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Sandra Gruhle, Head-Barista vom Café Marcel: Wie geht’s und wie geht’s jetzt weiter?

Gina Kutkat

Wie verbringen die Menschen in Freiburg die Krise? Was macht es mit ihnen und wie lenken sie sich ab? fudder fragt bei Studierenden, Sportlern und Gastromenschen nach. Folge 3: Sandra Gruhle, 28, Barista im Café Marcel.

Sandra Gruhle, 28, kommt aus Rottweil und wohnt seit neun Jahren in Freiburg. Sie hat Kulturwissenschaften an der Albert-Ludwigs-Universität studiert. Vor fünf Jahren wurde ihr Interesse für Kaffee durch einen Job in der Café-Rösterei 5 Senses Coffee geweckt. Seit einem Jahr ist sie Head-Barista im Café Marcel im Stadtgarten sowie Baristatrainerin bei Günter Coffee Roasters in Günterstal. Sandra nimmt außerdem an nationalen Meisterschaften teil.

Sandra, wie geht’s dir?

Mir geht es wirklich sehr gut. Ich bin gerade glücklich, in dieser schönen Stadt zu wohnen. Ich bin gesund, habe einen Job und meinem Umfeld geht es auch gut. Das einzige, was ich vermisse, sind die Barista-Kurse, die ich normalerweise gebe. Die können aufgrund der Beschränkungen zur Zeit nicht stattfinden. Ich genieße es so sehr, wieder in Restaurants und Cafés gehen zu können. Ich finde es wichtig, jetzt mehr denn je die Gastronomie und den Kulturbereich in der Stadt zu fördern, in der ich lebe.

Mir ist im Lockdown bewusst geworden, was unsere Stadt lebendig macht. Deswegen unterstütze ich jetzt diejenigen, die trotz gesundheitlichem und finanziellem Risiko die Stellung gehalten haben – denn sie sind darauf angewiesen. Wir sollten das nicht als selbstverständlich hinnehmen und darüber nachdenken, statt in den Urlaub zu fahren, dieses Jahr lieber das Lokale zu supporten. Ich bin auch zum ersten Mal an meinen freien Tagen als Gast im Café Marcel, das habe ich früher nie gemacht.

"Wir sollten das nicht als selbstverständlich hinnehmen und darüber nachdenken, statt in den Urlaub zu fahren, dieses Jahr lieber das Lokale zu supporten."

Wie hast du die letzten zwei Monate verbracht?

Das Café Marcel hatte insgesamt nur zwei Wochen zu. In dieser Zeit war ich viel in meiner Wohnung, meine Schwester kam direkt von ihrer Reise aus Bolivien zu mir und wir haben die Isolation gemeinsam verbracht. Für mich war es keine große Umstellung, da ich vor dem Lockdown für den Brewers Cup in Unterhaching trainiert habe – da war ich quasi auch schon isoliert. Ich habe mich seit Januar sehr intensiv darauf vorbereitet und mich abgekapselt. Kaum Freunde getroffen und weggegangen bin ich auch nicht. Ich habe mein eigenes Brühwasser hergestellt, Kaffeemühlen präpariert und jede Menge Filterkaffee aufgebrüht. Leider musste die nationale Meisterschaft aufgrund von Corona verschoben werden. Aber ich habe während des Prozesses so viel gelernt, das ist sehr wertvoll für mich.

Wie bist du mit der Krise zurechtgekommen?

Die Krise hat bei mir vieles bestärkt: Ich hatte mehr Energie, mehr Kraft und ich war und bin insgesamt einfach sehr motiviert. Dadurch, dass man sich in dieser Zeit ohne Kontakt nach außen mehr mit sich selbst auseinandersetzt und weniger Input bekommt, lernt man auch mehr über sich selbst. Ich habe festgestellt, dass ich gut mit Veränderungen zurechtkomme. Und, dass ich meinen Job jetzt noch lieber mache als vorher. Weil ich gemerkt habe, wie sehr es auch die Gäste sind, die gefehlt haben und die Begegnung mit ihnen. Ich bin gerne Gastgeberin.



