Nightlife-Guru: Shift-Festival in Basel

Nightlife-Guru

Und auf noch einer Veranstaltung war unser Nightlife-Guru an diesem Wochende. fudders fleißigster Nachtarbeiter konnte sich natürlich das Shift-Festival in Basel nicht entgehen lassen. Und obwohl das rein gar nichts mit Halloween zu tun hatte, gab's dort bevorzugte Kostüme: supercooler Kunststudent und megawichtiger Design-Fuzzi. Da fühlte unser Guru sich natürlich gleich wie zu Hause:



An der Tür…

…bedeutet an diesem Samstagnachmittag vielmehr, sich vor einem armen einsamen Kassenkabuff einzufinden. Zu dieser Uhrzeit sitzt darin eine noch viel einsamere Frau. Kaum etwas ist los. Lediglich ein paar französischsprachige Frauen und Männer, altersmäßig irgendwo in den Dreißigern unterwegs, beratschlagen hin und her, ob sie nun doch noch einen Festivalpass für 55 Schweizer Franken/35 Euro oder lediglich einen Tagespass für 30 Schweizer Franken/20 Euro erwerben wollen.

„Einmal alles“.

Die energische, entscheidungssichere Stimme meiner Begleitung lässt die Frau im Kassenhäuschen, mutmaßlich dieselbe Person wie imv ergangenen Jahr, zusammenzucken.

„Wirklich?“, fragt sie zurück. „Haben sie sich so schnell entschieden?“ Ja. Die Antwort fällt kurz und lakonisch aus.

Wer war da?

Zur Nachmittagszeit lässt sich das Publikum – Pauschalisierungsvorwürfe einmal außen vor gelassen – in vier Kategorien einteilen. Künstler, angehende Künstler und/oder Absolventen von Kunstakademien, solche, die lediglich nach außen wie ein Künstler auftreten, und der ganze Rest.

Die Möchtegerns bemühen sich, allein mit ihrem Kleidungsstil die anderen Besucher wie von gestern aussehen zu lassen. Kniehoch müssen bei den Männern die Stiefeln schon sein, bestenfalls noch mit Absatz und verziert mit Riemen, Schnallen und Nieten. Unverzichtbarer Aufputz: die Printausgabe eines Kunst- oder Grafik Design-Magazins in der Hand. Sie sprechen gerne viel und laut, bevorzugt von sich selbst, und das meist an stark frequentierten Orten, im Eingangsbereich zu den Ausstellungs- oder Konzerthallen. Ich kann sie verstehen, denn eine so wunderbar große Plattform für ihre flüchtige Selbstinszenierung bekommen sie so schnell nicht wieder.

Die Künstler selbst hingegen fallen kaum auf, genauso wenig wie die Vielzahl Namenloser. Je später der Abend, desto szeniger werden auch diese, denn unter die Jedermanns gesellen sich Basler Kunst- und Nachtschaffende jeglichen Hintergrunds.

Ausstellung und Visuals

Wichtiger Bestandteil der Festival-Programmgestaltung sind Kunstausstellungen, Vorträge, Workshops und Podiumsdiskussionen. Diese dienen einmal der persönlichen intellektuellen Vor- oder Nachbereitung der gesammelten Sinneseindrücke. Sie ermöglichen aber auch das Gespräch und die Begegnung mit den vertretenen Künstlern sowie eingeladenen Gästen. Doch wie nähert man sich diesem Teil des Festivals, wenn man als Nightlifeguru doch nur vom Feiern eine Ahnung hat?



Den Einstieg in den kopflastigeren Bereich des Shift Festivals erleichtert ein Besuch der vier Schiffscontainer, die vor der eigentlichen Ausstellungshalle stehen. Sie sind bepinselt mit dem Schriftzug eines Transport- und Logistikunternehmens und werden mit Einbruch der Nacht mit warmem gelb-orangem Licht bestrahlt.

