Nightlife-Guru & Foto-Galerie: Ball VerQueer im E-Werk

Jonas Oswald

Zum 15. Mal lud gestern die Freiburger Aids-Hilfe zum "Ball VerQueer" ins E-Werk ein. Unter dem Motto "Glanz und Glamour - Diven & Cool Guys" trafen sich dort Schwule, Lesben, Bis, Heten, Paradiesvögel, Verkleidungswütige, Exhibitionisten und Voyeure! Unser Nightlife-Gayru hat dafür sein prächtigstes Ballkleid angezogen und Jonas seine Fotokamera rausgeholt!



An der Tür ...

... geht es zu wie im Taubenschlag. Roter Teppich, Défilé, Sehen und Gesehen werden - unbemerkt reinschummeln geht hier nicht. Will aber auch keiner, denn hier geht vor allem hin, wer beschaut werden will.

Hinter dem Tresen steht extrem viel Personal. Gästeliste? Ja, nein, vielleicht. Und wenn nicht, halt 10 Euro abdrücken. Ist aber vollkommen Ogay, denn: erstens ist der Ball VerQueer kult und zweitens wird viel geboten - auch abseits des Publikums.

Inneneinrichtung & Deko

Dass das E-Werk gerade frisch renoviert wurde, fällt mir erst nach der Party ein. Zu groß ist auch die Ablenkung durch die schrillen Gäste. Diese können sich im Eingangsbereich professionell ablichten und auf der Ball VerQueer Foto-Galerie abbilden lassen. Ein paar Abzüge der bekommt man sogar noch am selben Abend - grandios!

Ansonsten natürlich Glitter und Lametta; auffällig aber insbesondere die Laser-Geschichten im Foyer und die Neon-Projektionen im großen Saal. Letztere sind immer auf das entsprechende Lied abgestimmt: Zu "Saturday Night Fever" gibt es zum Beispiel die  bekannten Tanzschritte aus dem "2001". Außerdem flackert weiter hinten - wie es das Klischée will - "Sissi" über die Wand.

Wer war da?

Alle. Ein Chippendale-Lenny Kravitz mit nacktem, austrainiertem Oberkörper, Fliege und Mega-Afro, Barockperücken und venezianische Masken, Bitches mit entblößtem Gesäß, Polizistinnen, Krankenschwestern und Nonnen, kleine Männer und große Frauen, Mafiosi und Gothic Tussis, Kartenspiele und Marquises. Viele kennen aber erkennen sich nicht. Viele haben sich viel Mühe gegeben; manche nicht so viel. Alle erfreuen sich am Anblick ihrer selbst und der anderen.

Partyatmo & Klangwaren-TÜV

Im Foyer läuft verqueere Bumm-Bumm-Musik. Elektronisches, zu dem männliche Ladies und weibliche Gents ihre wie auch immer gearteten Popos gut bewegen können - insbesondere auf Vodka Energy, dem Ecstasy für Arme. Immer wieder gehen Jungs und Mädels an die Bar und kommen fünf Sekt balancierend zurück: So, für jeden einen. Und dann: Knicks und Stößchen, auf einen heiteren, ausgelassenen Abend, hihi, der gehört heute nämlich uns.

Natürlich wird gezeigt und geschaut was das Zeug hält und volles Rohr geknutscht und gerieben. Aber immer mit großem Respekt vor dem Fremden. Wer nicht will, muss nicht; der Bagger-Faktor ist enttäuschen niedrig: nicht höher als bei der Chrysanthema in Lahr. Viele scheinen hier erst mal cliquenmäßig da zu sein und ganz harmlosen Spaß haben zu wollen. Außerdem ist man nicht ganz unbeobachtet: Dauernd trifft man Leute, die man hier heute nicht erwartet hätte; und natürlich gibt es auch in Freiburg so was wie eine Szene.

