Nneka im Jazzhaus

Manuel Lorenz & Gina Kutkat

Gestern Abend gab die Wahl-Hamburgerin Nneka ein bewegendes Konzert im Jazzhaus. Mit ihrer Musik, einem globalen Mix aus Reggae, Soul, HipHop und Afrobeat, erzählte sie von der Ungerechtigkeit und den Missständen in ihrer Heimat Nigeria. Nebenbei - manchen etwas zu oft - rief sie das Publikum zu Liebe und Frieden auf.



Nneka-Konzerte sind Gottesdienste. Mit geschlossenen Augen steht die kleine Nigerianerin auf der Bühne und singt ihre Gebete in die Welt. Dazwischen predigt sie. Fordert mit Nachdruck zur Liebe auf. „Ich weiß, ihr habt nicht dafür gezahlt, mich reden zu hören,“ entschuldigt sie sich in akzentbelegtem Englisch, „aber das gehört dazu. No entertainment without proper content!“

Bis es soweit ist, muss das Publikum im proppevollen Jazzhaus aber erst die Vorband Gastone über sich ergehen lassen: zwei Typen aus Frankfurt a. M., deutsche Texte, akustische Gitarre und E-Bass, Loop-Gerät, ab und zu Beatbox und Cowbell – eigentlich ganz nett, aber irgendwie schon zu oft woanders gehört. Unter die Haut geht’s, wenn die rauchige Stimme des Frontmanns Giuseppe Porello sich in bluesige Gefilde begibt.

Als dann endlich einsame Gitarrenakkorde den Hauptakt ankündigen, als Nneka Egbuna die Bühne betritt, wird das Jazzhaus zum Tollhaus. Unglaublich, wie viel Energie die kleine Sängerin ausstrahlt. Selbst in ruhigeren Nummern, wie dem langsamen Rhythm-and-Blues-Stück „Confession“, steckt die Power eines Gospelchors. Die knapp besetzte Band unterstützt sie dabei nach allen Kräften, pumpt unnachgiebige Herzschläge in den Saal („Heartbeat“) und mauert hardrockige Soundwände, die Nneka den Einsturz der Location befürchten lassen („Deadly Combination“).



Die zahlreichen jungen Fans, teils aus Frankreich, der Schweiz und selbst aus Österreich angereist, überlassen vom ersten Augenblick an ihre Körper ganz der Musik. Die Heterogenität des Publikums spiegelt die verschiedenen Stilrichtungen wider, aus denen sich Nnekas Sound speist: Raggae, HipHop, R ’n’ B, Dub, Afrobeat, Folk – Soul. Schwer zu beschreiben, was sich nicht klassifizieren lässt. „One love,“ klingt es beständig aus der ersten Reihe. Und vorweihnachtlich riecht es nach verbranntem Tannenreisig.

Nnekas Lieder handeln von Korruption. Von der großen Kluft zwischen Arm und Reich, die in ihrer nigerianischen Heimat herrscht. Von Wahlen, die keine Veränderung hervorrufen und Demokratie, die keine ist. Vom schwarzen Mann, der seine Herkunft verleugnet, um sich dem Weißen anzupassen. Von so genannten V.I.P.s – „Vagabonds in Power“, welche nur danach trachten, sich selbst zu bereichern. Ihre Antwort auf all das ist Gottes erlösende Liebe, die sie rappenderweise ihren Zuhörern ans Herz legt („God of Mercy“).



Vergleiche mit Erykah Badu, India Arie, selbst mit der großen Lauryn Hill ziehen nicht mehr. Nnekas Musik ist mittlerweile ausgereift genug, um eigenständig betrachtet und wertgeschätzt zu werden. Wenn sie sich in Singer-Songwriter-Manier die akustische Gitarre umhängt und zum mitkommen auffordert („Come With Me“), wird ihr genauso bereitwillig Folge geleistet, wie wenn sie auf Pidgin-Englisch das Leiden ihres Volkes schildert, indem sie Drum ’n’ Bass zu Raggae werden lässt („Suffri“). Schade, dass die Bandmitglieder nur selten die Möglichkeit bekommen, ihrerseits ihr Können unter Beweis zu stellen. Wenn doch, gewinnt der Sound noch an Tiefe. Zum Beispiel, wenn in „Beautiful“ das Hammond-Zeitalter heraufbeschworen wird oder die Stromgitarre hier und da Santana ins Gedächtnis ruft. Auflockernd wirkt es, wenn das Schlagzeug pausiert und Handtrommeln zum Einsatz kommen.

„You wanna see my hair?“ fragt die Warri-Sister in die Runde, erntet ausgelassenes Gejohle und entblößt ihre eindrucksvolle Haarpracht, die sie das gesamte Konzert über unter einem Kopftuch verborgen hat. Begleitet von Cajon und Keys rappt sie noch einmal ihre Botschaft in den Abend: „It’s about givin’ love, showin’ love, doin’ love’, livin’ love, makin’ love.“

Ihre Musik hat es zwei Stunden lang geschafft, Menschen zu bewegen. Bleibt zu hoffen, dass auch ihre Worte auf fruchtbaren Boden fallen.



Mehr dazu:


Foto-Galerie: Gina Kutkat

Tipp: Wartet einen Augenblick, bis die Galerie komplett geladen ist. Ihr könnt euch dann ganz bequem jeweils das nächste Foto anzeigen lassen, indem ihr auf eurer Tastatur die Taste "N" (für "Next") drückt.