Rollen, Rempeln, Bälle schlagen: Rugby und Hockey im Rollstuhl

Sarah Ennemoser, Nicolai Morawitz & Philipp Reichert

Rugby-und Hockeyspieler schenken sich nichts. Und das ist im Rollstuhl nicht anders. Jedes Wochenende trainieren die "Breisgau Beasts" und die "Dragons" in der Albert-Schweitzer-Halle in Landwasser. Dort knallt es auch ohne Köperkontakt.



Rollstuhl-Rugby bei den Freiburg Dragons

„Eine Mischung aus Autoscooter und Schach“, so beschreibt  Psychologiestudent Mark Pape (Bild unten) seine Leidenschaft: das Rollstuhl-Rugby. Die Sportart, die Mark und seine 9 Mitspieler der Freiburger „Dragons“ begeistert, kombiniert Taktik und Attacke. Die Sport-Rollis mit abgeschrägten Rädern prallen aufeinander und verhaken sich.

Der direkte Körperkontakt ist beim Rugby auf zwei Rädern verboten. Auch sonst ist die Rollstuhl-Variante eher ein entfernter Verwandter des Fußgänger-Rugbys: Es gibt nur vier anstatt 15 Spieler und an Stelle des Rugby-Eis jagen Mark und seine Mannschaftskameraden einem Volleyball hinterher. Der muss alle zehn Sekunden den Boden berühren, ansonsten wird das Spiel zu Gunsten des Gegners unterbrochen. Gepfiffen wird an diesem Trainingstag oft.



Speziell ist auch der Sportrollstuhl: „Es gibt Offensiv- und Defensivstühle“, erklärt Mark, „danach richtet sich die Position auf dem Spielfeld.“ Allen Rollstühlen gemein ist die Schutzfunktion: Die Beine sind von einem wuchtigen Metallvorbau umgeben. Die Spieler prallen auch mal frontal zusammen, wenn es darum geht, den Gegner am Vordringen in die eigene Hälfte zu hindern. So heftig die Zusammenstöße auch ausfallen, der Gedanke der Fairness bestimmt das Spiel.

Punktesystem schafft Fairness

Ein Punktesystem berücksichtigt die körperliche Beeinträchtigung der einzelnen Spieler. Christine Cecala, die einzige Frau im Team, ist Tetraplegikerin, also an allen vier Gliedmaßen gelähmt. Sie bekommt einen halben Punkt – nach oben hin reicht die Skala bis dreieinhalb Punkte. „Jeder, der über 3,5 Punkte besitzt, läuft vom Feld. Der ist dann schon fast ein Fußgänger“, erklärt Christine. Wenn die „Dragons“ in der Regionalliga antreten, darf keine Mannschaft mehr als sieben Punkte aufweisen.

Christine spielt seit fünf Jahren mit. Im Rolli-Rugby-Milieu gehört sie zu den wenigen weiblichen Ausnahmen. Laut Christine gibt es weniger querschnittsgelähmte Frauen als Männer, noch weniger „Tetra-Frauen“ und noch weniger, die Rugby spielen. „Ich glaube, dass Männer, vor allem Motorradfahrer, risikofreudiger sind oder dümmer fallen“, sagt sie und lacht.

In dieser Saison wurde das Team Tabellenzweiter – ein großer Erfolg, denn die Truppe rollt erst seit 2008 über das Rugby-Feld. „Das Saison-Highlight für mich waren die Spiele gegen Stuttgart. Früher haben wir gegen sie knapp verloren, nun hatten wir die Nase vorn“, sagt Mark.

 

Rollstuhl-Rugby

Rollstuhl-Rugby wurde vor 25 Jahren in Kanada erfunden, seit 2000 ist es Paralympics-Disziplin. Die speziell abgeschrägten Sportrollstühle kosten über 4.000 Euro, für die Krankenkassen meist keine Zuschüsse zahlen. Deswegen ist der Sport auf Spenden angewiesen. In Deutschland bestehen 37 Vereine, sechs davon in Baden-Württemberg.