Der große Saal ist zu einer Großraumdisko umgestaltet worden. Feten- statt Hetenhits, wobei der Unterschied nicht allzu groß ist. Klar: "Barbra Streisand" von Duck Sauce wird gleich zweimal gespielt, das ganze "Saturday Night Fever"-Gedöns lautstark begrüßt und Aquas "Barby Girl" textsicher mitgesungen. Die vermeintliche Gay-Hymne "YMCA" von den Village People, zu der ich sogar die Choreo kann, wird hingegen nicht gespielt - jedenfalls nicht, während ich da bin.

Vielleicht ist der Unterschied zwischen dieser und jenen Partys auch nicht so sehr die Tracklist, sondern eher das Maß der Begeisterung, mit dem hier wirklich jeder Song ohne Pardon gefeiert wird. Grandios, und irgendwann verliere auch ich jede Scham und lasse Rihannas "Only Girl" von meinem Körper Besitz ergreifen.

Peak-time ist übrigens extrem früh - so gegen eins. Der Ball hat ja auch früher angefangen als eine handelsübliche Party, und so ist das E-Werk schon um neun Uhr rappelvoll. Gegen drei ist irgendwie die Luft draußen, die Feier driftet ein bisschen ins Willkürliche ab, es wird leerer - vielleicht haben sich die Gäste in dunkle Winkel und Nischen zurückgezogen und wollen die aufgesogene Energie anderswo und anderweitig wieder von sich geben.

PS: Ballermann-Shits wie "Komm, hol dein Lasso raus" erklingen zum Glück nicht. Derartige Bondage-Anleitungen brauchen aber eh nur Heten.

Catering & Getränke

Keine Ahnung, ob's außer heißen Typen was zum Essen gab; getrunken wird jedenfalls gut, wenn auch nicht übermäßig. Das liegt vor allem an den langen Wartezeiten, die man für einen Drink einplanen muss. Sagt man: "Ich geh' mal kurz was zum Trinken holen - will jemand was?" Meint man: "Ich bin mal 'ne halbe Stunde weg." Schade, weil darunter die Stimmung leidet. Das Thekenpersonal ist zwar super freundlich, aber ein wenig überfordert. Hat ja auch keiner geahnt, dass heute Abend soviel los sein wird ...

Auf dem Klo um halb zwei

Tja, wüsstet ihr wohl gerne :P

Aufregerle

Eine stadtbekannte Diva regt sich darüber auf, dass das Ball-Motto von vielen zu großzügig interpretiert oder gar ignoriert wurde: "Glanz und Glamour - Diven & cool Guys". Vielleicht hat er/sie/es Recht, denn: ein Klobrillen-Kostüm mag zwar freudianisch gesehen witzig sein, hat aber nur dann was mit "Glanz" zu tun, wenn gerade Meister Propper drüber gegangen ist. Aber na ja: eine Petitesse.

Aufheiterle

Der verqueere Gender-Check. Heute Abend nötig, denn man weiß nicht immer, ob man's mit Männlein oder Weiblein zu tun hat. Wenn man seinem Gegenüber nicht gleich in den Schritt packen will, hat man drei Möglichkeiten:

Den Boobie-Check: Sich den anderen einfach mal beherzt und ungeniert zu Brust nehmen - wenn's doch 'ne Frau sein sollte, findet sie's lustig und verzeiht's. Den Stoppel-Check: Dem anderen von unten nach oben über die Wange fahren. Den Hand-Check: Frauenhände fühlen sich einach anders an. Jedenfalls manchmal.

Fazit

Auch diesmal hat der Ball VerQueer wieder gezeigt, wie bunt Freiburg sein kann. Eine unverzichtbare Veranstaltung, die Menschen aller Couleur zusammenbringt und ungezwungen miteinander feiern lässt. Schon irgendwelche Motto-Vorschläge für das nächste Mal? Meiner: sündige Engel und heilige Teufel.

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Foto-Galerie: Jonas Oswald


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