Hier vollzieht sich der Erstkontakt zu teilweise auch interaktiven Bild- und Klanginstallationen auf eine sehr spielerische Art und Weise. Man darf anfassen, kann sich hinsetzen, durch eine Guckwand schauen und wird dabei als Projektion für einen Sekundenbruchteil Teil des Kunstwerks. Beeindruckend und verstörend zugleich: „L’Osservatore I“, ein sogenannter Still-Film. Es ist ein stumm andauerndes Bild aus insgesamt elf Szenen, das auf eine Leinwand projiziert wird. Nur anhand eines zuckenden Augenlids oder dem Aufglimmen einer Zigarette wird deutlich, dass die einzelnen Sequenzen gefilmt und nicht fotografiert sind.

Nachdem meine Begleitung und ich allen vier Schiffscontainern einen Besuch abgestattet haben, sind wir vorbereitet für die große Ausstellungshalle. Die große Vielzahl der Installationen in diesem Jahr ist leider etwas weniger auf Interaktion, auf Selbsterfahrung und Beteiligung, angelegt, als es die Kunstwerke im Vorjahr waren. Der Besucher bleibt in der Rolle des passiven Betrachters. Nur vereinzelt kann er aus ihr austreten, etwa in der Retro Game Lounge.

Nachhaltig beeindrucken insbesondere die Visuals des Schweizer Visual Jockey-Kollektivs Videokultur. Die Kollektivmitglieder unterlegen die Auftritte der Live Acts und DJs mit einem rauschhaft sinnverwirrenden, teilweise auch orgiastischen Bildteppich.



Partyatmosphäre und Klangwaren-TÜV

Wir betreten die Halle, in der während des Shift Festivals die Live Acts und DJs auftreten. Soeben hat der Niederländer Harold Schellinx seine Klangcollagen aus Sequenzen unterschiedlicher Kassettentapes präsentiert. Die Bestuhlung ist klassisch konservativ, Stuhl an Stuhl, Reihe an Reihe. In der ersten nehmen wir Platz. Beste Sicht auf das Moritz von Oswald Trio, das bald seinen Auftritt haben wird. Und optimal positioniert vor den großen Basswürfeln.

Das Licht geht aus. Dunkelheit, Stille und das Moritz von Oswald Trio halten in der Halle Einzug. Die drei Musiker begeben sich an ihre Instrumente. Oder soll ich lieber Arbeitsgeräte dazu sagen? Der Finne Sasu Ripatti, ein ausgebildeter Jazz-Perkussionist, bekannt geworden durch seine Ambient- und Techno-Skizzen unter den Pseudonymen Luomo und Vladislav Delay, begibt sich an sein Drum-Set. Es besteht aus Congas und jede Menge selbst gebauter metallener Schlaginstrumente. Max Loderbauer bedient einen Modularsynthesizer, Moritz von Oswald mischt und bearbeitet die Patterns. Perlende, an Regentropfen erinnernde Geräusche sowie ein leises metallisches Rasseln erfüllen den Raum, als Sasu Ripatti seine futuristisch fremd anmutenden Perkussionsinstrumente streichelt.

Aus einem tiefen Hallraum entspringen filigrane Synthie-Flächen. Sie schwellen an und wieder ab. Und dann steht auf einmal diese Bassdrum im Raum. Eine Synthese aus House, Techno und Dub. Sitzen bleiben oder aufstehen und tanzen? Unweigerlich drängt sich diese Frage auf. Verstohlen blicke ich mich um. Nur am Rande der Konzertbestuhlung wippt ein junger Mann mit dem Oberkörper. Die formstrenge Ausrichtung der Stuhlreihen, der Halle überhaupt, verhindert, verbietet gar die körperliche Wahrnehmung der Musik.

