Erfahrungsbericht

Protokoll einer WG-Suche in Zeiten von Corona

Jennifer Fuchs

Wohnungssuche in Freiburg ist schlimm. Doch wie finden Besichtigungen und WG-Castings zur Corona-Pandemie statt? Selina, 28 Jahre und Studentin ist seit sechs Wochen auf Zimmersuche. Im Protokoll gibt sie Einblick.

"Aktuell wohne ich bei Freunden in der Wohnung und habe daher glücklicherweise keinen Zeitdruck schnell ein Zimmer zu finden. Das macht die Suche um einiges entspannter. Durch meine langjährige WG-Erfahrung liegt es mir auch sehr am Herzen nicht nur irgendein Zimmer zu finden, sondern ein neues Zuhause, wo ich mich wohlfühlen kann. Da ich gerade an meiner Masterthesis arbeite, ist mir eine ruhige Lage wichtig. Vor kurzem habe ich in Berlin studiert, aber mich nun entschlossen wieder für meine Abschlussarbeit zurück nach Freiburg zu ziehen, wo ich schon während meines Bachelorstudiums gelebt habe. Seit einigen Wochen bin ich trotz Corona-Krise auf WG-Suche und auch die Castings laufen etwas anders ab als gewöhnlich.


Für meine Zimmersuche benutze ich ganz klassisch, die Website "wg-gesucht.de". Ich habe inzwischen 43 WGs angeschrieben und selbst ein Suchauftrag auf der Seite eingerichtet, wo ich per Mail benachrichtigt werde, sobald ein passendes Angebot online geht. Seit drei Tagen habe ich nicht nur Zimmeranbieter angeschrieben, sondern selbst ein Gesuch online gestellt. Inzwischen haben mich darauf ebenfalls 10 WGs angeschrieben.

Meiner Meinung nach ist das Angebot an WG-Zimmern trotz Corona erstaunlich groß. Aber zu meinen Besichtigungserfahrungen während der Coronazeit:

Besichtigung Nr. 1, vor 42 Tagen

Das erste WG-Kennenlernen findet mitten in der Ausgangsbeschränkung statt. Daher entschließen wir uns den Termin per Skype durchzuführen. Ehrlich gesagt, kommt mir das ganz gelegen, da ich sowieso nicht in Freiburg anwesend bin. Die digitale Kennenlernrunde ist ganz lustig. Es sind zwei Mitbewohnerinnen. Zuerst stelle ich mich vor, dann eine Mitbewohnerin und plötzlich unterhalten wir uns sehr lange über ihre zwei Katzen, die ebenfalls in der Wohnung leben. Irgendwann meint die andere Mitbewohnerin lachend, dass sie sich jetzt nach dem ganzen Katzengespräch auch vorstellt. Letztendlich klappt es mit dem Zusammenziehen aber leider nicht, da ich nicht so schnell nach Freiburg kommen kann und sie schon für einen früheren Einzugstermin jemanden suchen. Coronabedingt weiß ich zu diesem Zeitpunkt noch nicht, wie es mit meinem Studium weitergeht, daher lege ich nach diesem Casting meine WG-Suche vorerst auf Eis.
Protokoll einer Wohnungssuche in Freiburg: "Ich habe endlich eine WG gefunden"

Besichtigung Nr. 2, vor 15 Tagen

Nun bin ich in Freiburg angekommen und meine WG-Suche geht vor Ort weiter. Meine zweite Besichtigung läuft persönlich ab. Allerdings wird auf das Händeschütteln verzichtet und ich gehe zuerst ins Badezimmer, um mir gründlich meine Hände zu waschen. Mein potenzieller Mitbewohner ist sehr nett und auch die Wohnung gefällt mir. Wegen Corona setzen wir uns trotz schlechtem Wetter lieber auf den Balkon und versuchen so gut es geht den Abstand von 1,5 Meter einzuhalten. Wir verstehen uns super, aber leider ist mir die Wohnung zu laut, da sie an einer stark befahrenen Straße liegt. Also geht für mich die WG-Suche weiter.

Besichtigung Nr. 3, vor 12 Tagen

Dieses WG-Casting findet wegen Corona vor allem im Garten statt, damit der Mindestabstand gewahrt wird. Kurz wird mir die Wohnung gezeigt, allerdings habe ich dieses Mal vergessen meine Hände zu waschen. Der Besichtigungstermin ist schön – vier nette Menschen, mit denen ich auf einer Wellenlänge bin. Aber schade, leider ist mir die Wohnung etwas zu unordentlich und chaotisch.

