Uniklinik Freiburg

Psychotherapeutinnen in Ausbildung fordern mehr Zahlung

Kira Brauns

Sie wollen faire Bezahlung und Anerkennung als vollwertige Mitarbeitende: Junge Psychotherapeutinnen in Ausbildung haben vor der Uniklinik demonstriert. fudder-Autorin Kira Brauns lässt sie zu Wort kommen.

"Was meine Patientin denkt, was ich bin? Psychotherapeutin. Was auf meinem Namenschild steht? Psychologin. Wie ich bezahlt werde? Praktikantin" – ein Standardwitz unter Psychotherapeut:innen in Ausbildung (kurz: PiA). Aber leider auch bittere Realität. Das findet Annika Rohrmoser falsch, auch sie arbeitet als PiA in der Tagesklinik der Uniklinik Freiburg.

Sie und acht weitere junge Frauen treffen sich an der Breisacher Straße 153. Hier steht der "Tower of Power", so charmant nennt man in der Uniklinik das Gebäude, in dem der Vorstand sitzt. Genau den wollen sie sprechen. Davor wartet Ingo Busch, Gewerkschaftssekretär von ver.di Südbaden, mit dem ver.di-Starterkit: Protestweste und Protestfahne. Auf ihren Jacken klebt schon ein DIY-Sticker mit der Aufschrift "PiA –Psychotherapeut:in in Ausbeutung". Ausgebeutet – so fühlen sich diese PiA der Uniklinik Freiburg. Sie fordern eine faire Bezahlung und vertragliche Anerkennung als vollwertige Mitarbeitende.
Was sind PiA?

Psycholog:innen, die nach ihrem Bachelor- und Masterstudium (früher Diplom) als psychologische Psychotherapeut:innen (PP) arbeiten wollen, müssen approbiert sein. Die Voraussetzung dafür ist eine kostenintensive Ausbildung (je nach Therapieschule 20.000 bis 70.000 Euro), mit einer Dauer von mindestens drei bis fünf Jahren. Teil dieser Ausbildung sind praktische Stunden in der Psychosomatik und Psychiatrie, die meist in einem Zeitraum von 1,5 Jahren abgeleistet werden. 26 Stunden pro Woche sind gesetzlich dafür vorgesehen. Übrigens: Laut einer aktuellen Studie sind 85 Prozent der PiA weiblich und im Durchschnitt 31 Jahre alt.

Die Situation ist folgende: Nach Bachelor und Masterstudium in Psychologie dürfen sich Absolvierende als (M.Sc.) Psycholog:innen bezeichnen und würden an Kliniken nach Entgeltgruppe 13 vergütet. Theoretisch. Faktisch arbeiten in der Psychosomatik der Uniklinik zum jetzigen Zeitpunkt aber nur Psycholog:innen, die darüber hinaus die Psychotherapie-Ausbildung absolvieren: PiA. Warum? Ein Grund ist ökonomisch. So sind sie billigere Arbeitskräfte, schlussfolgert Rohrmoser, "die Hälfte der psychotherapeutischen Arbeit wird durch PiAs geleistet". Der andere Grund sei, dass die Uniklinik sich als Lehrkrankenhaus verstehe. Dennoch, die Uniklinik beschäftigt auch Ärzt:innen in der Psychotherapie-Ausbildung und die werden eben auch wie Ärzte bezahlt, nach Entgeltgruppe 14.

"Wir fordern entsprechend unserer Qualifikation und der uns übertragenen Verantwortung bezahlt zu werden", erklärt Rohrmoser den Frauen vom Vorstand, während sie ihnen die Unterschriften überreicht. Momentan bekommt Annika Rohrmoser etwa halb so viel: 1.386 Euro monatlich brutto für eine 26 Stunden Woche (Stand Oktober 2021) – pro Stunde in etwa so viel wie ein HiWi im Bachelor. Dabei übernimmt sie als PiA oft vom ersten Tag an fallführend Patient:innen. Nebenbei absolviert sie Lehrtherapie und Theorieseminare, was den Großteil des Geldes schlucke, der davon netto übrigbleibt. Wer seine Miete nicht über die Eltern finanzieren kann, versucht sich mit Nebenverdiensten über Wasser zu halten.

Die Uniklinik zahlt kein zusätzliches Gehalt

Erst Ende 2019 wurde bundesweit das Gesetz zur Reform der Psychotherapeutenausbildung verabschiedet. Teil davon ist die sogenannte "Übergangsregelung", die vorsieht, dass die gesetzliche Krankenversicherung den Kliniken 1000 Euro monatlich pro PiA stellt, um ihre Mindestvergütung zu gewährleisten. 1000 weitere Euro, die immer mehr Kliniken im Freiburger Umland dafür nutzen ihre PiA entsprechend E13 zu bezahlen. Nicht aber die Uniklinik Freiburg. Warum sie von dem Geldtopf keinen Gebrauch macht, ist den Psychotherapeut:innen unklar. Und unverständlich.

Stefanie Bieberstein, die stellvertretende Pflegedirektorin, und Christa Hohner, die stellvertretende kaufmännische Direktorin hören sich alles an und nicken verständnisvoll. "Ich hatte das Gefühl da war ernsthaftes Interesse (…) das hat mich gefreut", sagt Rohrmoser. Ob das Verständnis zu Veränderung führt, wird sich zeigen. Am 16. März soll in Stuttgart verhandelt werden. Nicht nur für Freiburg, auch für Heidelberg, Ulm und Tübingen. Rohrmoser ist optimistisch, sie hätten gute Argumente. Was aber, wenn sie keine Einigung finden? "Wir sind streikbereit". Wie viele "wir" sein werden, das weiß sie noch nicht. Denn die Psychotherapeut:innen in Ausbildung hadern mit ihrer Verantwortung ihrem Kollegium und ihren Patient:innen gegenüber. Würden alle PiA streiken, beträfe das ungefähr die Hälfte aller Psychotherapien in der Psychosomatik der Uniklinik.