Interview

OB Martin Horn appelliert an die Freiburger: "Jetzt müssen alle handeln"

Joachim Röderer

"Wir stehen vor einer der größten Herausforderungen der Nachkriegsgeschichte", sagt Martin Horn über das Coronavirus. Er appelliert an die Bürger, das Gemeinwohl zu priorisieren.

BZ: Herr Horn, wie ist die aktuelle Lage?
Horn: Wir haben im Moment 128 Fälle - je 64 in der Stadt und im Landkreis (Stand Dienstag). Das mag eine Zahl sein, die der eine oder andere als nicht so hoch empfindet. Aber da muss ich warnen: Wir gehen davon aus, dass diese Zahl sich in kurzer Zeit sehr deutlich erhöhen wird. Wir sehen die Entwicklung bei unseren Nachbarn in Frankreich und in Italien mit einer erschreckend hohen Zahl an Intensivpatienten und Todesfällen. Wir müssen leider davon ausgehen, dass wir davon nicht verschont bleiben. Deswegen ist es jetzt umso wichtiger, klare und effektive Maßnahmen zu treffen.


"Egoismen und Individualverhalten müssen für das Gemeinwohl zurückgefahren werden. Wir müssen diese Einschränkungen, die uns mittlerweile alle direkt treffen, gemeinsam tragen und ertragen."
BZ: Was bekommen Sie für Rückmeldungen? Wie gehen die Freiburgerinnen und Freiburger mit dieser Situation um?
Horn: Wir stehen vor einer der größten Herausforderungen der Nachkriegsgeschichte. Das sind drastische Worte, aber die wähle ich bewusst. Wir können gegen diesen unsichtbaren Gegner Corona nur erfolgreich bestehen, wenn wir zu drastischen Maßnahmen greifen. Ich bin kein Freund von solchen Beschränkungen Eindämmung des öffentlichen Lebens, von restriktiven Maßnahmen. Ganz im Gegenteil. Aber genau an dieser Stelle ist das alles notwendig, um die Bevölkerung zu schützen. Ich hoffe, dass wir diese Herausforderung gemeinsam schaffen. Das kann jedoch nie durch Behörden und Politik allein gelingen. Es kann nur funktionieren, wenn die Gesellschaft die Einschränkungen mitträgt und einhält. Freiburg reagiert nach meinem Eindruck überwiegend besonnen und verständnisvoll und versteht Schritt für Schritt, was da für eine Herausforderung auf uns zurollt. Es gibt aber auch immer noch Menschen, die nicht verstanden haben, dass Schluss mit lustig ist. Egoismen und Individualverhalten müssen für das Gemeinwohl zurückgefahren werden. Wir müssen diese Einschränkungen, die uns mittlerweile alle direkt treffen, gemeinsam tragen und ertragen.

BZ: Das heißt für Sie konkret?
Horn: Wir müssen unsere sozialen Kontakte zurücknehmen. Alle, die das nicht tun, gefährden ihre eigenen Freunde, ihre eigene Familie und gegebenenfalls die eigene Nachbarin. Jetzt müssen alle handeln! Und nicht auf noch weitere Maßnahmen warten, wie sie bereits wenige Kilometer in Frankreich gelten. Aber wir dürfen dennoch Lebensfreude und Mitgefühl nicht verlieren. Ich möchte schon jetzt allen Engagierten danken, die beispielsweise solidarisch aus der Gesellschaft Angebote zur Hilfe machen oder die kreative Ideen im Onlinebereich entwickeln. Da werden wir als Stadt anknüpfen. Wir müssen versuchen, das Bestmögliche aus dieser - bitte entschuldigen Sie - beschissenen Situation zu machen.

BZ: Worauf liegt im Moment ihr Hauptaugenmerk?
Horn: Meine Kernaufgabe ist aktuell die Krisenkoordination. Bei uns jagt eine Sitzung die andere. Wir müssen deutliche und aufwändige Maßnahmen umsetzen. Aber wir stellen die Grundversorgung sicher: im sozialen Bereich, im Kinder- und Jugendbereich, beim ÖPNV, im Energie- und Abfallbereich. Ich bin der Badischen Zeitung auch dankbar für "BZ hilft". Ich werde morgen ein städtisches Team zusammenstellen, das sich Gedanken macht über digitale oder telefonische Angebote. Dass wir den Menschen trotz aller Einschränkungen etwas bieten können. Auch um den sozialen Frieden und eben auch ein Stück Lebensfreude in der Stadt zu bewahren.

