SchoolTour: Popkultur im Hauptschul-Klassenzimmer

Carolin Buchheim

SchoolTour ist eine Initiative der Deutschen Phono-Akademie, die Popkultur und Musik an Schulen bringen soll und für eine Woche Musiker, Tänzer, Filmemacher und Event-Manager in die Schule bringt. Das Projekt soll den Schülern unter anderem zu mehr Selbstvertrauen und Teamfähigkeit verhelfen. In der vergangenen Woche machte die SchoolTour an der Gerhard Hauptmann Grund- und Hauptschule in Betzenhausen halt. fudder-Autorin Caro war mit dabei und bekam die Hauptschul-Klischees in ihrem Kopf ordentlich gerockt.



Die Gerhard Hauptmann Grund- und Hauptschule in der Hofackerstraße in Betzenhausen, ganz in der Nähe des Seeparks, ist eine Brennpunktschule Freiburgs.

Brennpunktschulen, das sind Schulen, die aufgrund der Zusammensetzung der Schülerschaft eine besondere pädagogische und soziale Aufgabenstellung haben, zum Beispiel weil die Schüler aus einem schwierigen sozialen Umfeld kommen oder ein hoher Anteil der Schüler einen Migrationshintergrund hat.

Früher hat man Brennpunktschulen einfach Problemschulen genannt, und auch der politisch korrektere Begriff verhindert nicht, dass man bei dem Wort Bilder aus der ZDF-Doku-Reihe SOS Schule und den Brief der Lehrer der Berliner Rütli-Schule im Kopf hat, an der die SchoolTour auch schon einmal zu Gast war.

'Brennpunktschule', das hört sich nach undisziplinierten Jungs mit überstylten Frisuren und Messern in den Taschen ihrer Baggy-Pants an und nach Mädchen in Gangs und überhaupt nach lauter furchtbaren Kindern, aus denen sowieso nichts Gutes mehr werden kann, außer vielleicht gerade einmal gute Hartz IV-Empfänger.

Soweit die Vorurteile.



Genau diese Vorurteile bekommt man am Donnerstagmittag in der Turnhalle der Gerhard Hauptmann-Schule innerhalb von Minuten demontiert.

Rund 20 Schüler aus sechsten und siebten Klassen der Gerhard Hauptmann-Schule sowie einer achten Klasse der Hebel-Schule haben gerade eine schwierige Choreographie mit Breakdance und Crumping-Elementen getanzt, die Mädchen haben ihre Hintern mit Crumping Shakes geschüttelt, die Jungs Headstand Freezes gemacht, und zum ersten Mal hatte die Gruppe Zuschauer; Ein paar  Klassenkameraden, die gerade in ihren Gruppen Pause hatten, hatten sich neugierig hereingeschlichen um zuzugucken.

Die Zuschauer sind verschwunden, und die Tänzer sitzen zu Füßen des charismatischen SchoolTour-Tanztrainers Silvio Valiani. Er hat die Hände in die Hüfte gestemmt.
"Und, was habt ihr falsch gemacht?" Ganz kurz herrscht ratlose Stille, dann wird über verpasste Einsätze und vermasselte Schrittfolgen gerätselt, aber Silvio ist mit keiner Antwort zufrieden. Schließlich meldet sich ein Junge.

"Wir hatten Angst, uns vor den anderen zu blamieren."
Silvios Gesicht leuchtet auf. "Genau! Ihr hatte Angst Euch zu blamieren! Hört auf, davor Angst zu haben!"

Das Risiko sich zu blamieren ist für alle Schüler in dieser Woche groß, nicht nur für die Tänzer, denn während der SchoolTour-Woche wird jederteilnehmende Schüler aus seinem Alltagstrott und seinen Klassenstrukturen herausgeholt.

Jeder Schüler nimmt an einer von fünf Gruppen teil: Tanzen, Moderation, Film-Produktion, Eventmanagement oder Musik-Produktion. Diese Gruppen arbeiten während der Woche auf ein gemeinsames Ziel hin, die Abschluß-Veranstaltung am Freitagmittag.



Timo und Steven zum Beispiel, sind Teil des Film-Teams. Sie haben die Woche über mit ihrer Gruppe einen Film über die verschiedenen Projekt-Gruppen gedreht und sitzen jetzt, obwohl der Schultag eigentlich schon fast vorbei ist, konzentriert mit SchoolTour-Filmmann Jörg Lassek in einem Klassenzimmer am Laptop und schneiden das Filmmaterial und die dazugehörenden Audio-Spuren. Timo ist sichtlich stolz auf die Arbeit. "Wir haben sowas Alle noch nie gemacht, und das Filmen und Schneiden macht echt Spaß."

Jetzt ist Eile angesagt; Der Film muß in wenigen Stunden fertig sein, denn heute Abend werden die CDs gebrannt, auf denen nicht nur der Film, sondern auch alle Songs zu finden sind, die die Schüler während der Woche geschrieben haben.


Einer dieser Songs ist Me ge mau dut. 'Me ge mau dut', das ist romani, die Sprache der Sinti und Roma, und bedeutet 'Ich liebe Dich'. 'Den Track haben 'Lovestyle from Freecastle' zusammen entwickelt, die fünf Mädchen und der eine Junge, die eigentlich das Moderations-Team sind. Während sie den Song singen, begleitet von Gitarre und E-Piano, ist man zwangsläufig gerührt.

Die Gruppe war von der schnellen Sorte: Bereits am Montagnachmittag konnten sie den Song im improvisierten Musik-Studio aufnehmen, denn Moderations-Team-Mitglied Samy hatte den Text des Songs schon fast fertig mitgebracht.

"Meine beste Freundin Nicki wohnt 40km weit weg", erzählt Samy offen. "Wir sehen uns eigentlich fast nur an Fasnet. Sie hat den Text als Gedicht geschrieben, um mir zu sagen, dass sie mich vermisst, und jetzt haben wir alle zusammen daraus einen Song gemacht." Samy scheint keine Angst davor zu haben, dass ihre Klassenkameraden es vielleicht blöde finden könnten, dass zwei Freundinnen sich 'Ich liebe Dich' sagen. Samy ist mutig.

Einzelne Team-Mitglieder haben an Nickis Text Zeilen verbessert und hinzugefügt, bevor sie alle zusammen die Melodie mit Melanie Schäfer, einer Studentin der Jazz und Rock Schule und SchoolTour-Projektleiter Jürgen Stark erspielt haben.

"Wir entwickeln alles jede Woche neu und frisch", erzählt Jürgen Stark. "Wir kommen nicht mit Versatzstücken an einem Montag in der Schule an und machen alles nach Schema F. Natürlich wissen wir, was wir erreichen wollen in der einen Woche, die wir in der Schule verbringen, aber was letztendlich passiert, das entscheiden die Schüler. Das hier sind ihre Songs, sie wissen genau, was sie wollen, und was nicht."



Und was wollen die Schüler? Ganz klar: HipHop und Rap.

Die Vorbilder der Schüler der Gerhard Hauptmann-Schule sind eindeutig: Bushido, Sido und die Jungs von Aggro-Berlin.

Eine handvoll Jungs, die ihrer Band den fragwürdigen Namen Doggy Style gegeben haben, rappen in ihrem Track 'Zahltag' gegen das, was sie als Willkür von Jugendamtsbeamten erlebt haben, während die Freiburger Boyz darüber singen, dass Gegner bei der Ankunft in Betzenhausen erschossen werden und von den Kiffern und Dealern auf den Straßen und der Gewalt Zuhause, und dass sie selbst keine Drogen nehmen wollen. Und dann skandieren diese kleinen Jungs 'Komm' nach Freiburg, dann wisst ihr, wo das Ghetto liegt'.

Als Zuhörer weiß man gar nicht, wie man reagieren soll; Ob man die Jungs schütteln will, weil auch ihnen ziemlich klar sein sollte, dass Freiburg-Betzenhausen zum Glück weder South Central L.A. noch Berlin-Neukölln ist, oder ob man sie in den Arm nehmen soll, weil sie sich selbst als so viel massivere Außenseiter empfinden, als sie es tatsächlich sind.