E-Hockey bei den Breisgau Beasts




Nils Stollenwerk
(Bild unten) schafft 14 Kilometer in der Stunde. Wendig und schnell überquert der 15-Jährige mit seinem Elektro-Rollstuhl das Spielfeld. Jeden Samstag trainieren die „Breisgau Beats“ in derselben Halle der Albert-Schweitzer-Schule wie die „Dragons“ am Sonntag. Nils ist Verteidiger: „Ich blocke die Spieler, mache die kurze Ecke zu.“

Während die Rugbyspieler der „Dragons“ oft durch Unfälle gelähmt sind, ist die Behinderung der Hockeyspieler der „Breisgau Beasts“ meist angeboren. Nils kam mit einer spinalen Muskelatrophie zur Welt. Er ist auf einen elektrischen Rollstuhl angewiesen, seine Muskeln sind zu schwach, um den Hockeyschläger zu halten. Deshalb befestigt er ein sogenanntes T-Kreuz unterhalb der Füße an der Vorderseite des Rollstuhls. Damit kann er seitwärts schlagen.

Fair muss es auch im E-Hockey zugehen. Je beweglicher ein Rolli-Fahrer ist, desto mehr Punkte werden ihm von einer Kommission zugeteilt. Im E-Hockey kann ein Spieler maximal 5 Punkte besitzen. Die Mannschaft darf die 12 Punkte nicht überschreiten.



Der Sport zählt, nicht der Rolli

Nils ist seit zwei Jahren begeisterter E-Hockey-Spieler: „Mit meinen Kumpels stand ich früher beim Fußballtraining nur im Tor, jetzt bin ich selbst aktiv.“ Manche von Nils' Teamkollegen fahren einen Aktivrollstuhl, den sie selbst antreiben, andere sitzen im E-Rolli. Im Team spielen die unterschiedlichen Behinderungen keine große Rolle: „Ich kenne es ja nicht anders“, sagt Nils.

"Technik und Taktik prägen das Spiel“, erklärt sein Teamkollege Marc Hauger. Der 27-jährige Angriffsspieler war immer schon Eishockeyfan und hat 1996 die „Breisgau Beasts“ mitgegründet. In den letzten drei Jahren sind viele neue Spieler hinzugekommen. Mittlerweile hat das Team 15 Mitglieder.

In einer der drei Rollstuhl-Hockey-Bundesligen spielen die „Breisgau Beasts“ bisher nicht. Marcs Ziel ist deshalb klar: „Ein geregelter Ligabetrieb in der 3. Bundesliga“. Leider gebe es nur „drei ganz gut geführte Vereine“ in Süddeutschland. Aber schon nächstes Jahr freut sich das Team auf einen sportlichen Höhepunkt, wenn auch nur als Zuschauer: die Weltmeisterschaft in München. Deutschland hat einen Titel zu verteidigen.



E-Hockey

Erfunden wurde E-Hockey in den Niederlanden. Deutschland ist amtierender Weltmeister und trägt 2014 in München die nächste Weltmeisterschaft aus. Deutschlandweit gibt es 21 E-Hockey-Vereine, davon zwei in Baden-Württemberg, einer davon ist der „RSC Breisgau Beasts e.V.“ Seit 2005 gibt es in Deutschland eine E-Hockey-Bundesliga. Rekordmeister ist Torpedo Ladenburg aus Nordbaden. Gespielt wird mit vier Feldspielern, einem Torwart und fünf Ersatzspielern pro Team.

Sarah Ennemoser, Nicolai Morawitz und Philipp Reichert studieren am Frankreich-Zentrum der Albert-Ludwigs-Universität. Diese Multimedia-Reportage ist entstanden im Rahmen eines Seminars über Online-Journalismus

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