in Österreich gelang es ihm diesen Titel zu verteidigen. Zudem gewann er bei diesem Event auch den WM-Titel beim Marathon. In den Kategorien 100-Kilometer-Rennen und beim Geländerennen "Cross Country" wurde er ebenfalls bei der WM 2012, Vizeweltmeister. Jüngst siegte Scott auch beim Einrad-Marathon in Düsseldorf.

Die ganzen Siege fährt der 21-Jährige aber nicht mit links ein: Wie bei jedem Sport muss wer Erfolg haben möchte, auch trainieren. “Gerade für die Langstrecken ist es wichtig, die Ausdauer und die Technik zu trainieren,” so der geübte Einradfahrer. Die meiste Erfahrung hat Scott aber durch learning by doing gesammelt: “Fast alles beim Einradfahren läuft nach diesem Prinzip. Es gibt zwar auch bestimmte Tipps, aber das Meiste kommt einfach nur durch das Üben.”



Scott ist nicht der einzige in seiner Familie der Erfolg beim Einrad-Sport hat: Seine jüngere Schwester hat ein Jahr nach ihrem Bruder das Fahren auf dem ungewöhnlichen Gefährt erlernt. “Sie fährt sehr gut und erfolgreich, macht aber lieber Freestyle”, meint der stolze Bruder. “Zur Zeit organisiert sie gerade die nationale Meisterschaft in den USA.”

Aber auch die Eltern haben sich mit dem Lieblingsfortbewegungsmittel ihrer Kinder auseinandergesetzt. Der Vater hat vor fünf Jahren gelernt damit umzugehen und fährt jeden Tag damit zur Arbeit und manchmal ist er auch bei Rennen am Start. “Und meine Mutter kann fast fahren”. Da muss Scott lachen. “Sie hat einfach nicht so viel Zeit zum Üben. Aber mit einem Finger am Sattel bekommt sie es hin.” Für die Wiltons ist die ganze Sache zu einem richtigen Familien-Ding geworden: “Wir gehen oft zusammen zu den Wettkämpfen und den Events. Da sind wir aber nicht die Einzigen. Das ist oft so in Amerika.”



Ähnlich wie beim Fahrrad verläuft es auch, wenn das Einrad mal einen Platten hat: In seinem Rucksack hat der Amerikaner immer eine Luftpumpe, einen Ersatzschlauch und Werkzeuge dabei. ”Nur wenn man ein komplizierteres Problem hat, kann man halt nicht in einen normalen Fahrradladen gehen. Da muss man sich schon spezialisierte Leute suchen.”

Er selber hat auch schon hobbymäßig Erfahrungen in einem Einradladen zu Hause gesammelt. “Als Bezahlung habe ich mir allerdings immer Teile für mein Einrad ausgesucht,” erzählt er. So kann er sein 36-Zoll-Einrad fast als sein Traumeinrad bezeichnen, denn er hat sich alles selber zusammengebaut: “Ein paar Sachen könnte man vielleicht noch auswechseln.”

Im Einsatz bei einem Wettkampf sind Scott und sein Einrad bereits wieder ab dem 30. Juli. Denn dann findet die nächste WM in Montréal statt. Doch dieses Mal geht er dort nicht nur an den Start: Als “Road Racing Director” war er bereits letzten Oktober vor Ort, um mit seiner Erfahrung den Organisatoren bei der Entscheidung für die Rennstrecke zu helfen. Ab Ende des Monats kann Scott dann wiederrum versuchen seinen Titel zu verteidigen oder zumindest eines seiner vielen Zukunftziele zu erreichen: weiterhin gut im Wettkampf abschneiden.

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[Fotos und Video: Marius Buhl]