Bei Dorian Concept, der österreichischen Antwort auf all die Floating Points, Onras oder Flying Lotus’, hat das Festivalpersonal die Stuhlreihen zuvor abgebaut. Gott sei Dank, denn schon in seinen ersten Soundcollagen entfaltet Dorian Concept eine derart körperbetonte Rhythmik, dass die Gäste nicht nur mit dem Fuss den Takt mitschlagen, sondern geradezu tanzen müssen. Vielleicht auch angeregt durch den Österreicher selbst, der zu seinen Synthie-Frickeleien selbst heftig abgeht. Ein wirkungsvolles Aufwärmeprogramm für den Folge-Act, Jimmy Edgar aus Detroit. Laut, kraftvoll und mit jeder Menge „sleaze“, Verderbtheit, angereichert präsentiert er seine Arrangements.

Musikalisch bauen sie auf Prince, Parliament/Funkadelic und dem Elektro-Techno im Stile von Drexciya auf, abgemischt mit Unmengen an 80er Jahre Gay Disco. Rauschhaft, körperbezogen und sexorientiert, mit einer guten Prise Kink gewürzt. Seine Performance erfahre ich wie einen aufgedrängten Deep Throat. Ich habe die Wahl, mitzugehen, zu schlucken und aus dem Dominanz- und Submissionsspiel meine eigene Lust zu steigern. Oder ich breche ab und gehe nach draußen. Mache ich nicht. Niemand macht das. Denn Jimmy Edgars Auftritt ist: Hot. Raw. Sex.

Sogar ein Juan Atkins, der Detroiter Technogott, hat es nach Jimmy Edgar etwas schwer, das Publikum für sein Showcase zu begeistern. Doch mit der WAX 3003 zieht er alle auf die Tanzfläche. In der Folge spielt er sich durch eine Vielzahl eigener Produktionen (Model 500, Cybotron,…) und beweist damit, dass Techno weder kalt noch seelenlos noch streng an den Viervierteltakt gebunden ist. Chris Air, ein Basler DJ- und Produzenten-Urgestein, rundet die Nacht mit einem Vinyl only-Set ab. House und Techno, viele Klassiker, und dafür wird er frenetisch gefeiert.

Auf dem Klo um halb vier…

…vernehme ich schmatzende Geräusche. Doch es sind lediglich zwei Jungs, die ihr mitgebrachtes Vesper zu vorgerückter Stunde verzehren.

Catering und Getränkekarte

Völlig in Ordnung gehen die Getränkepreise. Wein, rot oder weiss, Schweizer Provenienz, aus dem Graubündener Ort Malans, soweit ich mich erinnern kann, wird mit fünf Franken pro Glas (0.2 l) veranschlagt. Das Bier eines Schweizer Quasi-Monopolisten bekommt man ebenfalls für fünf Franken (0.25 l).

Im Festival-eigenen Restaurant lassen sich verschiedene Gerichte, beispielsweise ein gegrilltes Lachsfilet oder ein vegetarisches Couscous, verzehren. Ein wenig dürftig hingegen ist das Angebot an „Mitternachtsspeisen“. Zwar werden Sandwiches angeboten, doch diese sind eine Zumutung. Zusätzlich mit öl- und essiggetränkten Antipasti belegt, sind sie regelrecht durchweicht. Gut gemeint, aber nicht sinnvoll, diese Kombination.



Aufregerle

Nur mittelbar hat das „Aufregerle“ etwas mit dem Shift Festival zu tun. Als um vier Uhr morgens die Lichter angehen, stehen – leider – weder Shuttlebusse noch Trams bereit, die die nichtmotorisierten Besucher in die Innenstadt bringen. Daran muss noch ein wenig gearbeitet werden. Denn zum einen ist der ÖPNV umweltfreundlich und zum anderen besitzt nicht jeder kreativ-prekäre Festivalbesucher einen fahrbaren Untersatz.

Fazit

Auch in diesem Jahr haben die Veranstalter des Shift Festivals mit einem vielseitigen Programm zu überzeugen gewusst. Nicht negativ ins Gewicht fiel die leichte Akzentverschiebung hin zur Live Musik, und auch der Feieraspekt kam nicht zu kurz. Nächstes Jahr besteht das Festival im fünften Jahr – ich freue mich schon jetzt 'drauf.

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