Interview

Polizeiobermeisterin Müller: "Diebe wollen unentdeckt bleiben"

Christian Engel

Wie viele Räder werden in Freiburg jedes Jahr geklaut? In welchen Stadtteilen schlagen Diebinnen und Diebe besonders gern zu? Und wie geht man bei einem gestohlenen Fahrrad vor? Polizeiobermeisterin Anne Müller klärt auf.

Wurde Ihnen schon mal ein Fahrrad geklaut?

Glücklicherweise nicht. Meines steht fest verschlossen in der Garage.

Aber Freunde oder Bekannte aus Ihrem Umfeld wird’s wohl bereits getroffen haben?

Ja, vor allem in der Innenstadt wurden Freunden bereits Räder entwendet.

Kamen die dann zu Ihnen und haben gesagt: Anne, besorg mir mein Rad wieder und schnapp dir die Schweine!?

Ich wurde natürlich öfter gefragt, was sie im Moment eines Diebstahls tun sollten.

"Unsere Aufklärungsquote lag in den vergangenen Jahren immer bei rund sieben Prozent." Polizeiobermeisterin Anne Müller

Und?

Das Beste ist, es erst einmal direkt der Polizei zu melden. Wir brauchen alle verfügbaren Kennzeichen, also: die individuelle Rahmennummer, eine exakte Beschreibung des Fahrrads – Farbe, Marke, Modell, besondere Eigenheiten wie etwa Sticker – und im besten Fall auch ein Foto. So viele Angaben wie möglich, damit wir es zweifelsfrei identifizieren können, wenn wir es ausfindig machen …
Zur Person: Anne Müller, 30, ist Polizeiobermeisterin beim Polizeipräsidium Freiburg und seit vergangenem Jahr im Referat für Kriminalprävention tätig. Sie lebt in Heitersheim und macht gerne größere Touren auf ihrem Mountainbike.

… was wohl eher selten vorkommt, nehme ich an.

Unsere Aufklärungsquote lag in den vergangenen Jahren immer bei rund sieben Prozent.

Mmh.

Klingt vielleicht nicht viel. Aber fürs vergangene Jahr heißt das konkret, dass wir 127 gestohlene Fahrräder im Freiburger Stadtgebiet ausfindig machen konnten. Bedeutet: Wir haben 127 Menschen glücklich gemacht, die ihre gestohlenen und vielleicht für immer verlorenen Räder wiederbekommen haben.

"Die Dunkelziffer dürfte deutlich höher liegen, denn nicht jeder meldet ein gestohlenes Rad. " Polizeiobermeisterin Anne Müller

Mal kurz hochgerechnet: 2020 wurden also 1661 Fahrräder geklaut?

Zumindest als gestohlen bei der Polizei gemeldet. Die Dunkelziffer dürfte deutlich höher liegen, denn nicht jeder meldet ein gestohlenes Rad. Dabei ist das so wichtig: Denn sehr häufig finden wir herrenlose Räder. Wir könnten die Eigentümer dieser Fundräder zum Teil recht problemlos ausfindig machen, wenn sie gemeldet worden wären.
Themenwoche

Fast jeder Freiburger oder jede Freiburgerin kam damit schon in Berührung: ein geklauter Drahtesel. Die Zahlen sinken zwar, doch im vergangenen Jahr wurden noch immer 1661 Fahrräder als gestohlen gemeldet – die Dunkelziffer könnte viel höher sein. Am kommenden Donnerstag ist Tag des Fahrrads. Wir widmen uns in dieser Woche dem Fahrrad, ganz besonders der Situation, wenn es weg ist. Wir haben bei Freiburgerinnen und Freiburgern herumgefragt, welche Anekdoten rund um gestohlene Räder sie zu erzählen haben. Dabei kamen amüsante Geschichten heraus.

Wie wollen Sie und Ihre Kollegen diese doch recht hohe Zahl von 1661 gestohlenen Rädern reduzieren?

Zum einen sind wir froh, dass die Zahl immer weiter sinkt, etwa von knapp 2000 geklauten Rädern im Jahr 2016 auf knapp 1700 im Jahr 2019, auf 1661 im vergangenen Jahr. Aber natürlich wollen wir die Zahl noch weiter senken, etwa durch verstärkte Kontrollen. Wir überprüfen viele Plätze, fahren nachts häufig Streife, halten Radfahrer an und überprüfen anhand der Rahmennummern, ob sie auf einem gestohlenen Rad sitzen.

