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Reiseveranstalterin Christina Bauer: Wie geht’s und wie geht’s jetzt weiter?

Nora Ederer

Wie verbringen die Menschen in Freiburg die Corona-Krise? Was macht es mit ihnen und wie lenken sie sich ab? fudder fragt nach. Folge 16: Christina Bauer vom Fernreisespezialisten "Green Tiger Travel".

Christina, wie geht’s dir?

Wie es mir geht? Gute Frage! (Lacht.) Im Grunde gut, aber die letzten Monate waren eine Achterbahn der Gefühle.

Wie hast du die letzten Monate verbracht?

Ich habe wahnsinnig viele Gespräche geführt: Mit unseren acht Mitarbeiter*innen, die mein Mann und ich in Kurzarbeit schicken mussten. Mit unseren Kund*innen, deren Reisen wir abgesagt oder verschoben haben, und natürlich auch mit unseren Partner*innen vor Ort, in Asien. Die machen sich natürlich ebenfalls große Sorgen um den Tourismus in ihren Ländern. Außerdem habe ich viel mit Fluggesellschaften telefoniert und über Rückzahlungen für stornierte Flüge gestritten. Als Reiseveranstalter müssen wir unseren Kund*innen die Kosten für gecancelte Flüge innerhalb von zwei Wochen erstatten – doch bei den meisten Fluggesellschaften warten wir bis heute auf das Geld.
Christina Bauer, 40, studierte Tourismusgeographie in Trier und gründete 2012 die kleine Freiburger Reiseagentur "Green Tiger Travel". Normalerweise stellen sie und ihr Team individuelle Reisen nach Südostasien, Sri Lanka und Bhutan zusammen. Doch dorthin darf seit Monaten niemand mehr in den Urlaub fahren. Im fudder-Interview erzählt Christina Bauer, was ihr durch den Kopf ging als im März im Minutentakt Flüge gestrichen wurden und wie es jetzt, ein halbes Jahr später, für sie weitergeht.

Das klingt anstrengend.

Allerdings! Im Grunde entzieht uns die Corona-Pandemie ja die Geschäftsgrundlage. In den vergangenen Monaten hatte ich deshalb unheimlich viele Ups und Downs. Besonders dankbar bin ich gerade für unsere tollen Partnerorganisationen in Asien. Sie sind uns von Anfang an sehr entgegen gekommen und haben uns das Geld für stornierte Reisen schnell zurücküberwiesen.

Die Sommerferien sind seit dieser Woche vorbei – eigentlich eine der Hauptreisezeiten der Deutschen. Was lief diesmal anders als sonst?

Naja, die harte Wahrheit ist: Keine der geplanten Reisen konnte stattfinden. Das sind im Sommer vor allem Familienurlaube mit Kindern. Glücklicherweise waren manche Kund*innen bereit, ihre Reise nicht komplett zu stornieren, sondern haben sie lediglich auf einen späteren Zeitpunkt verschoben. Das hilft uns als kleine, unabhängige Reiseagentur natürlich enorm, ebenso unseren Partnerorganisationen in Asien.

Wann, schätzt du, können wieder Reisen nach Sri Lanka, Bhutan und Südostasien stattfinden?

Bisher haben wir alle Reisen bis Ende dieses Jahrs abgesagt. Sri Lanka hat signalisiert, dass es seine Grenzen bald wieder öffnen möchte. Dazu werden wir in den nächsten Wochen sicherlich mehr erfahren. Alles weitere wird sich zeigen.
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fudder möchte in dieser Serie junge Menschen aus Freiburg und der Region vorstellen und sie fragen, wie es ihnen in der Krise geht. Dabei möchte die Redaktion einen Querschnitt der Gesellschaft zeigen. Seit Mai stellen wir regelmäßig eine Folge von "Wie geht’s und wie geht’s jetzt weiter?" online.

Übersicht: Alle Folgen von "Wie geht’s und wie geht’s jetzt weiter?"

Was bedeutet das für deine Agentur?