Besichtigung Nr. 4, vor 8 Tagen

Diese Wohngemeinschaft liegt mitten im Industriegebiet. Die Mitbewohner haben mir schnell zurückgeschrieben und mich eingeladen bei ihnen vorbeizukommen. Bei dem Betreten der Wohnung vergesse ich nun nicht das Händewaschen. Nach der kurzen Besichtigung sitzen wir für das Kennenlerngespräch auf dem Balkon. Die drei Bewohner in der einen Ecke, ich in der anderen. Durch diese räumliche Trennung fühlt es sich für mich eher wie ein Verhör an, als eine nette WG-Besichtigung. Ich bekomme von der Wohngemeinschaft zwar eine Zusage, aber auf Grund der weiten Entfernung zur Innenstadt und da mich das Zimmer nicht sehr überzeugt hat, entscheide ich mich dagegen.

Besichtigung Nr. 5, vor 8 Tagen

Am gleichen Tag habe ich noch eine Besichtigung. Diesmal per WhatsApp-Videoanruf. Mein potenzieller Mitbewohner zeigt mir per Handykamera die Wohnung und wir verstehen uns sofort super. Als er mir das angebotene Zimmer zeigt, erzählt er mir direkt, dass um die Ecke die Müllautos früh morgens um 6 Uhr losfahren und es recht laut wird. Weiter meint er, dass man sich aber an das morgendliche "Piepsgeräusch" der Müllautos gewöhnen kann. Ich finde es sehr sympathisch, dass er so ehrlich ist. Eine ruhige Wohnung ist für mich aber sehr wichtig, daher sage ich ihm direkt ab. Morgens sehr früh von piependen Müllautos geweckt zu werden, ist wirklich nicht so mein Ding.

Besichtigung Nr. 6, vor 6 Tagen

Diese Wohnung ist eine Zweier-WG im Stadtteil Haslach. Die junge sympathische Bewohnerin begrüßt mich freundlich mit dem nötigen Corona-Sicherheitsabstand. Kein Händeschütteln, aber dafür ein nettes Gespräch. Nach der Wohnungsführung sitzen wir in der kleinen Küche zusammen. Ehrlich gesagt ist es unmöglich den Sicherheitsabstand von 1,5 Meter einzuhalten. Auch das Händewaschen habe ich vergessen. Ups. Nach der netten Unterhaltung verbleiben wir, dass ich bis Mitte Juni Bescheid bekomme, ob ich das Zimmer beziehen kann.

Besichtigung Nr. 7, vor 2 Tagen

Eine schöne Altbau-WG mit drei Mitbewohnern. Auch hier findet kein Händeschütteln statt und es wird darauf geachtet den Sicherheitsabstand einzuhalten. Nachdem mir die komplette Wohnung gezeigt wird, sitzen wir zum Kennenlernen in der großen Küche. Ich in einer Ecke, in der anderen die WG. Die Wohnung ist wirklich schön, allerdings merke ich schnell, dass ich mit den Mitbewohnern leider nicht auf einer Wellenlänge bin. Schade.

Besichtigung Nr. 8, vor 1 Tag

Als ich die Wohnung betrete, machen alle Mitbewohner erstmal einige Schritte zurück, um den Corona-Abstand einzuhalten. Wir sind uns auf Anhieb sympathisch und nach der Besichtigung sitzen wir gemütlich in der Küche zusammen. Zum ersten Mal während meiner WG-Suche reden wir im Casting über das Thema Corona. So erzählen mir die Mitbewohner, dass die WG erst frisch gegründet wurde und sie es total schade finden, das frühlingshafte Freiburg kulturell nicht erkunden zu können. Aber dafür kennen sie jetzt immerhin den schönen Schwarzwald. Wir drei führen ein sehr nettes Gespräch und im Gegensatz zu den ersten Besichtigungen wirkt die Stimmung wegen Corona allgemein lockerer. Als ich nach der Besichtigung nach Hause komme, habe ich zwei neue Emails von WG-gesucht. Beide WGs würden mich gerne kennenlernen, aber wegen Corona lieber per Skype.
Ganz so locker ist es also noch nicht.
Info: Falls ihr ein freies WG-Zimmer habt, könnt ihr Selina unter folgender Email Adresse erreichen: wgsuche-freiburg@web.de

Mehr zum Thema: