fudder-Interview

Pädagoge: Humor kann man lernen, genauso wie Mathematik

Sarah Oehlmann

Humor und heitere Gelassenheit kann man lernen – und hilft auch in einer Krise wie einer Pandemie, meint der Humor-Experte Gerd Hasenjäger aus Freiburg. Wir haben mit ihm über Witze, Marsmenschen und Miesepeter gesprochen.

Manche haben ihn schon, andere suchen ihn noch. Haben wollen ihn aber alle. Die Rede ist von Humor und der daraus resultierenden heiter gelassenen Lebenshaltung. Die gute Nachricht ist: Beides ist erlernbar! Wie Humor funktioniert, was "Heitere Gelassenheit" bedeutet und wie sich beides auf das Leben auswirkt, erklärt Gerd Hasenjäger aus Freiburg, der Workshops zu den Themen Kommunikation, Humor und Gelassenheit veranstaltet.

Herr Hasenjäger, Sie haben sich intensiv mit dem Thema Humor auseinandergesetzt. Waren Sie ein humorloser Mensch oder warum haben Sie sich dafür interessiert?

Gerd Hasenjäger: Humor fand ich immer schon spannend. Nachdem ich mich jahrelang mit der Glücksforschung auseinandergesetzt habe, musste ich schließlich einsehen, dass "Glück" eine flüchtige Angelegenheit ist. So schnell es kommt, so schnell ist es vorüber. Zufriedenheit erschien mir als nachhaltigere Alternative. So bin ich auf das Thema Humor gestoßen, der zu einer heiteren Gelassenheit im Leben führt. Und wenn man es schafft, Gelassenheit als Haltung zu etablieren, dann bleibt das ständig. Das fand ich spannend und habe dann Fortbildungen zu dem Thema besucht und Bücher gewälzt.

Ist es für jeden möglich, Humor und Gelassenheit zu lernen? Ist das nicht an Talent geknüpft?

Humor kann man lernen, genauso wie Mathematik und Physik auch. Natürlich hat es jemand, der zum Lachen in den Keller geht, schwerer, Humor und Gelassenheit zu entwickeln, trotzdem ist es möglich. Vielleicht ist es dann etwas mühsamer Altlasten loszuwerden. Humor ist vielfach Technik, das heißt, man benutzt zum Beispiel Untertreibung, Übertreibung oder schafft absurde Verbindungen. Gelassene Heiterkeit hingegen – das ist das Interessante – hat nichts mit Sprüche klopfen zu tun, sondern mit einem bestimmten Gefühl für die Welt. Wie ich die Unzulänglichkeit meiner Mitmenschen und der Welt wahrnehme, das ist eine Haltung.
Zur Person:

Der Diplom-Pädagoge Gerd Hasenjäger ist 68 Jahre alt und aus Freiburg. Er bietet seit rund 44 Jahren Seminare und Coachings unter anderem für Führungskräfte aus den Bereichen Teambuilding, Heitere Gelassenheit und Rhetorik. Mehr Informationen gibt es unter www.yaya-komm.de

Haben Sie eine beispielhafte Strategie, Situationen gelassener und humorvoller zu betrachten?

Sehr beliebt ist die "Marsmenschmethode". Man stellt sich vor, wie man als Marsmensch die Welt betrachtet: Menschen vergeuden Ressourcen, machen witzige Dinge wie: in Häusern wohnen, in Diskotheken zappeln oder stundenlang auf Bildschirme gucken. Diese Sichtweise, wie ein Marsmensch auf die Welt zu schauen, muss man sich angewöhnen und wenn dann jemand auf einen zukommt, dann denkt man sich: "Ach, der ist ja interessant! Der bewegt sich und spricht, das ist ja recht lustig!" Das heißt, es kommt zu einem Perspektivwechsel, einer neuen, anderen Sicht auf die Dinge. Das hilft dann, in bestimmten Situationen nicht erschrocken oder erzürnt zu reagieren, sondern neugierig. Und schon ist der Schrecken vorbei und was bleibt ist das Interesse für den Menschen. Mit dieser Sicht können die irrsten Personen kommen und ihr Leben wird immer spannend bleiben. Und bei Scherzen kommt dazu oft Absurdität zum Einsatz nach dem Motto: "Gestern standen wir am Abgrund, heute sind wir einen Schritt weiter."

"Der Fokus liegt auf dem Positiven und das wirkt besser als jedes Medikament."

Wie empfehlen Sie harten Zeiten wie der Corona-Krise zu begegnen, ohne diese zu verharmlosen?

Ich rate, statt sich irre machen zu lassen, "irre" sein. Die Dinge eben anders sehen. Hier ist Corona, im Vergleich zu dem Leid, das es in der Welt gibt und was wir der Umwelt antun, relativ harmlos. Ich sehe das Positive: Ich bin versorgt, kann einzelne Freundinnen und Freunde besuchen, der Kühlschrank ist voll, das Smartphone läuft, ich chatte und telefoniere. Eines Tages ist die Corona-Pandemie auch vorbei. Vergleichsweise geht es mir gut und ich fokussiere mich auf das Gute und Helle. Diese Sichtweise oder Haltung macht dann eher heiter und gelassen. Wie gucke ich auf die Welt, wie denke ich über die Unzulänglichkeiten der Corona-Krise nach? Die Menschen helfen sich gegenseitig, der Keller ist endlich aufgeräumt, es gibt viel Kreativität beispielsweise im Netz. Der Fokus liegt auf dem Positiven und das wirkt besser als jedes Medikament. Das bedeutet aber nicht, Probleme zu verdrängen oder Schwierigkeiten auszuweichen. Anpacken ist die Lösung!

