Raffael Armbruster: Der Gassenkletterer

Bernhard Amelung

Bis vor einer Woche war Raffael Armbruster hier für uns bei fudder ein Fotograf, der für uns ab und zu im Freiburger Nachtleben unterwegs war. Dann überraschte der 21-Jährige uns mit einem Video, das den Adrenalinspiegel in der Redaktion rasant in die Höhe schnellen ließ. Was er darin zeigt, ist saucool - und nicht zur Nachahmung empfohlen:



Raffael Armbruster presst seine Hände und Füße gegen die Wände eines kleinen Freiburger Gässchens zwischen Fischerau und Gerberau. Immer wieder löst er vorsichtig die Hände und versetzt sie um wenige Zentimeter nach oben. Er drückt sich fest ab und zieht die Beine nach. Wie eine Spinne schiebt und zieht er sich mit dieser Technik Zentimeter für Zentimeter nach oben, bis er acht, neun Meter hoch über dem Kopfsteinpflaster zwischen Fischers Orthopädiegeschäft und dem Hotel Markgräfler Hof schwebt. Ohne Sicherheitsseil und ohne Schutzausrüstung.

Diese und weitere atemberaubende Szenen zeigt Raffael in seinem Video Freerun-Gassing. Geboren und aufgewachsen ist der Einundzwanzigjährige in Freiburg. Im Sommer 2011 hat er das Abitur auf dem Theodor-Heuss-Gymnasium in Freiburg-St. Georgen gemacht. Doch seit Februar diesen Jahres lebt er teils in Freiburg, teils in der südfranzösischen Stadt Agen. Dort besucht er eine Stuntschule.

„Stuntman zu werden war lange Zeit ein Traum von mir, wie man eben als kleiner Junge und Heranwachsender davon träumt“, sagt er. Sein Traum rückt erstmals in greifbare Nähe, als er sich nach dem Abitur für einen sozialen Freiwilligendienst in Frankreich meldet. Er kommt nach Compiegne, unweit von Paris gelegen. Dort knüpft er schnell Kontakte zur örtlichen Freerun- und Parkour-Szene, denn diese Sportarten betreibt der großgewachsene Blonde seit Jahren mit Leidenschaft.

Wie wird man eigentlich Stuntman?

Seine französischen Parkour-Kollegen vermitteln Raffael den Kontakt zur Stuntschule in Agen. Er fährt in die Stadt an der Garonne und bewirbt sich auf einen der wenigen Ausbildungsplätze zum Stuntman. Die Schule nimmt ihn auf Probe an. In den ersten Wochen muss er beweisen, dass er die körperlichen Voraussetzungen, den Willen und den Ehrgeiz für diese Ausbildung mitbringt. „Vorausgesetzt, ich werde durch Verletzungen nicht zurückgeworfen, dauert sie zwei Jahre“, sagt er. Das Programm ist in Workshops aufgeteilt, die jeweils zwei bis drei Wochen dauern. In diesen vermitteln Experten praxisbezogenes Fachwissen in den Disziplinen Kampfkunst, Wrestling, Stürzen und Fallen, Feuer, Freerun und Parkour, aber auch Theater und Comedy. „Man nennt dies polyvalente Ausbildung“, erklärt Raffael. „Sie bereitet die Auszubildenden auch für den Einsatz außerhalb klassischer Film-Stunts vor, für artistisches Entertainment, akrobatische Revue- und Gala-Shows sowie Werbefilme."

Raffaels Ausbildungstage in Agen sind streng durchgegliedert. Eine vierstündige Trainingseinheit morgens, die andere nachmittags. Jede Unterrichtseinheit wird von einem Coach geleitet, der sich in dem jeweiligen Bereich spezialisiert hat und jahrelange Praxiserfahrung mitbringt. Freerun und Parkour unterrichten Mitglieder der ehemaligen Yamakasi-Crew, die als weltweite Wegbereiter dieser Disziplin gelten. Feuerstunts begleitet – unter anderem – der Franzose Sebastien Labie. Er hat mitgewirkt in Filmen wie „Die Purpurnen Flüsse 2 – Die Engel der Apokalypse“ oder „Hors La Loi“, einer bewegenden Dokumentation des franko-algerischen Krieges. Dazu kommen Krafttraining mit Eigenkörpergewicht; statische Übungen für Bauch- und Rückenmuskulatur, bei denen lediglich die Muskelspannung durch Druck oder Zug verändert wird; explosive Übungen, mit denen sich Schnell- und Sprungkraft steigern lassen.



Angst vor Verletzungen hat Raffael nicht. „Ich habe Respekt, und das sollte man auch haben, wenn man durch’s Feuer geht oder solche Ausflüge in die Höhe unternimmt“, sagt er. In der Stuntman-Ausbildung lerne er, in seinen Körper hineinzuhorchen und seine Fähigkeiten richtig einzuschätzen. Er gibt jedoch zu, dass für seine Familie Angst ein großes Thema sein. „Die stand zunächst unter Schock, als ich ihr meine Entscheidung mitgeteilt habe. Es hat ihnen sicher wehgetan, dass ich so etwas Verrücktes mache, denn eigentlich wollte ich immer Sonderpädagogik studieren.“ Inzwischen sehe sie jedoch, wie er in seiner Leidenschaft aufgehe und könne daher mit seiner Entscheidung besser umgehen.

Hoch in die Gasse!

Doch wie kommt man auf die Idee, seinen Körper in eine kleine Altstadtgasse hineinzuquetschen und zwischen zwei Wänden hochzuklettern? „Ich habe schon sehr früh die Stadt zu meinem Abenteuerspielplatz gemacht“, erzählt der Einundzwanzigjährige. Seit er als Teenager erste Freerun- und Parkour-Videos gesehen hat, ist er von diesen adrenalintreibenden Sportarten „geflasht“. „Ich war neidisch auf die Protagonisten dieser Filme. Ich wollte das auch machen, wollte das auch können und habe dann allmählich angefangen, meine Körperkraft in der freien Natur einzusetzen.“ Raffaels sonst so ruhige Stimme zittert leicht, deutlich hört man aus ihr die große Anfangsbegeisterung heraus, die er als Teenager hatte und die sich seither nur gesteigert hat. Treppen, Mauern, Geländer überwindet er fortan mit eigener Körperkraft. Für das Zusammenspiel von Kraft, Geschwindigkeit und Körperbeherrschung kommt ihm zu Gute, dass er von Kindesbeinen an Kunst- und Geräteturnen gemacht hat.

Wie es für Raffael nach Abschluss seiner Ausbildung weitergehen wird, weiß er noch nicht. „Ich mache das für mich selbst und ohne Druck, möglichst bald an ersten Filmdrehs beteiligt zu sein“, sagt er und ergänzt: „Es gibt sehr viele Stunt-Schulen und noch vielmehr Quereinsteiger in diesem Bereich. Es ist ein hartes Geschäft, an Aufträge heranzukommen. Connections sind das Wichtigste überhaupt.“ Problematisch sei auch, dass Stuntman in Deutschland kein geschützter Berufsbegriff sei. Anders dagegen in Frankreich. Dort ist die Ausbildung an einer Stunt-Schule eine „formation professionelle“, eine offizielle Berufsausbildung, und mit anderen Fachausbildungen gleichgestellt. Die Absolventen bekommen dafür auch ein Zertifikat. „Das müsste doch eigentlich auch in Deutschland anerkannt werden, wegen europarechtlichen Vorgaben“, meint Raffael.

In naher Zukunft möchte der Freiburger eine kleine Performance-Tour in andere Länder unternehmen. Derzeit befindet er sich noch auf der Suche nach Sponsoren, die ihn bei seinem Vorhaben unterstützen werden. Als Tourstationen kann er sich unter anderem Barcelona oder Venedig vorstellen; Städte mit verwinkelten, engen Altstadtgassen,, die ihm die architektonischen Grundvoraussetzungen für seine artistischen Höchstleistungen bieten. Lachend sagt er: „Vielleicht schwebe ich schon bald über euren Köpfen, wenn ihr durch das Barri Gòtic lauft.“

Raffael Armbruster: Freerun-Gassing in Freiburg

Quelle: Vimeo

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  [Fotos: Yves Bierwald / Disclosure:Raffael hat für fudder als Fotograf gearbeitet. Über seine Gassing-Stunts würden wir aber auch berichten, wenn dem nicht so wäre. Denn habt ihr das Video schon angeguckt?]

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