Parkour im Selbstversuch

Anna-Lena Zehendner

Freiburg hat eine äußerst aktive Parkour-Szene, und an diversen Orten der Stadt kann man Freunde des Sports immer wieder bei der Ausübung der spektakulären Sportart beobachten. Am Samstag gab es ein offenes Training im Seepark. fudder-Autorin Anna-Lena hat den Selbstversuch gewagt.



Treffpunkt zum Parkour-Einführungstraining ist um 12 Uhr am Japanischen Garten. Ich bin schon etwas früher da; einige Jungs haben sich auch schon versammelt. Alle sportlich in Jogginghose und Turnschuhen gekleidet. Einer von ihnen ist Martiel Job, 19 Jahre. Er ist, wie ich, zum ersten Mal beim Training mit dabei, hat aber schon genaue Vorstellungen, was gleich auf uns zukommen wird. „Ich denke, dass wir uns am Anfang gut aufwärmen müssen, bevor es dann zu den einfachen Techniken geht.“

Und es wird brutal aufgewärmt. Die erste Übung: wir sollen etwa 20 Meter am Boden auf allen Vieren entlang krabbeln. Das Ganze soll in Perfektion so aussehen, wie jemand, der eine steile Wand hinaufklettert. Nach etwa vier Metern muß ich aufgeben. Ich nehme mit hochrotem Kopf meine gewohnte, aufrechte Haltung ein und gehe den Rest.

Am Ziel angekommen geht das gleiche Programm rückwärts weiter. Ich gebe noch einmal alles, aber nicht nur die körperliche Anstrengung macht mir zu schaffen. Auch meine Handballen sind es nicht gewohnt, auf Asphalt zu spazieren. Sie brennen und sind rot. „Das geht am Anfang allen so“, beruhigt mich Jana Reiss, 18 Jahre. Sie trägt selbst Tapes um ihre Handballen. „Ich mache Parkour erst seit vier Wochen. Es ist genau der Sport, den ich schon immer gesucht habe. Er ist anstrengend und bietet viele Herausforderungen.“

Wir sind immer noch beim Aufwärmen. Jetzt müssen alle 17 Teilnehmer die kurze Strecke wie Hasen hüpfend zurücklegen. Ich fühle mich an Sportstunden der Schulzeit erinnert und bin ähnlich frustriert. Meine Hände tun verdammt weh, und die ungewohnte Bewegung läuft mir nicht gut rein. Anfänger Martiel hingegen ist hart im nehmen: er schlägt sich wacker und zieht die Übungen durch, bis seine Handballen aufgescheuert sind.

Marlene Fröhlich hat bereits eine stattliche Hornhaut an diesen Stellen. Schon seit zweieinhalb Jahren macht die siebzehnjährige Parkour. „Ich habe bei Gallileo einmal eine Reportage darüber gesehen und mir gedacht: ‚Hey, das ist geil!‘ “, erinnert sie sich. „Anschließend habe ich im Internet nach Parkour in Baden-Württemberg gegoogelt und kam so auf den Parkour in Freiburg.“ Seither trainiert Marlene zwei bis drei Mal in der Woche. Treffpunkt für alle Parkourler ist dabei entweder das Telekom Gebäude in der Berliner Allee, der Seepark oder der Platz vor dem Computerladen „arlt“ gegenüber vom Hauptbahnhof.



Hier trifft man auch Florian Vierlinger. Der achtzehnjährige hat Parkour vor einem Jahr für sich entdeckt. „Auf den Sport gekommen bin ich durch den Film Banlieu 13, bei dem der Erfinder des Parcour, David Belle, mitspielt“, sagt Florian. „Parcour hat zwei Seiten. Die mentale und die körperliche. Du kannst den Sport also auch auf dein Leben übertragen. Es gibt eben immer und überall Hindernisse, die du überwinden musst.“

Überwunden hat mich mein innerer Schweinehund. Während die meisten der bereits geübten Teilnehmer über die Straße springen, kriechen und auf allen Vieren gehen, entscheide ich mich Fotos zu schießen. So fällt meine Unsportlichkeit wenigstens nicht zu sehr auf. Zur Erinnerung: Wir sind immer noch in der Aufwärmphase. „So, und das Ganze noch einmal zurück“, sagt Max in die sportliche Runde. Bei ihm macht es den Anschein, als hätte er nie etwas anderes getan, als diese Übungen. Dabei macht Max Widmair, 22 Jahre, den Sport erst seit April 2009.

Er übernimmt am heutigen Tag den Part des Trainers. Doch eigentlich hilft hier jeder jedem und die Erfahreneren geben den Anfängern Tipps und Ratschläge. Für Max ist Parkour der ideale Sport, um sich vom Alltag abzulenken. „Beim Fußball, das habe ich zuvor gespielt, kannst du während einem Spiel noch sehr viel nachdenken, da du zwischendurch einfach auf dem Platz stehst. Bei Parkour musst du dich immer auf das konzentrieren, was du gerade machst.“

Gesagt, getan. Die Aufwärmphase ist endlich vorbei und es geht über in die angewandte Technik. Den Anfängern, also Martiel, mir und noch drei anderen, zeigt Max das richtige Springen auf eine Treppenstufe. Knie im Sprung hochzeihen und auf den Fußballen landen. Die ersten Stufen sind noch etwas wackelig, da es nicht einfach ist, die Balance zu halten. Während ich also die richtige Sprungtechnik übe, machen sich die Erfahreneren daran, quer durch den Chinesischen Garten zu hüpfen. Nachdem nach einigen Minuten des Treppenspringens meine Kondition langsam, aber sicher nachlässt, greife ich erneut zur Kamera.

Nach etwa einer Stunde Hüpfen, Springen und Rennen, sagen mir meine Oberschenkel und meine Kniegelenke, dass es das Beste wäre, den Heimweg anzutreten. Die restlichen Sportskanonen joggen zum nahegelegenen Telekom Gebäude, um dort noch das Springen über Mauern zu verbessern oder zu üben. Ich bin um einen dicken Muskelkater reicher geworden und habe großen Respekt für den Parkoursport dazugewonnen.



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