Als die Reisebeschränkungen in Kraft traten, mussten wir uns schnell eine Alternative überlegen. Zum Glück hatten wir schon vor ein paar Jahren die Idee neben Fernreisen auch individuelle Touren in der Region anzubieten, etwa Reisen mit Wanderungen und stilvollem Picknick im Schwarzwald oder Weintouren im Kaiserstuhl und an der Mosel. In der Vergangenheit fehlte uns immer die Zeit, solche Reisen tatsächlich zu planen und durchzuführen. Jetzt hat es endlich geklappt. Die ersten Touren haben wir bereits durchgeführt und werden sie jetzt auch dauerhaft in unser Angebot aufnehmen. Die Organisation hat meinem Team und mir wahnsinnig viel Spaß gemacht, weil wir endlich wieder kreativ sein konnten.

Im März stand die Welt von einem Tag auf den anderen still. Flüge wurden im Minutentakt gestrichen und sogar innerhalb der Europäischen Union machten Staaten über Nacht ihre Grenzen dicht. Was ging dir damals durch den Kopf?

Im März waren noch einige unserer Kund*innen in Asien unterwegs. Deshalb lautete die wichtigste Frage: Wie kriegen wir diese Menschen wieder heim nach Deutschland? - und zwar noch mit den regulären Flügen, also bevor die Bundesregierung im Zuge ihrer Rückholaktion Maschinen charterte. Mein Team und ich hatten also eigentlich keine Zeit groß nachzudenken. Wir saßen alle am Rechner, oft bis tief in die Nacht, und haben versucht unsere Kund*innen mit den wenigen verbleibenden Maschinen zurück nach Deutschland zu bringen – was dann zum Glück auch geklappt hat. Im Nachhinein fühlt es sich an wie ein komischer Traum.

Du hast die Reisebeschränkungen also nicht kommen sehen?

Natürlich habe ich schon im Januar vom neuen Coronavirus gehört und es gab auch Nachfragen von besorgten Kund*innen, schließlich sind viele unserer Zielländer nicht weit von China entfernt. Doch im Grunde konnte ich mir nicht vorstellen, was da auf uns zukommt.

Das konnten wahrscheinlich die wenigsten. Wie war die Stimmung innerhalb deines Teams als sich das Ausmaß der Pandemie abzeichnete?

Ab März war klar, dass wir Kurzarbeit für unserer Mitarbeiter*innen beantragen müssen. Ich habe viele Gespräche mit ihnen geführt und ich bin sehr dankbar, dass das Team alle Entscheidungen mitgetragen hat. Gerade halten nur noch mein Mann, unser Azubi und ich die Stellung.

Wie kommst du persönlich mit der derzeitigen Ausnahmesituation zurecht?

Im Grunde gut. Aber ich muss schon sagen: Die Reiseagentur ist mein Leben; Beruf und Privates hängen für mich eng zusammen. So haben die vergangenen Monate natürlich an mir gezehrt, aber mittlerweile fühle ich mich sogar stärker als vor der Krise. Was mir gut tut ist der Kontakt zu anderen kleinen Reiseveranstaltern. Jede Woche organisieren wir eine Telefonkonferenz und tauschen uns aus.

Was hast du in den vergangenen Monaten gelernt?

Dass ich am großen Ganzen zwar nichts ändern kann, aber meine Einstellung dazu schon. Und auch, dass es immer eine Lösung gibt, selbst wenn sie momentan noch nicht ersichtlich ist. Vielleicht kommt sie ja dann morgen.

Christina, wie geht’s für dich jetzt weiter?

Erstmal mit weiteren Reisen in der Region und vielleicht können wir in ein paar Monaten schon wieder weiter in die Ferne schauen. Ich denke, dass die Art des Reisens, die wir anbieten, definitiv Zukunft hat: nachhaltig, individuell und nah an den Menschen in den Gastländern. Jedenfalls freue ich mich schon jetzt, wenn meine Mitarbeiter*innen und ich wieder alle zusammen im Büro sitzen und das tun, was wir gerne tun: individuelle Reisen planen.
Green Tiger Travel – Individualreisen
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