Fotoprojekt

Plakataktion "Kulturgesichter 0761" macht auf Nöte der Freiburger Kulturbranche aufmerksam

Peter Disch

Sonst arbeiten sie hinter den Kulissen, jetzt treten sie vor die Linse: Mit der Aktion "Kulturgesichter 0761" machen Kulturschaffende aus Freiburg darauf aufmerksam, dass sie seit März wenig bis keine Arbeit haben.

Vielen Branchen setzen die coronabedingten Einschränkungen des öffentlichen Lebens wirtschaftlich massiv zu – der Gastronomie oder dem Tourismus zum Beispiel. Aber kaum einer scheint es so schwerzufallen, mit einer Stimme zu sprechen, um so mit Nachdruck Lobbyarbeit in eigener Sachen zu machen wie der Kultur. Die Aktion "Kulturgesichter0761" will das zumindest in Freiburg ändern. Zunächst mit einer Plakataktion, die das Bewusstsein der Öffentlichkeit für die aktuellen Probleme schärfen soll. Langfristiges Ziel ist ein freies Netzwerk , das alle Sparten und die Kulturwirtschaft der Stadt repräsentiert.


Die Gesellschaft sensibilisieren

Seit Mai dreht Alexander "Käptn" Hässler Däumchen. Der 41-Jährige, der nach Stationen bei Karo Events und als selbständiger Veranstalter bei Vaddi Concerts, der größten Agentur in Südbaden, Bands für Popkonzerte bucht, ist zu 100 Prozent in Kurzarbeit. Das Publikum sehe oft nur den Künstler auf der Bühne und wisse gar nicht, wie viele unterschiedliche Aufgaben erfüllt werden müssten, bis es so weit sei, sagt er. Vom Presseverantwortlichen über den Bühnenbauer, vom Tontechniker bis zur Sicherheitsfrau am Einlass oder dem Mann am Zapfhahn für das Bier in der Pause – viele, viele Rädchen greifen ineinander, um das Liveerlebnis möglich zu machen. Das gilt für den Pop genau wie für Tanz, Kabarett, Theater oder Klassik.

Die Menschen, die sonst hinter den Kulissen arbeiten, einmal vor den Vorhang treten zu lassen und die Gesellschaft dafür zu sensibilisieren, dass viele von ihnen seit März wenig bis gar keine Arbeit haben, ist die Intention von "Kulturgesichter0761". Vorbilder dafür gibt es in Mannheim oder Karlsruhe. Innerhalb der vergangenen zweieinhalb Wochen hat Hässler die Idee mit dem Fotografen Felix Groteloh und der Grafikerin Sarah Schneider auch in Freiburg umgesetzt.



Bei einer Session im Konzerthaus nahm Groteloh im Fünf-Minuten-Rhythmus 80 Porträts auf, Schneider liefert das Layout. Das zweite Shooting am 24. November ist schon ausgebucht, ein drittes in Planung.

Dass der spartenübergreifende Ansatz umgesetzt wurde, zeigt sich beim Scrollen durch die Galerie auf der Homepage der Aktion. Vertreten sind Künstler wie DJ Rainer Trüby, Schauspieler Bernd Lafrenz, Kabarettist Jess Jochimsen, die Musikerin Stefanie Schirmer und das Barockorchester; Spielstätten, Messen, Macher von Jazz- und Vorderhaus, E-Werk, Stadttheater, Internationale Kulturbörse, IG Subkultur bis Multicore; Dienstleister wie der Kartenverkäufer Reservix, die Securityfirma Eloo oder Weißhaar Veranstaltungstechnik, Konzertagenturen wie Vaddi oder Karo, dazu Soloselbständige aus allen Feldern der Branche.

Die in Staufen ansässige Oberle-Stiftung hat zugesagt, die Druckkosten für 180 Plakate im Format 1,2 auf 1,7 Meter zu übernehmen, die im Großraum Freiburg auf Litfaßsäulen und anderen Werbeflächen zu sehen sein werden; die Porträtierten selbst verwenden die Fotos auf Social-Media- und Internet-Präsenzen.

Auf dem Wunschzettel der Aktion stehen noch weitere Projekte, unter anderem eine Ausstellung und eine Podiumsdiskussion mit Kulturbürgermeister und "Kulturgesichter"-Schirmherr Ulrich von Kirchbach und/oder OB Martin Horn.

Priorität aber hat das Fernziel einer Art Dachorganisation für die Kulturwirtschaft in Freiburg. Denn was bundesweit zu beobachten ist, gilt bisher auch vor Ort: Es gibt einige Akteure, die etwas im Sinne der Kultur bewegen wollen, aber eher selten konzertierte Aktionen. So entstehen Doppelungen, verpufft ein Teil der Energie. Bis zu einer breiten Vernetzung über Sparten und Genres hinweg dürfte noch ein ordentlichen Stück des Weges zu bewältigen sein. Aber wer nicht losläuft, kommt nie ans Ziel.
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