Reisetipps für Atlanta (19)

Annabelle Merklin

Atlanta, Georgia? Die meisten Urlauber, die in den tiefen Süden der USA vordringen, besuchen Savannah oder Charleston. Aber es gibt gute Gründe die ständig wachsende Metropole, in der 1996 die Olymischen Sommerspiele stattfanden, aufzusuchen. Der "Deep South" der USA hat den Ruf konservativ und rückständig zu sein. Doch Atlanta ist eine Großstadt, die überraschend modern ist und mehr als die grauen Betonfassaden von Downtown aufzuweisen hat.



Übersehene Sehenswürdigkeiten

Wer Atlanta besucht, muss natürlich in der Geburtsstätte des beliebtesten Softdrinks der Welt vorbeischauen. In der World of Coca Cola (121 Baker Street NW) besteht die Möglichkeit am Ende des Rundgangs etwa 60 verschiedene Produkte des Coca-Cola-Konzerns zu verkosten. Besonders interessant ist es, die unterschiedlichen Geschmacksrichtungen zu probieren, die speziell für den asiatischen oder afrikanischen Markt entwickelt wurden. Ich wusste nicht, dass es MezzoMix – gemeinhin bekannt als „Spezi“ – nur in Europa gibt. Allerdings warne ich davor alle Geschmacksrichtungen durchzuprobieren – man bekommt schnell das Gefühl, dass statt Blut klebrige Limonade durch die Adern fließt.



Neben den obligatorischen Besuchen der Studios des Nachrichtensenders CNN (Tour: Inside CNN, 190 Marietta Street NW) und der World of Coca Cola bietet Downtown Atlanta noch das große Georgia Aquarium, in dem man sogar Walhaie bestaunen kann.

Das Aquarium hat zwar einen stolzen Eintrittspreis, aber hat als „größtes Aquarium der Welt“ auch einiges zu bieten. Ein großer Vorteil dieser 3 Sehenswürdigkeiten besteht darin, dass sie alle zu Fuß zu erreichen sind. In der Autostadt Atlanta ist der öffentliche Nahverkehr noch im Entwicklungsstadium. Es gibt in der 3-Millionenstadt lediglich zwei U-Bahnlinien – eine Nord-Süd- und eine Ost-West-Verbindung.



Ansonsten kommt einem die Innenstadt von Atlanta rund um den Olympiapark eher ausgestorben vor. Lohnender ist es, die einzelnen Stadtteile, die jeweils ihren ganz eigenen Charakter haben, zu besuchen. Atlanta ist in eine stark bewaldete, hügelige Landschaft eingebettet. Es kommt einem so vor als ständen die Häuser der Vororte mitten im Wald und nicht in einer Großstadt.

Little Five Points (nicht zu verwechseln mit der zentralen U-Bahn-Station „Five Points“) ist der Stadtteil, in dem sich die alternative Szene abspielt. Hier gibt es kleine Läden und Geschäfte, die ganz individuell gestaltet sind. Unter ihnen auch eine Reihe von Secondhand-Shops.

Ein Spaziergang durch die Wohngegend rund um die kleinen Einkaufsstraße gibt einen Einblick, wie die Linksliberalen und ökologisch bewussten Menschen in den Südstaaten leben. Die alten Südstaatenhäuser sind außergewöhnlich und mit viel Charakter dekoriert. Besonders beliebt sind hier nicht etwas „Stars and Stripes“, sondern die bunten Pace-Flaggen, die seit den Irakkriegprotesten jeder kennt.



Zum Ausgehen und Essen bietet sich Virginia Highlands an. Hier gibt es viele Restaurants, die auch unter der Woche gut besucht sind. Vom klassisch amerikanischen Burger Place über Indisch bis hin zu Mexikanisch ist fast jede Küche dieser Erde repräsentiert. Als kleinen Tipp empfehle ich immer einen Pullover oder eine Jacke dabei zu haben, da Atlanta schwül und dampfend heiß ist, aber in den Restaurants, dank Klimaanlage, oft Eiszeit herrscht.

