Reisetipps für Lyon

Kathrin Müller-Lancé

Autobahnausfahrt, Staumagnet, Industriestadt: Lyon hat keinen guten Ruf. Zu Unrecht: Die Altstadt gehört zum Weltkulturerbe, die Gastronomie ist auch dank Paul Bocuse weltberühmt. Warum es sich lohnt, bei der nächsten Fahrt ans Mittelmeer einfach schon vor dem Stau halt zu machen, erklärt uns fudder-Autorin Kathrin Müller-Lancé.



Übersehene Sehenswürdigkeit

Schon die Stadt Lyon an sich scheint eine übersehene Sehenswürdigkeit. Fast alle Deutschen waren schon einmal in Paris, Marseille kennt man auch, liegt am Meer. Die drittgrößte französische Stadt aber ist kaum jemandem ein Begriff. Umso besser, so bleibt die Stadt größtenteils von Touristenströmen verschont und offenbart sich dem Kenner.

Um Lyon von oben zu sehen, pilgern die meisten Besucher auf die Basilika Fourvière. Einen mindestens genauso schönen Ausblick bietet der zweite Hügel der Stadt, das ehemalige Seidenweberviertel Croix Rousse. Vom Rathausplatz aus kommt man über kleine, café- und bargesäumte Sträßchen hoch aufs Plateau.

Von Dienstag bis Sonntag ist hier oben jeden Vormittag Markt. Das Bio-Angebot lässt nicht nur Freiburger Herzen höher schlagen. Einmal oben im hippen Viertel, lohnt sich noch ein kleiner Abstecher zur Mur des Canuts. Lyon ist berühmt für die Wandbemalungen des Künstlerkollektivs “CitéCréation”. Die Gemälde sind zum Teil so verblüffend gut gemacht, dass man zwei Mal hinschauen muss, um zu erkennen, ob es sich nun um ein echtes Fenster oder ein aufgepinseltes handelt.



Magengrummeln

Lyon gilt als Hauptstadt der Gastronomie, als der "Bauch" Frankreichs. Kochlegende Paul Bocuse stammt von hier und ist in der Stadt johannlaferisch omnipräsent. Wem das nötige Kleingeld für ein Essen in seinem 3-Sterne-Tempel nahe Lyon fehlt - für ein Menü muss man hier 200 Euro oder mehr rechnen - kann auf diverse Dependancen des Grand Chef in der Innenstadt ausweichen. Im "Institut Paul Bocuse" beispielsweise werden Köche aus der ganzen Welt weitergebildet und bereiten in der offenen Küche des Restaurants Menüs "bereits" ab 45 Euro zu.



Bodenständiger geht es in den traditionellen Bouchons zu. Die Weinstuben servieren den eiskalten Beaujolais in Karaffen ("Pots lyonnais"). Dazu gibt es Klassiker wie Lyoner-Wurst (die mit dem, was in unseren Metzgereiern unter dem gleichen Namen angeboten wird, überhaupt nichts zu tun hat, weil: gröber, gekocht, heiß serviert), Hechtklößchen in Hummersauce und allerlei Innereien. Besonders authentisch speist man zum Beispiel im Restaurant “Chabert et fils” auf der Halbinsel in der Innenstadt.

Kaffeepause

Wie überall in Frankreich kommt man auch in Lyon an Törtchen, Pralinen und Kaffeespezialitäten nur schwer vorbei. Besonders schön erholt man sich im Café "Comptoir des Fées" im schicken zweiten Arrondissement. Jede Teesorte kommt hier in einer anderen Oma-Blümchen-Kanne daher, die Möbel sind vom Flohmarkt und die Pâtisserien hausgemacht.

Eine Spur eleganter geht es in der "Grande Pâtisserie Bellecour Perroudon" zu. Die Lyoner Spezialität "Pralines", knallrot eingefärbte, pappsüße, gebrannte Mandeln, gelten hier als besonders gut. Auch zu empfehlen sind die Tarte au chocolat, Tarte au citron meringuée, die Opéra au Yuzu, die Tuiles aux amandes, Croissants, Brioches, ...

Für Nachtschwärmer

Um den Tag bei einem Apéro ausklingen zu lassen, geht man am besten ins "LeBroc Café". Auf einem versteckten Platz hinter dem alten Hôtel Dieu sammeln sich zu Abendbeginn die jungen Lyonnais zum ersten Drink. Im Winter bieten Sofa und Tischkicker in der ersten Etage Entspannung, im Sommer sitzt man eingepfercht (passiv-)rauchend und bohème-schnuppernd auf der Terrasse.



