Schauinslandbahn: In jeder Gondel eine andere Geschichte

Max Mielke, Shushanik Tarverdyan & Thabita Klier

Acht Stunden am Tag ist die Schauinslandbahn im Winter in Betrieb. Bis zu 500 Personen kann die Bahn pro Stunde auf den Berg bringen. Doch wer sitzt da eigentlich drin? Shushanik, Max und Thabita sind an einem Wintersonntag mitgefahren: Hoch. Runter. Hoch. Runter. Hoch. Runter.

Hoch. Plötzlich hält die Seilbahn an. Irgendwo in der Mitte der Strecke. Stille in der Kabine. Dann nervöse Blicke. An Bord der Gondel: Hannah, Anna, Anne, Jule und Lara, alle so um die zwölf Jahre alt, wollen zum Ski und Schlitten fahren nach oben. Es ist nicht ihre erste Fahrt mit der Schauinslandbahn, aber aufgeregt und vorfreudig sind sie trotzdem. Und jetzt steht die Bahn. Anna hat „Schiss“. Hannah findet die Situation amüsant : „Kein Thema!“ sagt sie selbstbewusst

Es knackt im Lautsprecher: „Liebe Fahrgäste, bitte steigen Sie zügig aus, damit der Fahrbetrieb nicht unterbrochen werden muss.“ Die Bahn steht, weil oben jemand nicht schnell genug aussteigt. Alles kein Problem. Dann geht die Fahrt weiter. Die Mädels  winken der vorbeifahrenden Gondel auf der anderen Seite zu. Leider winkt niemand zurück. Enttäuschung. Bei der nächsten Gondel versuchen die Mädchen es erneut, und haben Erfolg: die Runterfahrer in der Gondel gegenüber winken zurück, kurz danach auch noch eine Familie auf einem Wanderweg, unten am Hang, im Nebel. „Wir fahren in den Himmel“, sagt Jule.

Runter. Das Paar, beide Mitte 30, sie mit einem bunten Schal, er mit einer wolligen Mütze, betrachtet die weiße Schneelandschaft. Die Frau steht auf, um ein paar Fotos zu machen – die Gondel schwankt ein wenig. Beide kommen aus Australien, leben eigentlich in London und haben den Tipp zur Schauinslandbahn im Lonely Planet-Reiseführer gefunden.

Der Nebel hat sich gelichtet, über Freiburg brechen die Wolken auf, die Sonne scheint auf die Stadt. Es ist ruhig in der Gondel, das Paar schweigt, genießt. Einzig ein Knistern ungewisser Herkunft, das stetige, dumpfe, beruhigende Geräusch der Seile und ab und zu ein paar  Autos, unten auf der Schauinslandstraße. An der Mittelstation poltert es ein wenig, wenn die Gondel dort über einige Rollen fährt.



Hoch. Luis, drei Jahre alt sitzt mutig auf dem Klappsitz und schaut mit großen Augen auf die Bäume unter der Kabine. „Oh oh! Papa guck mal da runter! Alles babyklein! Wir sind jetzt größer als die!“ Luis hat eine Schneeschaufel dabei. „Die kann ich mit Handschuhen besser halten, weil es so eiskalt ist.“

Seine kleine Schwester Leni, Trägerin einer roten Mütze mit gleich zwei Zipfeln, sitzt unbeteiligt auf dem Schoß ihres Vaters, vielleicht noch, vielleicht aber auch schon wieder müde. Luis hingegen ist aufgedreht, fasziniert vom vielen Schnee: „Die Autos können gar nicht fahren! Die müssen ja unter der Seilbahn durchfahren! Sooooo viel Schnee!“ Kurz bevor die Gondel in die Bergstation einfährt, kommt Luis zu einer persönlichen Erkenntnis: „Da unter uns ist nur Baum und gleich sind wir im Himmel!“

Runter. Ein Paar mit seinen beiden erwachsenen Kindern, einem Mann und einer Frau um die dreißig. Die grauhaarigen Eltern sitzen, hörbar atmend, nebeneinander auf der der Stadt zugewandten Bank der Gondel. „Ein schöner Tag war das! Womöglich sind wir in dieser Konstellation ja das letzte Mal gemeinsam auf dem Gipfel gewesen.“ „Mama,  sprich doch nicht so!“, sagt die Tochter mit kritischem Ton. „Ach Schatz!“ sagt die Mutter seufzend.