Kaffeepause

„Echte" Cafés sind in Atlanta dünn gesäht. Besonders downtown kann es eine echte Herausforderung sein, einen guten Kaffee zu bekommen. Natürlich gibt es an fast jeder Ecke ein Starbucks (zum Beispiel im Westin Peachtree Plaza – Lobby, 210 Peachtree Street NW), und ein Aufenthalt in den Vereinigten Staaten sollte auch mindestens einen Besuch in einem Starbucks beinhalten.



Wer allerdings einen Coffee Shop sucht, der keiner Kette angeschlossen ist, sollte ins JavaMonkey (205 E. Ponce De Leon Avenue Ste 5, Decatur, GA 30030) in Decatur gehen. Dort gibt es den besten Mocha überhaupt und auch die angebotenen Kuchen (besonders der Carrot Cake) und Tees sind empfehlenswert. Um noch eine Weile durchziehen zu können, wird der Tee in einer merkwürdigen Konstruktion serviert, die auf der Tasse aufsitzt. Hebt man diese hoch, fließt der Tee unten ab. Weiß man davon nichts, so hat man schnell den Tee über dem Tisch und der Kleidung verteilt, da erst das Wiederaufsetzen auf die Tasse den Teestrom zum Stoppen bringt. Wie in allen amerikanischen Kaffeehäusern kann man dort stundenlang sitzen und lesen oder Hausarbeiten schreiben. Deshalb ist das Cafe besonders bei Studenten beliebt.

Magengrummeln

Ein etwas ausgefalleneres und exquisites Restaurant ist das Canoe(4199 Paces Ferry Road, NW) direkt am Chattahoochee River. Besonders empfehle ich, den Aperitif draußen im Garten des Restaurants am Flussufer zu trinken. Hier gibt es regionale und saisonale Gerichte modern aufgepeppt. Es liegt zwar etwas außerhalb und ist nicht leicht zu finden. Besonders da die Namensgebung der Straßen in Atlanta wenig originell ist. Ein Beispiel: Peachtree Street, Peachtree Place, Peachtrea Avenue, Peachtree Lane oder einfach nur Peachtree Road. Das „Prinzip Peachtree“ wurde auch auf andere Straßennamen übertragen und so übersieht man gerne den zweiten Teil eines Straßennamens und landet in einem völlig anderen Stadtteil.



Fine Arts

Eine Institution in Atlanta ist das Fox Theatre (660 Peachtree Street NE). Hier werden meist Broadway Musicals aufgeführt. Der eigentliche Star ist allerdings das Gebäude selbst. Denn von außen eher unscheinbar entpuppt es sich im Innern als orientalischer Palast und entführt den Zuschauer schon allein beim Betreten in eine andere Welt.

Der Atlanta Botanical Garden (1345 Piedmont Ave. NE) macht immer wieder durch Sonderausstellungen auf sich aufmerksam. Bei meinem Besuch im Garten waren überall Wind- und Wasserspiele aufgebaut, die sich wunderbar in die Landschaft eingefügt haben.

Das Atlanta High Museum of Art (1280 Peachtree Street, NE) ist ebenfalls sehenswert. Das Museum hat eine Kooperation mit dem Pariser Louvre, aber ist dennoch nicht mit den berühmten amerikanischen oder europäischen Museen zu vergleichen. Dennoch bietet es eine kleine ausgewählte Sammlung, die besonders ein breites Spektrum amerikanische Kunst abdeckt.



Die beste Bar der Stadt

Ohne Zweifel der Brick Store (125 E. Court Square, Decatur, GA 30030) in Decatur. Hier gibt es so ziemlich jedes Bier auf dem Planeten und auch das Essen ist bodenständig und lecker, aber geht über das Angebot klassisch amerikanischer Bars mit Chicken Wings und Burgern deutlich hinaus.

Es gibt sogar einigermaßen brauchbare Laugenbrezeln. Die Atmosphäre ist eine Mischung aus britischem Pub und amerikanischer Bar. Besonders am Wochenende ist es brechend voll und besonders Studenten der nahe gelegenen Emory University verbringen hier ihre freien Abende.