Hungrige bestellen sich ein Brett mit Wurst und Käse ("Planche" genannt) zum Getränk. Wer hier keinen Platz findet, trinkt sein Bier in einem der zahlreichen Pubs in der Altstadt - wo teilweise sogar in echtem Irish-English bedient wird. Zum späteren Abend empfiehlt sich ein Ausflug an den Hügel der Croix-Rousse. Im Szene-Club Le Lavoir Public, einem ehemaligen Waschhaus, legen auch internationale DJs auf. Praktisch: Die wundgetanzten Füße kann man im Wasserbecken kühlen. Je nach Veranstaltung lohnt sich hin und wieder sogar ein Badeanzug.

Meet the Locals

Fast alle Städte haben einen - Lyon hat mit Rhône und Saône sogar zwei Flüsse. Besonders die Rhône ist voll in den Alltag der Städter integriert. Schon frühmorgens begegnet man den Sportiven beim Joggen oder Fahrradfahren am Ufer. Auf dem Markt, der hier fast jeden Vormittag stattfindet, decken sich die Stadtbewohner mit frischem Obst und Gemüse ein und halten Schwätzchen. Im Sommer picknickt man nachmittags auf einer der Wiesen am Flussrand oder erfrischt sich im neu eröffneten Freibad. Abends öffnen die Péniches ihre Türen. Das sind Hausboote, die zu Bars und Clubs umfunktioniert worden sind. Hier treffen sich die Lyoner auf ein Glas Wein, einen hausgemachten Hamburger oder zur Jamsession.

Fine Art

Lyons Kulturszene ist übersichtlicher als die in Paris. Trotzdem gibt es ganz besondere Orte, zum beispiel das Musée des Confluences, das neue naturgeschichtliche Museum am Zusammenfluss von Rhône und Saône. Man spricht auch vom französischen Stuttgart 21: Erst im Dezember 2014 wurde das Gebäude eröffnet - etwa ein Jahrzehnt später, als ursprünglich geplant.



Auch wenn die Ausstellung des “Menschheitsmuseums” etwas willkürlich wirkt, lohnt sich ein Ausflug in Lyons modernsten Stadtteil. Der futuristische Museumsbau ist an sich schon sehenswert und die Dachterasse gewährt einen grandiosen Blick über die ganze Stadt.

Für Romantiker

Gleich zwei Veranstaltungen im Jahr eignen sich bestens für romantisch veranlagte Lyon-Besucher. Von Juni bis Ende Juli finden im Rahmen des Festivals "Nuits de Fourvière" fast jeden Abend Konzerte, Tanz- und Theateraufführungen im alten römischen Theater auf dem Hügel Fourvière statt. Nach einem gelungenen Auftritt fliegen dort schon mal die Kissen auf die Bühne.

Romantisch wird es in Lyon aber vor allem im Winter: Um den 8. Dezember herum gerät die Stadt jedes Jahr in den Ausnahmezustand: Es wird "Fête des Lumières", das Lichterfest, gefeiert. Ursprünglich initiiert, um der Jungfrau Maria für die Rettung Lyons vor der Pest zu danken, wurde die Veranstaltung mittlerweile zum weltbekannten Spektakel kommerzialisiert. An insgesamt vier Abenden tauchen Installationen internationaler und nationaler Künstler die Stadt in besonderes Licht.

Höhepunkt ist stets die Projektion auf dem Rathausplatz, bei der Werke aus dem benachbarten Kunstmuseum auf die Wände geworfen und mit Musik untermalt werden. Wer den Trubel dort meiden möchte, spaziert besser durch den illuminierten "Parc de la Tête d’Or" oder läuft am Abend des 8. Dezember aufmerksam durch die Wohnviertel. Ganz traditionell stellen die Lyoner dann kleine Kerzen, "Lumignons", auf die Fensterbank, um der Heiligen Maria zu gedenken.

Ab ins Grüne

Wenn die Stadtluft auf Dauer zu viel wird, empfiehlt sich eine Radtour in den größten Park Lyons. An der Rhône entlang fährt man mit einem der Vélov-Leihfahrräder etwa zehn Minuten bis zum "Parc de la Tête d’Or". Hat man einmal das goldene Schnörkel-Tor passiert, fühlt man sich wie auf dem Land. Hier spaziert man im Rosengarten, picknickt auf der Liegewiese oder fährt Tretboot auf dem See. Sogar Tiere gucken ist gratis mit drin: Im "Jardin Zoologique" gibt es unter anderem Affen, Stachelschweine, Bären, Giraffen und sogar einen echten Löwen ("Le lion de Lyon") zu bestaunen.

Die Tippgeberin

Die Tippgeberin: Ursprünglich ausgezogen, um Frankreich und die Franzosen kennenzulernen, weiß Kathrin Müller-Lancé nach ihrem Freiwilligendienst am Goethe-Institut Lyon so viel über Deutschland wie nie zu vor. Trotzdem hat sie im Laufe des Jahres ein bisschen was von der Stadt gesehen - und teilt hier großzügig ihre Insidertipps.

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Fotos: Kathrin Müller-Lancé

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