Die Mädchen-Bands stehen, wie das Moderations-Team mit ihrem Freundschafts-Song, eher auf die poppigere Seite des HipHop-Pop. 'Last Tears' singen in 'Deine letzte Träne' vom Tod der Schwester; Traummädchen über eine gescheiterte Beziehung.
   

Am Freitagnachmittag stehen alle diese Bands und das Tanz-Team vor ihren Klassenkameraden, Lehrern und Eltern auf der Bühne des rappelvollen und unglaublich überhitzten Auditoriums der Jazz und Rock Schule, die das Projekt schon seit mehreren Monaten unterstützt.

Nicht alles klappt perfekt. Mikrophone fallen aus, die Bühne ist für die Tänzer ein wenig zu eng, manche Schüler halten sich während ihrer Songs an Textzetteln fest, Interviewpartner lassen die Moderatoren mit Ja/Nein-Antworten hängen.

Aber alles klappt.

Alle Schüler stellen gemeinsam eine tolle Show auf die Beine, alle Schüler nehmen jedes bisschen Mut zusammen und treten zitternd und mit roten Wangen auf die Bühne, häufig zum ersten Mal überhaupt. Am Ende bekommen alle tosenden Applaus.
Die Wirkung der Show ist euphorisierend, nicht nur auf die auftretenden Schüler und die stolzen SchoolTour-Team-Leiter, sondern auch auf die Lehrer.

Ralf Rutschmann, der sympathische stellvertretender Schulleiter der Gerhard Hauptmann-Schule, und Fachlehrer für Mathe, Sport und Musik, ist von seinen Schülerinnen und Schülern begeistert, und hofft auf langfristige Effekte der Projekt-Woche.

"Ich bin immer noch ganz baff, wie toll einige hier aus sich heraus gekommen sind, gerade die Mädchen. Manche sind so schüchtern, dass sie im Unterricht kein Wort 'raus kriegen, und heute waren sie ganz gelassen und sind aus sich heraus gegangen. In Zukunft kann ich sagen. 'Du hast vor 300 Zuschauern gesungen! Du kannst auch eine Matheaufgabe an der Tafel lösten!'" Man kann nicht anders, als ihm von ganzen Herzen zu wünschen, dass dieser Ansatz funktioniert.

Mehr dazu:


SchoolTour
ist ein Projekt der Deutschen Phono-Akademie in Zusammenarbeit mit der GEMA, der GVL, der Bundeszentrale für politische Bildung, SchoolJam, Schott Verlag, Enorm Music, ConBrio Verlag und der Jazz und Rock Schule Freiburg.
Professionelle Musiker, manchmal auch Stars wie Muhabbet oder Roachfoard, kommen für eine Woche an eine Schule, um das Projekt durchzuführen.

SchoolTour gibt es bereits seit 2002; Hauptziel ist die Förderung von Musik, Kreativität und Teamwork in der Schule.
"Denn Musikkultur gibt es in den Schulen nicht mehr", findet Projekteiter Jürgen Stark, der sich auch nach fünf Jahren nicht der Magie des Erlebnis entziehen kann.
"Es ist immer wieder faszinieren, dass die Jungs, die am Montag rummotzen, und sich fetzen, sobald man ihnen den Rücken zukehrt, spätestens ab Mittwoch sanfter werden. Am Freitag wollen sie einen dann gar nicht mehr gehen lassen."

Tanztrainer Silvio Valiani geht mit seiner Aussage noch weiter; Er will nichts Geringeres, als das Leben seiner Kurzzeit-Schützlinge durch und durch umkrempeln. "Ich will meine Liebe zum Tanzen weiter geben und ihnen meine Kreativität vorleben. Diese Jugendlichen können kreativ sein, sie trauen es sich nur nicht zu. Ich will ihnen zeigen, dass es ein Leben ohne Drogen gibt und ohne Aggressivität. Ich will Aggressivität umkehren in Kreativität."

SchoolTour: Website

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