Welche Auswirkungen hatte die Pandemie auf den Betrieb im Café Marcel?

Uns ist bewusst, welch großes Glück wir im Café Marcel hatten und wie schlecht es anderen Kolleginnen und Kollegen geht. Mittlerweile sind fast alle Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter aus der Kurzarbeit zurück, für uns geht es seit Anfang Juni wieder ganz normal weiter. Alle konnten ihre Jobs behalten. Die Umsatzeinbußen waren nicht ganz so groß, da wir nach zwei Wochen bereits wieder mit dem To-go-Betrieb angefangen haben. Ich werde diesen ersten Tag der Öffnung niemals vergessen, weil alle Menschen so glücklich waren, wieder andere Leute zu sehen. Mich eingeschlossen.

Wir haben anfangs allerdings auch vereinzelt Kritik bekommen, weil wir so schnell wieder aufhatten. Obwohl wir uns sehr streng an alle Hygiene- und Abstandsregeln gehalten haben. Meine Hände waren am Anfang ganz ausgetrocknet vom vielen Waschen und Desinfizieren. Wir haben die Schichten eine Zeitlang verkleinert, die Öffnungszeiten verkürzt und viel mit den Gästen kommuniziert. Am Anfang ist es vielen schwer gefallen, an Abstand und Mundschutz zu denken. Mittlerweile haben sich alle dran gewöhnt.
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fudder möchte in dieser Serie junge Menschen aus Freiburg und der Region vorstellen und sie fragen, wie es ihnen in der Krise geht. Dabei möchte die Redaktion einen Querschnitt der Gesellschaft zeigen. Seit Mai stellen wir regelmäßig eine Folge von "Wie geht’s und wie geht’s jetzt weiter?" online.

Wie verliefen die Gespräche hinter den Kulissen innerhalb des Teams?

Unsere Chefs Philip und Aurore, die sich nebenbei auch noch um ihre Rösterei in Günterstal kümmern mussten, waren bereits im Februar sehr vorausschauend. Sie haben uns schon früh darauf vorbereitet, was eventuell auf uns alle zukommen könnte. Und das ist dann auch eingetreten – obwohl wir es damals noch nicht glauben wollten. Sie haben uns gebeten, die Sache ernst zu nehmen und uns selbst zu schützen. Die Stimmung bei der letzten Sitzung vorm Lockdown war eher schwierig und bedrückend, klar. Wir haben aber die ganze Zeit untereinander viel miteinander gesprochen und geklärt, wer das Geld aktuell dringender braucht. Diejenigen haben dann mehr Schichten bekommen, als es wieder ging.

Was hast du in der Zeit der Pandemie gelernt?

Alles ist eine Wahrscheinlichkeit. Man sollte sich nicht auf etwas versteifen oder verkrampfen, sondern alle Möglichkeiten in Betracht ziehen und die Dinge so annehmen, wie sie sind. Wir leben jetzt und das Leben ist eine große Chance.

Wie geht’s für dich jetzt weiter?

Wir starten jetzt im Café Marcel in die Sommersaison, unsere wichtigste Zeit im Stadtgarten. Ich werde mich weiterhin meiner Kaffeeliebe widmen und mich in Sachen Speciality Coffee weiterbilden. Das ist so ein spannendes Feld und ich habe noch viel darüber zu lernen. Kaffee ist für mich ein Genussmittel und eine Leidenschaft und ich liebe es, dass ich mich jeden Tag damit auseinandersetzen darf. In den kommenden Wochen werde ich auch das Rösten in der Rösterei in Günterstal lernen, da freue ich mich sehr drauf. Außerdem werde ich weiterhin die Kolleginnen und Kollegen supporten und mich um meine Freunde kümmern, die aufgrund der Krise ihren Gastrojob verloren haben. Das ist gerade eine sehr emotionale Zeit.


Instagram: @cafe_marcel_freiburg

Website: cafemarcel.de
Baristatraining:

guentercoffee.com/home-barista



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