Der beste Club der Stadt

Da ich nicht so oft in Clubs gehe, habe ich vielleicht nicht den ganz großen Überblick über die Clubszene in Atlanta. Aber ich kann die Star Bar(437 Moreland Avenue) weiterempfehlen. Das Publikum ist bunt gemischt und es gibt einen skurrilen Elvis-Schrein, der so absurd ist, dass er schon wieder als kultig durchgeht. Hinter einer Glasscheibe gibt es eine Anhäufung von verschiedensten Elvis-Presley-Paraphernalia inklusive einer Photographie seiner Mutter und die Möglichkeit eine Kerze für den King zu entzünden. Dieser Versuchung konnte ich gerade noch wiederstehen.

Nachtlager

Da die Stadt drei große Universitäten beheimatet (Georgia State, Georgia Tech und Emory) kommen immer wieder Familienangehörige oder Wissenschaftler für kurze Zeit in die Stadt. Daher gibt es rund um die Unis günstige Übernachtungsmöglichkeiten (zum Beispiel das Emory Inn, 1641 Clifton Road).



Empfohlen sei außerdem das kleine Ponce de Leon Place Bed & Breakfast im 929 Ponce de Leon Place (Achtung! Nicht die große und bekannte Ponce de Leon Avenue). Die Zimmer sind liebevoll und freundlich hergerichtet und mit Geschirr, einer Mikrowelle und Kühlschrank ausgestattet.



Für Romantiker

Piedmont Park bietet sich für einen Nachmittag mit Picknick und einem ausgedehnten Spaziergang an. Während man im Schatten unter einem der vielen Bäume liegt und die mitgebrachten Leckereien genießt, kann man entfernt den lauten dumpfen Knall hören, der entsteht, wenn ein Baseballschläger auf den Holzball trifft. Da es im Sommer unerträglich heiß werden kann, empfiehlt es sich, erst in den frühen Abendstunden in den Park zu gehen und die Abendstimmung zu genießen.

„Shop till you drop“

In Buckhead kann man einmal einen klassisch amerikanischen Tag in der Mall erleben. Der reiche Stadtteil im Nordwesten ist bekannt für seine luxuriösen Einkaufsmöglichkeiten. Ich empfehle einen Besuch in der Lenox Square Mall (3393 Peachtree Road NE). Dort gibt es die ganze Bandbreite der bekannten Bekleidungsgeschäfte.



Man kann die perfekt gestylten Damen und Herren der Oberschicht im Konsumrausch beobachten und ist fasziniert, dass es tatsächlich eine Mall mit Valet-Parking gibt. Regelmäßig fahren am Nordende der Mall weiße Limousinen vor um Einkäufer abzuladen oder abzuholen.

Meet the locals

Wer plötzlich während seiner Amerika-Reise Lust auf europäische Lebensmittel bekommt – vor allem Brot und Käse – dem sei der Dekalb Farmers Market (3000 E. Ponce De Leon Avenue, Decatur, GA 30030) empfohlen. Aber auch ohne konkrete Einkaufsliste ist der Farmers Market ein Erlebnis. Hier wird sehr schnell deutlich, wie multikulturell die Bevölkerung Atlantas ist. Menschen aus aller Herren Länder kaufen Lebensmittel aus ihrer Heimat und das riesige Angebot an Obst, Gemüse und anderen Leckereien ist an sich schon sehenswert. Aber Achtung – fotografieren ist verboten und auf die Einhaltung dieser Regel wird auch streng geachtet (es ist mir trotzdem gelungen ein Foto zu schießen).



Besonders empfehle ich den Besuch über die Mittagszeit, da kann man den Einkauf mit einem günstigen und leckeren Lunch in der Market Cafeteria verbinden. Oder aber man gönnt sich ein Stück Kuchen oder hausgemachtes Eis aus der Konditorei.

Die Tippgeberin

Annabelle Merklin hat gerade ein Jahr an der Emory University in Atlanta verbracht. Sie studiert im 9. Semester Politikwissenschaft an der Freien Universität Berlin, kommt aber ursprünglich aus Freiburg.

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