fudder-Interview

Rapper Pyrin über Beleidigungen auf der Bühne beim Freestyle-Rap

Stefan Mertlik

Vor zwölf Jahren gehörte Pyrin zu den großen Battle-Rappern des Landes. Als Thommy Walker stand er zweimal im Finale des "1on1 Freestyle Battles". Stefan Mertlik sprach mit ihm über Freestyle-Rap.

Fudder: Pyrin, haben Dich Zeilen bei einem Battle jemals verletzt?

Pyrin: Bei Freestyle-Battles schwingt das eigene Gefühl zwischen Adrenalinstößen, wenn das Publikum eine Zeile feiert, und enormer Verunsicherung, wenn keine Reaktion kommt. Letzteres sind natürlich Momente extremen Unwohlseins. Wenn man das als Verletzung sehen will, dann ja. Die Sprüche meiner Gegner zielten aber meistens auf mein Körpergewicht ab. Das hat mich nie getroffen.

Fudder: Hattest Du Grenzen, die Du nicht überschreiten wolltest?

Pyrin: Vor einem Battle bat mich ein Kumpel, dass ich nichts gegen seine damalige Freundin sage. Hätte ich sie trotzdem ins Spiel gebracht, wären wir keine Kunstfiguren mehr, sondern echte Menschen gewesen. Die Frage, wo mein moralisches Spielfeld endet, habe ich mir aber nie gestellt. Heute kann ich mir meine Battles nicht mehr anschauen.

Fudder: Warum?

Pyrin: Du versuchst vor einer Horde von Menschen einen Lacher abzugreifen. Dabei zieht das denkbar Billigste. Teilweise kamen Aussagen heraus, die ich heute als erwachsener Mann heftig finde.

Fudder: Ich nehme an, dass Du schon damals moralische Vorstellungen hattest. Weshalb hast Du auf der Bühne trotzdem bestimmte Zeilen gebracht?

Pyrin: Selbst wenn man auf der Bühne eine andere Moral an den Tag legt als im Alltag, stimmt man trotzdem in diesen sehr fragwürdigen Wertebereich mit ein. Wer einen homophoben Spruch reißt, akzeptiert, dass das eine Herabwürdigung ist, die auch als solche verstanden wird. Vielleicht sind Freestyle-Battles auch der falsche Rahmen, um sich über Werte Gedanken zu machen.

"Heute kann ich mir meine Battles nicht mehr anschauen."

Fuuder: Sind das Gründe, weshalb Freestyle-Battles eigentlich nichts Massentaugliches sind?

Pyrin: Es wird immer massentauglich sein, zwei Menschen auf eine Plattform zu stellen, auf der sie sich gegenseitig kaputthauen. Sei es mit Worten oder mit Fäusten im sportlichen Sinne.

Fudder: Wie wird man ein guter Freestyle- Rapper?

Pyrin: Eine gewisse Schlagfertigkeit hilft. Ich glaube aber nicht, dass Talent alles ist. Übung ist daher das Wichtigste.
Pyrin, Jahrgang 1985, heißt mit bürgerlichem Namen Thomas Lesniak und lebt in Leonberg. 2010 nahm er an seinem letzten Freestyle-Battle teil. Am 28. März 2020 erscheint sein neues Album "Godot".

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