„Nachher wollen wir noch Inge und Gerd besuchen. Begleitet ihr uns noch auf den Friedhof? Die beiden würden sich bestimmt freuen, wenn ihr auch mal wieder bei ihnen vorbeischauen würdet.“



Hoch. Eddy ist aufgeregt. Der Junge im Kindergartenalter mag nicht still sitzen, und nicht still sein. Kurz nachdem die Gondel die Talstation verlassen hat, steht er auf, macht zwei Schritte  erst zum einen, dann zum anderen Fenster, klettert auf den Schoß seines Papas, dann auf die Bank. Er zählt die Pfeiler der Bahn. „EINS!“ „ZWEI!“ „DREI!“ „FÜNF!“ Während sein Vater noch versucht zu erklären, dass zwischen drei und fünf noch die vier gehört, drückt Eddy seine Nase gegen das Gondelfenster.

„Papa, schau die ganzen Winterflocken, und die riiiiieeeesen Weihnachtsbäume. Gehen wir nachher auch da hin?“ „Aber sicher Eddy, sobald wir oben sind, werde ich dir alles zeigen.“ „Trägst du mich auch, wenn ich nicht mehr laufen will? Ich laufe nicht so gerne.“ Eddy malt mit seinen Fingern auf der Fensterscheibe. Dann klettert er wieder auf den Schoß seines Vaters und schmiegt sich an ihn: „Trag' mich am besten gleich schon, Papa, ich bin müde…“

Runter. Laura und Celine, beide in  bunten Schneeanzügen und im Vorschulalter, turnen auf ihren Sitzen herum. Ihre Eltern sind genervt, die Großmutter ergreift Partei. „Nun lass sie doch, du warst früher auch nicht anders!“, sagt sie und bringt Ordnung in die Gondel. „Laura, geh' du beim Opa auf den Schoß. Celine kommt auf meinen. Dann könnt ihr beide noch viel besser sehen.“

"Mutter, lass das doch sein. Sie sind doch total nass, ich mache mir schon genug Sorgen, dass sie sich eine Erkältung holen, und ich will mich nicht auch noch um dich kümmern müssen! Celine, Laura, zu Hause werdet ihr als allererstes diese nassen Schneeanzüge ausziehen und in die Wanne hüpfen. Und keine Widerrede!“ „Keine Sorge, ein wenig Wasser hat noch niemandem geschadet. Und jetzt hoch mit euch beiden. Schaut, da hinten sieht man Freiburg. Seht ihr, wie die Sonne darüber scheint und lacht? Genießt diesen Anblick, bevor wir gleich unten ankommen.“



Unten. Zwei Mädchen und zwei Jungs Anfang Zwanzig stehen an der Kasse an; Sie haben zwei Holzschlitten dabei. „Wie viel Schnee liegt denn dort oben?“ fragen sie die Frau an der Kasse. Wir melden uns aus dem Hintergrund: „Genug!“. Die vier gehen Richtung Einstiegsbereich und grinsen uns im Vorbeigehen an. Bevor sich die Schiebetür schließt hören wir eins der Mädels euphorisch rufen: „Oh wie geil!“ Die nächste Gondel wird sie hoch zum Gipfel bringen.

 

Die Schauinslandbahn

Die Schauinslandbahn wurde im Jahr 1930 als erste Großkabinenumlaufbahn der Welt eröffnet. 3.6000 Meter lang ist die Strecke zwischen der Talstation in Horben und der Bergstation auf dem Schauinsland. Die Bahn überwindet dabei 746 Höhenmeter.

Pro Stunde können bis zu 500 Personen in maximal 37 Kabinen befördert werden. Eine Kabine fasst bis zu 7 Personen. Die Fahrtzeit beträgt rund 20 Minuten bei einer maximalen Geschwindigkeit von 4 Metern pro Sekunde.

 

Interview mit Günter Voigt, Betriebsleiter der Schauinslandbahn

Quelle: YouTube


Die Autoren

Max Mielke (22, Instructional Design und BWL), Shushanik Tarverdyan (23, Europäische Ethnologie und Deutsche Sprachwissenschaft) & Thabita Klier (22, Frankomedia und Soziologie) studieren an der Albert-Ludwigs-Universität Freiburg. Am Zentrum für Schlüsselqualifikationen haben sie im Wintersemester 2011/2012 an einem Grundlagenkurs zum Thema "Online-Journalismus" teilgenommen, den die fudder-Redakteure Markus Hofmann und Carolin Buchheim angeboten haben. Diese Multimedia-Reportage ist im Rahmen dieses Kurses entstanden.

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