"Im Moment verstehen viele noch gar nicht, was für Einschränkungen auf sie zukommen."
BZ: Wie wollen Sie die Moral hochhalten?
Horn: Wir feiern in diesem Jahr den 900. Geburtstag. Dafür hätte ich mir definitiv eine andere gesellschaftliche Situation gewünscht. Aber Freiburg hat in diesen 900 Jahre bereits einige große Krisen gemeistert - teils auch mit schmerzlichen Einschnitten. Die Durchhaltemoral ist von zentraler Bedeutung. Im Moment verstehen viele noch gar nicht, was für Einschränkungen auf sie zukommen. Es ist momentan noch schwer vorstellbar, was es wirklich bedeutet, wenn wochenlang Kitas und Schulen geschlossen sind. Wenn arbeitende Eltern zuhause bleiben müssen. Ganz zu schweigen von dramatischen Einschnitten für unsere Freiburger Wirtschaft. Für Gastronomie und Hotellerie ist das ein echter Knockout, wenn über Wochen sämtliche Einnahmen wegbrechen. Das ist für viele wertgeschätzte Gastronomen ein kaum ertragbarer Einschnitt. Wir werden das nicht gegenstandslos hinnehmen. Natürlich betrifft es auch direkt den Einzelhandel, Kleinunternehmen, Freiberufler sowie unseren Mittelstand. Für unsere Veranstalter und Clubs ist die Lage verheerend. Zudem sind die großen Unternehmen in der Stadt ebenfalls betroffen, also werden nahezu alle Bereiche massive Einbrüche erleiden. Das ist wirtschaftlich eine dramatische Herausforderung für uns.

BZ: Wie kann den Betroffenen geholfen werden?
Horn: Wir brauchen für all diese drängenden Fragen eine einheitliche Regelung von Bund, Land und Kommunen. Das beginnt bei der simplen Frage der Erstattung der Kita-Gebühren. Wenn eine Stadt jetzt die Gebühr für vier Wochen erstattet, die andere setzt sie komplett aus, die dritte Kommune erstattet gar nichts – dann haben wir ein Klein-Klein, das total verfehlt ist. Ich erwarte von den Regierungen in Bund und Land, dass wir einen einheitlichen Standard erarbeiten und umsetzen.



BZ: Was hilft man der Wirtschaft?
Horn: Wir brauchen für diese Krise eine faire wirtschaftliche Verteilung von Unterstützungsgeldern. Wir wollen unsere Unternehmen, unsere Gaststätten und Hotels, unsere Einzelhändler nicht verlieren. Deswegen werden wir reagieren. Aber es dürfen nicht unterschiedliche Sonderwege von Stadt zu Stadt in Baden-Württemberg gefahren werden. Natürlich werden wir auch als Stadt unseren Part leisten müssen. Aber wir sind aktuell am Tag x plus eins. Wir arbeiten voll im Krisenmodus und müssen erst einmal die beschlossenen Maßnahmen umsetzen und Krisenkoordination betreiben. Danach werden sich Dutzende von Folgefragen stellen, da werden wir uns nicht wegducken.

BZ: Ist die Versorgung mit Lebensmittel gesichert?
Horn: Es reicht für alle. Aber das funktioniert nicht mehr, wenn sich manche übermäßig eindecken und anderen alles wegkaufen. Und meines Wissens führt Corona auch nicht zu einem verstärkten Stuhlgang. Deswegen braucht es auch keine Hamsterkäufe für Klopapier. Und auch nicht für dutzende Packungen von Nudeln. Die Krisenversorgung mit Lebensmitteln funktioniert dann prima, wenn sich man sich nicht für Wochen im Voraus eindeckt. Ruhe bewahren, Mitmenschlichkeit bewahren. Ich bin für alle dankbar, die so handeln. Und für die Anderen gilt: Aufwachen! Die Lage ist ernst!
Martin Horn, 35, amtiert seit Juli 2018 als Oberbürgermeister von Freiburg.

Mehr zum Thema: