Roger Cicero: Der Kerner des Swings

Dominic Rock & Alexander Ochs

Erst regnet es in Strömen, dann strömt das Publikum rege: natürlich wegen Frauenversteher Cicero, der gestern Abend mit wohlkalkuliertem Charme durchs ZMF-Zirkuszelt lustwandelte. Viel Herz, viel Schmerz, zwischendrin Scherz. Alex rezensiert, Domi fotografiert.



Wer sitzt wo? Last-Minute-Verschiebungen, unfreiwillige Mini-Wanderungen finden statt um kurz nach 20 Uhr, dem offiziellen Konzertbeginn. Doch Festivalleiter Alexander Heisler tritt auf die Bühne und aufs Gaspedal: on commence.

Die elfköpfige Bigband ledert los und wie ein Musicalstar schreitet Roger Cicero die Treppe von oben herab, während er „Die Liste“ singt, gibt den Entertainer, den Conférencier, den Charmeur, den Frauenversteher, ja, ein bisschen den Kerner der Musikszene. Er freut sich wahnsinnig heute hier zu sein und ist sehr froh heute hier zu spielen und echt glücklich heute hier sein zu dürfen, sagt er. 20.15 Uhr: Der Anzug sitzt.



Der Swing-King versucht, das Publikum zu verführen, will es um den Finger wickeln, indem er den galant-eleganten Ansager alter Schule gibt. „Punkt 20 Uhr, Regenbeginn, 12 Grad – das ist immer so, wenn wir im Sommer spielen“, scherzt Cicero. Sexappeal und Saxappeal – dank Saxophonsolo – im nächsten Stück: „Nimm deinen Kerl zurück“. Ab und zu tropfen zu viele Stereotypen in die sonst guten Texte. Viel Herz, viel Schmerz, zwischendrin Scherz. 20.45 Uhr: Die Frisur sitzt.

Die Bigband unter der Leitung von Lutz Krajenski macht ihren Job sehr gut und auch der Sound stimmt. Jeder bekommt sein Solo, auch südamerikanische Rhythmen von Samba bis Salsa erklingen und ermuntern das Publikum – hauptsächlich die Generationen 30 plus und 50 plus – zum Klatschen, Schnipsen und Mitwippen. Und des Meisters Späße lassen die Menge johlen. 21.15 Uhr: Der Hut sitzt.



Aus weiblichen Kehlen ertönt ein unnachahmliches, wohliges Kreischen, als Roger Cicero durchs Parkett lustwandelt und dabei Grönemeyers „Männer“ als Swingversion serviert. Sein ganzes Können spielt er aus, als er Prince covert: „How Come That U Don't Call Me Anymore“ – wirklich großartig, wie mühelos er von der Kopf- in die Bruststimme wechselt, tief tönt und schlagartig ins Falsett emporkiekst. 21.45 Uhr: Der zweite Anzug sitzt.

Zeit für eine Ballade, eine Hommage an den 1997 verstorbenen Vater: „Ich hätt' so gern noch Tschüss gesagt“. Roger Cicero sitzt, in sattes Pink getaucht, am Piano und besingt die goldenen Hände seines Vaters.



Währenddessen schwappen schon die Bässe aus dem Spiegelzelt herüber. Kurz vor Ende des Konzerts fordert der swingende Entertainer das Publikum erst zum Klatschen auf, dann zum Aufstehen. Auch so kann man sich stehende Ovationen holen. Zum Abschied gibt’s eine schöne Impro-Nummer, die den schätzungsweise 1500 Versammelten sichtlich Spaß bereitet. 22.30 Uhr: Alle stehen. Der Rezensent sitzt...

... und grübelt: Ist es nicht sorgfältig inszenierte Rührseligkeit? Ach-so-netter, aber kalkulierter Charme? Authentisch oder artifiziell? Einfach ein gutes Produkt für den, der’s mag? Fantastische Musiker sind es allemal, und die Prince-Nummer war toll. Alles Roger?

Foto-Galerie: Dominic Rock

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