Corona-Krise

Raum Freiburg verschärft Veranstaltungsverbot: "Verhalten uns jetzt wie ein Risikogebiet"

In Freiburg sind ab dem morgigen Samstag alle Veranstaltungen und Versammlungen ab 50 Menschen untersagt. Mit diesem Schritt soll die Ausbreitung des Coronavirus eingedämmt werden.

Am Dienstag lag das Limit noch bei 1000 Menschen, jetzt untersagt die Stadt Freiburg alle Veranstaltungen und Versammlungen mit 50 und mehr Teilnehmenden. Der Landkreis Breisgau-Hochschwarzwald schließt sich mit einer klaren Empfehlung an seine Gemeinden an. Es sei jetzt Zeit, einschneidende Maßnahmen zu treffen. Die Anordnung gilt vom morgigen Samstag vorerst bis zum 20. April 2020, 24 Uhr.


"Das ist natürlich eine Einschränkung des öffentlichen Lebens", sagte Freiburgs Erster Bürgermeister Ulrich von Kirchbach. "Aber in Abwägung des Gesundheitsschutz treffen wir jetzt diese Entscheidung, um vor die Linie zu kommen und um unser Gesundheitssystem und unsere Kliniken zu entlasten."

Die Pressekonferenz aus dem Freiburger Rathaus zum Nachsehen:

Wichtig sei der Schulterschluss, sagte Freiburgs Erster Bürgermeister von Kirchbach. Die Stadt sowie die Landkreise Breisgau-Hochschwarzwald, Emmendingen und Lörrach haben bei einem Treffen im Regierungspräsidium eine gemeinsame Linie vereinbart. Von Kirchbach geht davon aus, dass eine einheitliche Regelung in ganz Südbaden kommt.

Alles tun, um die Anstiegskurve flach zu halten

"Wir haben Entscheidungen zu treffen, die nicht populär sind", sagte Dorothea Störr-Ritter. Die Landrätin des Breisgau-Hochschwarzwalds glaubt, dass die Bürger diesen Schritt angesichts der Entwicklung akzeptieren.

Grund für die Verschärfung des Verbots von Dienstag sei die gravierende Zunahme der Infektionszahlen im Elsass und die Dynamik vor Ort. "Für uns ist jetzt als Ordnungsbehörde wichtig, alles zu tun, damit wir nicht schnell Risikogebiet werden", so Ordnungsbürgermeister Stefan Breiter. Freiburg sei kein Risikogebiet. "Aber wir verhalten uns jetzt so", so Ulrich von Kirchbach.

Fälle haben sich an einem Tag fast verdoppelt

Die Coronafälle in Stadt und Landkreis haben sich von Donnerstag auf Freitag auf 70 Fälle fast verdoppelt.

Mit Blick auf Italien müsse man davon ausgehen, dass diese Dynamik anhalte, sagte Martin Barth, Erster Landesbeamter im Breisgau-Hochschwarzwald. "Wir sind zum Ergebnis gekommen, dass wir mutig handeln müssen."

Kritik am Landesvater

Viele Bürgermeister fühlen sich allein gelassen, auch die der Stadt Freiburg. Breiter vermisste klare Ansagen von Ministerien und kritisierte Ministerpräsident Winfried Kretschmann. "Kretschmann wird als Landesvater bezeichnet, ein Vater kümmert sich um seine Kinder. Ich habe aber noch keine Verlautbarung gehört", sagte Freiburgs Ordnungs- und Finanzbürgermeister.

Die Kommunen hätten das von unten nach oben geregelt. "Das war schon bei der Flüchtlingskrise so." Barth ergänzte als Leiter des Krisenstabs: "Wir wünschen uns mehr Unterstützung, aber wir warten nicht darauf."

Was eine mögliche Schließung der Schulen und Kindergärten im Land angeht, werde sich die Stadt Freiburg nicht gegen eine Empfehlung Stuttgarts stellen. "Das ist klar", sagte Breiter. Am Wochenende tagt im Rathaus eine Arbeitsgruppe, um mögliche Folgefragen zu beraten, auch was den städtischen Nahverkehr angeht.

Keine 50 Freiburger an einem Ort

Die Freiburger Regelung im Detail: Kinos, Clubs und Restaurants können geöffnet sein – aber es dürfen sich nur 49 Personen darin aufhalten, inklusive Personal. Wochenmärkte dürfen ohne Einschränkung stattfinden.

Die neue Regelung gelte sowohl für Veranstaltungen, als auch Versammlungen. Der Freiburger Kreisverband der AfD hatte eine Demonstration für den kommenden Samstag angekündigt, diese aber am vergangenen Donnerstag selbst wieder abgesagt.

Auch Familienfeiern und Beerdigungen betroffen

Betroffen sind nicht nur öffentliche, sondern auch private Zusammenkünfte – Geburtstagsfeiern, Beerdigungen, Vereinstreffen. "Alles, was uns lieb ist, müssen wir auf den Prüfstand stellen", sagte Landrätin Störr-Ritter, die selbst Großmutter ist.

Lückenlose Kontrollen im Stadtgebiet könne es nicht geben, sagte Breiter. Aber wenn es zu offensichtlichen Verstößen komme, würde die Ortspolizeibehörde eine Räumung und Bußgelder veranlassen.

Freiburg schließt ab Samstag alle städtischen Museen, das Stadttheater, alle Bäder – auch das Eugen-Keidel-Bad – sowie sein Planetarium. Die Stadtbibliothek bleibe als einzige kulturelle Einrichtung nach bisherigem Stand geöffnet, auch das Tiergehege Mundenhof. Von Kirchbach appellierte an die Bürgerinnen und Bürger, besonders am kommenden Wochenende das Tiergehege nicht zu besuchen: "Bleibt daheim." Eine Schließung des offenen Geländes sei nicht praktikabel: "Sonst gibt es Stau bis auf den Zubringer." Einzig das Aquarium werde für Besucher gesperrt.

Landrätin Störr-Ritter hofft auf einen Beschluss noch am Freitag, dass Grenzkontrollen ausgeweitet und Verdachtsfälle zurückgewiesen werden können. Sie fordert personelle Verstärkung für das Gesundheitsamt und Abstrichzentren, wie eines in Freiburg eingerichtet wurde.

Freiburgs Oberbürgermeister Martin Horn kürzt seine Reise nach Nicaragua in Freiburgs Partnerstadt Wiwilí ab und kehre am späten Samstagvormittag vorzeitig zurück. Horn sei auch von Nicaragua aus stets in die Entscheidungen in Freiburg eingebunden gewesen, so Ordnungsbürgermeister Stefan Breiter. Am Dienstag will die Stadtspitze auch beraten, wie mit Gemeinderatssitzungen verfahren wird. Freiburg hat 48 Stadträtinnen und Stadträte, dazu fünf (Ober-)Bürgermeister, bei Sitzungen sind zudem immer auch Verwaltungsmitarbeiter, Zuschauer und Medienvertreter anwesend.