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Politik-Professor: "Wissenschaftliches Schreiben kann viel Freude machen"

Christian Engel

Viele Studierende haben Muffensausen vor Hausarbeiten – vor allem vor der ersten. Politik-Professor Marcus Obrecht möchte Ängste nehmen. Er hat eine ausführliche Anleitung zum wissenschaftlichen Arbeiten verfasst – und gibt auch im Interview hilfreiche Tipps.

Erinnern Sie sich noch an Ihre erste Hausarbeit?

Obrecht: Noch sehr gut, ja. 1993 war es, erstes Semester an der Uni Freiburg: Es ging um die Funktionen des Bundestags. Ich erinnere mich, dass es eine sehr große Anstrengung war, diese Hausarbeit anzugehen und zu verfassen, weil es ein ganz neuer Zugang zu einem Gegenstand war. Diese Funktionsanalyse war – positiv ausgedrückt – eine große Herausforderung. Diese Hausarbeit hat sich stark eingeprägt.

Haben Sie damals keinerlei Unterstützung bekommen?

Ein höheres Semester hatte uns in einem Tutorium zum Seminar begleitet, dabei haben wir auch gelernt, wie man Bücher sucht, wie man in der Bibliothek recherchiert – das Internet gab es zu dem Zeitpunkt noch nicht. Aber insgesamt habe ich mich beim Recherchieren und Schreiben allein gefühlt – und ich befürchte, das geht vielen Studenten heute noch so.

Damit soll Schluss sein! Vielleicht kann dieses Interview dabei etwas helfen?

Das wäre zu wünschen, denn wissenschaftliches Schreiben kann viel Freude bringen – vor allem: viele neue Erkenntnisse, viel neues Wissen. Aber klar: Ganz leicht ist es nicht, es muss gelernt sein – und es kann auch zu vielen Frustrationen kommen.
"Man sollte nicht etwas beweisen wollen, was man selber eh schon zu wissen glaubt."

Uff, dann bleiben wir kurz noch beim Frust, um anschließend unser Hirn mit Licht zu fluten. Wobei entsteht Frust und wie verhindere ich ihn beim Schreiben?

Häufig kommt der erste Frust während der Recherche, wenn ich merke: Oho, dieses Thema, über das ich schreiben möchte, hatten ja schon zig Personen vor mir. Manchmal entsteht eine narzisstische Kränkung: Ich bin nicht der einzige, der den Gedanken hat, bin nicht kreativ, plappere vielleicht nur nach – und womöglich ist dieses sogar noch falsch. Man hat Gegenpositionen gelesen und merkt: an denen ist auch etwas dran. Für dieses vermeintliche Dilemma hätte ich aber schon mal ein bewährtes Mittel parat.
Marcus Obrecht ist in Offenburg geboren. Er hat Politikwissenschaften und Germanistik in Freiburg, Paris und Bordeaux studiert – zudem promoviert. Seit 2006 lehrt er an der Uni Freiburg, ist akademischer Oberrat der Politikwissenschaften. Für Studentinnen und Studenten hat er eine Anleitung zum wissenschaftlichen Arbeiten verfasst, die es hier als PDF gibt: Inhaltsverzeichnis: (uni-freiburg.de)

Her damit!

Die Wahl des Themas ist ungemein wichtig. Man sollte nicht etwas beweisen wollen, was man selber eh schon zu wissen glaubt. Das kommt aber bei sehr vielen Hausarbeiten vor, Psychologen nennen das: self-fulfilling prophecy – es geht darum, uns und unser Denken einfach bestätigt haben zu wollen. Vielmehr rate ich den Studentinnen und Studenten stets, ein Thema zu wählen, bei dem sie wissen möchten, was es damit auf sich hat. Also: "Ich möchte wissen", und nicht "ich weiß schon". Nicht: "Ich will beweisen". Sondern: "Ich möchte nachvollziehen können". Dabei heißt es, sich selbst zurückzunehmen – dann gelingt eine gute wissenschaftliche Arbeit.

Wir Menschen streben ja gerne nach der ultimativen Wahrheit.

Guter Punkt, der an das Vorherige anknüpft. Was wir in Hausarbeiten bearbeiten können, sind kleinste Ausschnitte aus unserer unendlich großen Wirklichkeit. Dass wir nicht die großen Fragen der Menschheit darin beantworten können, sollte uns bewusst sein – das nimmt manch einem vielleicht den Stress. Wir sollten in einer Hausarbeit auch methodisch begründen, weshalb wir bestimmte Elemente berücksichtigen – und andere eben nicht berücksichtigen können, weil sie den Rahmen sprengen würden. Das ist vollkommen okay, man muss es eben nur erwähnen und begründen.
"Direkt nach dem Lesen eines Textes herauszuschreiben, was wichtig ist."

