RemmiDemmi im Saunaclub Crash

Carolin Buchheim

Menschen in Mülltüten mit Leuchträndern und Pyramiden-Hüten, eine Hüpfburg für den Tod, ein Trampolin für den Bassisten, und fürs Kollektivgefühl 'No limit' von 2Unlimited: Deichkind rockten am Samstag Abend das Crash, und zwar vollends.



Ich bin ja schon des öfteren zur frühen Morgenstund' aus dem Crash gestolpert, und hab mich gefragt: "Wie ist das nur wieder passiert?" Meist hatte das mehr mit Alkohol und zwischenmenschlichen Dramen zu tun als mit Musik, und zugegebenermaßen noch nie etwas mit einem Konzert, und meine Klamotten musste ich danach auch nie auswringen. Bis letzten Samstag. Da haben Deichkind das Crash bei gefühlten 40°C und einer Luftfeuchtigkeit von 95% das Crash, nun ja, gerockt.

Wer bei Deichkind noch an den fluffigen Nordlicht HipHop à la 'Bon Voyage' denkt, der die Hamburger Jungs in den späten Neunzigern und frühen Nullerjahren bekannt machte und Charterfolge lieferte, der hat was verpasst.

Nach den R'n'B und BlingBling-HipHop-Exkursen des zweiten Albums 'Noch fünf Minuten Mutti' sind die Herren Deichkind mit ihrem neuen Album 'Aufstand im Schlaraffenland' und den dazugehörenden Live-Performances da angekommen, wo Mediengruppe Telekommander wohl gerne sein wollen: in der im Kollektiv getanzten, vollkommen Spaßdurchtränkten und von allen Hemmungen befreiten gekreischten -uh!- Gesellschaftskritik. "Wir tanzen auf den Tischen, die Stimmung ist beschissen."

Und dabei sind sie vollkommen schmerzbefreit: Deichkind ließen, bitte festhalten, ihre neue Single 'RemmiDemmi' von Scooter remixen. Ja, das kann man entweder total abgefuckt finden, oder total cool, da gibt es Nichts dazwischen. Entweder man macht mit, oder eben nicht. Bei Deichkind empfiehlt sich: mitmachen, ganz klar!

Halb Zwei. Zu roughen, trashigen, vollkommen tanzbaren Beats und gepitchten Kreisch-Lyrics fallen die Mülltüten der auf die Bühne gestürmten Herren Deichkind schneller, als man im Crash ein Bier bekommt, und die Bardamen im Crash sind ja bekanntlich sehr schnell . Da werden Astralkörper schamfrei über die Bühne gewalzt, und zwar im totalen Exzess; die 'Yippie Yippie Yeah'-Fahne wird geschwungen und unter roten Regenschirmen getänzelt, während der Bassist auf einem Trampolin hupft und ein als Tod verkleideter Statist abwechselnd eine kleine Hüpfburg zertobt und den Leuten in der ersten Reihe Vodka in den Mund schüttet.

Deichkind ist eine Band wie ein Unwetter. Ein schönes Unwetter, eins bei dem einem Hören und Sehen vergehen, und bei dem man sich die Klamotten vom Leib reist, um noch nasser zu werden, und hysterisch herumspringt, weil das Leben so schön ist und es sich doch irgendwie gut anfühlt, Teil einer, nein dieser Masse zu sein.

Die Klamotten im Publikum fallen ebenfalls, nass geschwitzt sind alle ohnehin, es wird gehüpft und gegroovt und gegrinst, und auf der Bühne wird auch schon mal ein Mädchen aus dem Publikum hüftkreisenderweise an sich gedrückt, denn auch wenn man sich nicht mehr anhört wie HipHop und die Attitüde irgendwie Punk ist, so steht man immer noch auf Mädels in engen Tops, klar doch.

Nach den Songs des neuen Albums und herrlich stupiden "Wollt ihr feiern? Freiburg ich hör' Euch nicht!" -Schreiereinen liefern die Herren Deichkind auch die alten Hits und unerhörte Cover, wie eben 'No limits', und das Crash bebt unter den Hüpfern des ekstatischen Publikums. Bierbecher fliegen, die Bühne wird beklettert, Wasser wird verspritzt, der Tod hüpft herum, und am Ende verschwimmt alles in erschreckend raviger musikalischen Glücks-Hysterie.

Um Drei ist der Spuk, nein, das Unwetter vorbei, und bevor es zur After-Hour mit Jan Ehret und den Herren Deichkind hoch ins Drifters geht, strömen alle erstmal raus vors Crash, zum Luft holen. "Wie ist das nur wieder passiert?" frage ich mich, und bin damit nicht allein. Totaler Quatsch eigentlich, dieser Gedanken, denn 'wieder' ist da gar Nichts passiert. Das war ein erstes Mal, mit Deichkind im Saunaclub Crash.

Und was für eins.

Technotechnotechnotechno.

Foto-Galerie: Carolin Buchheim