Das klingt wie die berühmte Suche nach der Fahrradspeiche im Heuhaufen…

So könnte man es ausdrücken. Es ist schwierig, aber es ist auf Streife auch schon gelungen, ein gestohlenes Rad ausfindig zu machen. Die Eigentümer waren glücklich, als ich ihnen die frohe Kunde am Telefon mitteilte. Aber logisch: Viel schöner wäre es, wenn ich niemanden anrufen müsste, weil gar keine Räder mehr entwendet würden.

"Ein häufiges Problem ist, dass viele ihre Räder nur abschließen, nicht anschließen." Polizeiobermeisterin Anne Müller

Machen wir es den Fahrraddieben zum Teil zu leicht?

Definitiv! Viele Menschen sichern ihre Räder zu wenig und zu schlecht. Etwa nur mit dünnen Kabelschlössern. Ein häufiges Problem ist, dass viele ihre Räder nur abschließen, nicht anschließen. Wir haben in dem Zusammenhang mal vor einem halben Jahr einen Rundgang durch die Stadt gemacht. Es war erschreckend, wie viele Fahrräder wir einfach hätten wegtragen können.

Da wird Ihnen jeder, der schon einmal sein Fahrrad in der Innenstadt anschließen wollte, entgegnen, es gebe schlicht und einfach zu wenige Abstellmöglichkeiten zum Anschließen.

Ja, das ist tatsächlich ein Problem, für das es bessere Lösungen braucht. Aber das darf keine Ausrede sein, man muss trotzdem einen geeigneten Platz finden. Wenn nicht Bügel, dann wenigstens einen Laternenpfahl.

Welche Spots sollte man dabei zum Anschließen unbedingt vermeiden?

Dunkle Plätze und Orte, wo kaum soziale Kontrolle herrscht, sollte man möglichst vermeiden. Diebe wollen unentdeckt bleiben.

In welchen Stadtteilen finden die meisten Fahrraddiebstähle statt?

Die Altstadt ist – wenig überraschend – der unrühmliche Spitzenreiter mit 331 Diebstählen, also besser gesagt: mit angezeigten Diebstählen. Dicht dahinter folgen der Stühlinger und die Wiehre, wohl weil sie an die Altstadt angrenzen.

In der Wiehre würden wir auch mal das ein oder andere kostspieligere Gefährt vermuten.

Auch das kann eine Rolle spielen. Mittlerweile gibt es – gerade bei E-Bikes – sehr teure Fahrräder, auf die es Diebe abgesehen haben. Insgesamt belief sich der Wert aller gestohlen gemeldeten Fahrräder im vergangenen Jahr auf rund 1,3 Millionen Euro.

"Die Fahrräder werden meist ausgeschlachtet, die Einzelteile im Ausland verkauft. " Polizeiobermeisterin Anne Müller

Wer sind denn die Diebe?

Das sind zum einen Nachtschwärmer, häufig betrunken, die ein Fortbewegungsmittel nach Hause brauchen, sich an Rädern bedienen, die schlecht oder gar nicht gesichert sind. Das sind dann oft die Fahrräder, die nach der Benutzung im nächsten Busch oder Bach landen. Des Weiteren sprechen wir von einer Beschaffungskriminalität, wenn Menschen absichtlich Räder klauen, um sie für wenig Geld zu veräußern, etwa um ihre Sucht damit zu finanzieren. Und dann gibt es noch Profidiebe, die genau wissen, wie sie vorgehen und was sie stehlen. Die Fahrräder werden meist ausgeschlachtet, die Einzelteile im Ausland verkauft. Sie interessieren sich häufig gar nicht so sehr für die Rahmen, weil man eben anhand der Rahmennummern die wahren Eigentümer ausfindig machen könnte.

Falls ich doch mal mein gestohlenes Fahrrad finde, im Netz, auf dem Nachbargrundstück oder weiß Gott wo: Wie gehe ich dann vor?

Ganz einfach: Die Polizei anrufen. Wir prüfen dann die Eigentums- und Besitzverhältnisse und machen anhand der Angaben, Anzeigen, vorzeigbaren Rahmennummern, Kaufverträge oder ähnlichem den rechtmäßigen Eigentümer ausfindig. Wichtig dabei: Falls man sein Rad zurückbekommt, sollte man unbedingt der Versicherung Bescheid geben, die möglicherweise schon einen Betrag ausgezahlt hat – sonst macht man sich selbst noch wegen Versicherungsbetrugs strafbar.