Retro Games e.V.

Christoph Ries

Pong, Pac Man, Tetris, Asteroid - heute entführen wir euch in die Kreidezeit der Computerspiele, konkret: in die Epoche der Spielhöllendaddelei. In Karlsruhe gibt es einen Verein, der sich mit diesen steinalten Automatenspielen beschäftigt und die alten Zockerkisten in einem Museum konserviert: Retro Games e.V. (mit Fotogalerie, Audio-Interview und den Original-Arcade-Sounds!)



Klobige Joystickmonster, rauchiger Arcadesound, Mortal-Kombat-Atmosphäre. Die Mitglieder des Karlsruher RetroGames e.V. verehren die Helden von Atari & Co., als hätte es nie würdige Nachfolger gegeben. Für zwei Euro erlebt der Besucher hier einen filmreifen Flashback in längst vergangene Konsolentage. Please insert 1 coin(s)...

Als Christian Keller (links, 36) den Schlüssel ins Türschloss steckt, entschuldigt er sich schon mal im Voraus: „Sorry, letzten Samstag war hier wieder ordentlich was los. Ich muss noch kurz durchfegen.“ Im Karlsruher Kulturhaus „GOTEC“ hat sich der Diplomingenieur zusammen mit Kumpel Jörg (39) und ein paar Freunden einen Jugendtraum erfüllt: das eigene kleine Vereinsmuseum mit Schätzen aus 30 Jahren Videospielgeschichte. Der 1. Vorstand des „Vereins zum Erhalt und Pflege der Videospielkultur in Deutschland – RetroGames e.V.“ greift zum Besen und lächelt. Selbst dieses betagte Putzgerät hat weniger Dienstjahre hinter sich, als der älteste Automat im Haus - das will was heißen.

Schon die Entstehungsgeschichte des Vereins ist so verrückt wie seine Existenz überhaupt. Ein paar Freunde gründen einen Videospieleclub und ziehen von Spielhölle zu Spielhölle. Jörg erinnert sich: „Irgendwann hatten wir die neuen Games einfach satt und haben uns auf die Suche nach älteren Modellen gemacht.“ Beim fünften Anlauf hatten die Jungs schließlich Glück. Der Inhaber einer Spielhölle vermachte ihnen auf einen Schlag seinen kompletten Restbestand. „Plötzlich hatten wir knapp vierzig Automaten und noch nicht einmal dafür bezahlt!“ Über einen Freund mietete man sich eine Lagerhalle am Stadtrand von Karlsruhe und verwandelte das Vereinsheim quasi über Nacht in ein Museum.



Heute liest sich die Mobiliarliste der Retro-Fans wie das Who-is-Who eines verstaubten Gamerlexikons. Neben den Klassikern, wie der legendären Fightgame-Oma MORTAL KOMBAT, posieren die wahren Schätze des Vereins. Games aus den späten 70ern, der Kinderstube der Videospiele, deren verstaubter Arcadesound zusammen mit dem Hämmern und Klopfen der Joysticks zu einem unverwechselbaren Wirrwirr an Geräuschen und Fanfaren kulminiert. Hier fühlt sich der Christian erst so richtig wohl. „Klar sind wir stolz auf unseren Museumscharakter. Aber die wahre Faszination erlebt man erst, wenn man selbst einen Joystick in der Hand hält.“

Gibt es einen Automaten, den der Verein gerne sein Eigen nennen würde? „PONG!“ schießt es aus Jörg heraus, „das war der erste wirklich kommerziell erfolgreiche Automat.“ Für einen echten PONG zahlt man in Sammlerkreisen gerne mal den Preis eines kleinen Gebrauchtwagens. Zu teuer für einen Verein, der sich nur von Mitgliedsbeiträgen und Eintrittsgeldern ernährt.

Jörg gerät ins Schwärmen. Der Spiele-Fan lebt hier ein Stück seines Kindheitstraumes aus. „Ich hatte früher nie eine Konsole und ging deshalb immer bei den Nachbarn zocken. Dann habe ich mir irgendwann selbst eine gekauft und wurde Teil einer Revolution. In gewisser Weise bin ich das heute noch.“ Zwei mal pro Woche trifft er sich mit seinen Kollegen zum Daddeln. Bei ASTEROID zeigt sich das wahre Kind im Manne. „Fünf Knöpfe, Schwarz-Weiß-Bildschirm, nach zwanzig Sekunden jeder weiß, worum es geht - genial.“ Die Einfachheit steigert den Spielspaß und die Kreativität. „Kürzlich habe ich sogar meine Mutter mitgeschleppt und ihr TETRIS gezeigt. Sie war begeistert!“

Es ist die Eingänglichkeit der Spiele, die die Museumsbesucher in ihren Bann zieht; und ihre Originalität. Erwachsene Väter und Mütter, die an digitalen Joysticks einen Teil ihrer Jugend wieder finden und mit Töchtern und Söhnen um die Wette daddeln. Hätte man ihnen als Kind gesagt, dass sie dreißig Jahre später einen Videospieleclub gründen; sie hätten es nicht geglaubt. Heute starren sie mit großen Augen auf Pac-Man und sind fasziniert. In einem Punkt sind sich die beiden Retro-Gamer einig: „Selbst wenn heute alle Spielentwickler der Welt sterben würden, hätten wir trotzdem noch genug zum Spielen.“ Wer einmal das Museum von RetroGames e.V. betreten hat, hegt keinen Zweifel an dieser Aussage.

Mehr dazu:

  • RetroGames e.V. – Gablonzer Straße 11 - 76185 Karlsruhe.
  • Öffnungszeiten: Jeden Samstag 21 Uhr für Publikum.
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