Wie begegnet man sehr ernsten und schlimmen Situationen mit Humor und inwiefern hilft die heitere Gelassenheit?

Es ist nicht so, dass man dauernd humorvoll und gelassen sein muss. Ludwig Wittgenstein hat gesagt: "Humor ist keine Stimmung, sondern eine Weltanschauung". Und es gibt auch Situationen, in denen Heiterkeit einfach nicht angebracht ist. Aber selbst dann ist der heiter gelassene Mensch nicht so lange im Trübsal gefangen, weil er sich besser aus der Situation befreien kann. Ich denke also, dass Menschen die grundsätzlich von der Haltung, heiter und gelassen sind, besser mit Schwierigkeiten, Trauer und den Widrigkeiten des Lebens umgehen können, als Menschen, die eher nicht so gut drauf sind. Heitere Menschen werden Schwierigkeiten besser verarbeiten und verstehen und daher nicht so tief und so lange traurig sein. Sie können wahrscheinlich auch besser einordnen und akzeptieren, dass es im Leben Höhen und Tiefen gibt, die man auch durchleben muss. Und danach kommen sie einfacher wieder in die Spur.

Warum sollte man noch humorvoll sein?

Humorvolle Menschen sind oft gelassener, beliebter und erfolgreicher. Man besucht sie gerne und hat sie gern als Freundinnen und Freunde. Das macht das Leben leichter. Lachen tut auch dem Körper gut, humorvolle Menschen sterben nicht, sie lachen sich tot. Das Herz profitiert, der Kreislauf auch. Selbst wenn man künstlich lacht, denkt der Körper automatisch, es geht einem gut. Diesen Vorteil nutzen auch Klinikclowns, mit dem Wissen, dass Lachen und Schmerzen gleichzeitig zu haben, nicht geht. Manche Krankheit fällt dann aus, weil man sich keine Sorgen mehr macht.

"Was ich also in mich hineinlasse und womit ich mich umgebe, wirkt auf meinen Körper und meine Seele. "

Deutschland gilt nicht gerade als Wiege des Humors. Ist Humor kulturell bedingt? Wie funktioniert Humor weltweit?

Grundsätzlich ist Humor universell. Je nach Kultur ist das etwas differenziert zu sehen, so ist der britische Humor zum Beispiel als sehr schwarzer Humor bekannt. Was allerdings überall wirkt, ist Lächeln und Lachen. Damit kann man sich ohne ein Wort weltweit verständigen. Auch ein bisschen Slapstick funktioniert: Ich mache zum Beispiel oft Späße an der Supermarktkasse, lasse mein Geld fallen, spiele den Trottel und die Leute lachen. Ich habe auch immer eine Clownsnase bei mir, die ich zum Beispiel auf den Boden fallen lasse, um ihr dann hinterher zu laufen. Vieles geht also auch ohne Worte. Ansonsten ist die Devise bei Humor wie auch sonst in der Kommunikation: Erstmal fragen, dann machen. Manche Humorarten gehen gar nicht, wie zum Beispiel Zynismus, Sarkasmus oder Witze auf Kosten von anderen. Was hingegen fast immer geht, ist sozialer Humor, der verbindend und entspannend wirkt. Dazu gehören dann zum Beispiel Selbstironie, Witze oder lustige Anekdoten.

Oft gibt es den Druck, ständig super drauf und gut gelaunt zu sein. Wie stehen Sie dazu?

Das Wichtigste ist, echt zu bleiben. Man erkennt sofort, ob jemand nur so tut oder so ist. Und wer einen Effekt erzielen will, ob gesundheitlich oder seelisch, der muss es sich erarbeiten. Das kann man sich nicht kaufen und das dauert manchmal auch ein bisschen. Wichtig ist auch, zu wissen, dass Humor auch Risiken birgt. Ich schätze, von zehn Humorinterventionen, also zum Beispiel einem Witz oder einem lustigen Spruch, gehen zwei bis drei völlig schief. Das ist normal. Humor ist Risiko, weil jede Situation und jedes Gegenüber anders ist. Daher ist Selbstbewusstsein die Grundvoraussetzung für Humor. Scheitern und die Bereitschaft dazu, gehören zwangsläufig dazu. Das versinnbildlicht auch der Zirkusclown, der ständig hinfällt.
Das Entscheidende ist, sich auf den Weg zu machen. Von heute auf morgen geht das nicht, aber es geht jeden Tag besser. Techniken müssen erlernt werden, man kann sich mit Literatur beschäftigen oder Kabarett angucken und beobachten, wie die Profis arbeiten. Und wichtig ist auch, zu prüfen, was man in sein Gehirn reinlässt. Viele Menschen schauen brutale Filme mit viel Gewalt. Das macht sich langfristig bemerkbar. Es gibt Untersuchungen, die zeigen, dass Schauspielerinnen und Schauspieler, die ständig tragische Rollen spielen, unzufriedener sind als solche, die jahrelang nur heitere Rollen gespielt haben. Was ich also in mich hineinlasse und womit ich mich umgebe, wirkt auf meinen Körper und meine Seele. Abschließend mein wichtigster Tipp: Trennt euch als ersten Schritt von allen Miesepetern und Miesepetras in eurer Umgebung!