Ein großes Thema für viele ist das Zeitmanagement während einer wissenschaftlichen Arbeit. Wie gehe ich ran an die Aufgabe, wenn sie Richtung Deadline nicht völlig wild und schlaflos geraten soll?

Ich empfehle, stringent vorzugehen. Also von Anfang an zu exzerpieren, heißt: Direkt nach dem Lesen eines Textes herauszuschreiben, was wichtig ist. Kurze Zusammenfassungen zur wichtigsten These – das können auch mal nur drei Zeilen sein. Allerdings sollte man das wirklich immer machen. Wenn nicht, verliert man schnell den Überblick. Zudem behalten wir nur das im Kopf, was wir selber aufschreiben und notieren.

Was hintenraus ja stets brutal viel Zeit frisst, sind Formalia, oder?

Formalia müssen immer direkt mitlaufen. Also so: Ich lese einen Artikel, notiere mir das Wichtigste und vermerke sofort, wo ich es gelesen habe, wer es geschrieben hat – die wichtigen Angaben zum Bibliographieren eben.

Die Seitenangabe nicht vergessen…

Ohja, ein häufiger Fehler vieler Anfängerinnen und Anfänger, die aus einer Quelle zitieren, aber keine Seitenangabe machen. Dann ist dieses Zitat wissenschaftlich gesehen eigentlich nicht verwertbar.

Formalia bringen Studentinnen und Studenten dennoch zur Weißglut, woran liegt das?

Weil viele mit Word arbeiten – und das hat bei wissenschaftlichen Arbeiten sehr viele Macken. Zum Beispiel macht es nicht automatisch Einzüge nach Absätzen, auch der korrekte Abstand zwischen Überschrift und Text ist eine richtige Fuddelei. Ich empfehle als Programm "LaTeX" . Das braucht zwar ein bisschen, bis man es versteht, aber es macht viele Dinge automatisch: Seitenzahl, Inhaltsverzeichnis – dann hat man den Kopf frei für andere Dinge.

Für die wissenschaftliche Arbeit an sich zum Beispiel. Wie würden Sie eine solche ganz konkret beginnen? Erst mal wild in alle Richtungen recherchieren, um viel aufzusaugen?

Nehmen wir an, ich schreibe eine Hausarbeit zum Thema "Wahlrecht bei der Bundestagswahl". Wenn ich "Wahlrecht" google, werde ich erschlagen von unzähligen Treffern. Also muss ich direkt systematisch beginnen, meine Quellen stark hierarchisieren. Meiner Meinung nach ist die beste Methode, ein Lexikon zur Hand zu nehmen und erst mal den Begriff nachzuschlagen – was steht da zu "Wahlrecht". Ich schreibe das Wichtigste heraus und nehme mir das nächste Lexikon und noch eines und noch eines: fünf, zehn, 20 Definitionen. Die Aussagen ähneln sich natürlich nach einer Weile, ich filtere dann nur noch das Neue heraus. Am Ende habe ich dann schon meine erste Gliederung und kann gezielter nach weiterer Literatur suchen.

Im Gegensatz zu vielen Internetquellen stehen hinter einem Lexikonartikel in der Regel Experten, die den Text bereits gefiltert und präzise zusammengefasst haben, nach Qualitätsstandards. Soll aber nicht heißen, dass man nicht auch im Netz tolle Beiträge und Quellen findet. Auf YouTube etwa gibt es eine Fülle an exzellenten Vorträgen.

Vielleicht noch ein letzter Tipp an alle Anfängerinnen und Anfänger, die in den jetzigen Semesterferien vor einer Hausarbeit stehen und nach diesem Interview direkt beginnen wollen.

Machen Sie eine Blaupause. Suchen Sie sich eine bestehende, gute Hausarbeit und schauen sich an, wie sie aufgebaut ist, was dort etwa in der Einleitung steht. Diese nehmen Sie als Schema für Ihre eigene Arbeit. Das hilft am Anfang und gibt Sicherheit – und bei der nächsten Hausarbeit können Sie dann schon variieren und mehr und mehr Ihren eigenen Stil finden.

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