Sause mit Tanzverbot

Nightlife-Guru: Mallorca Sommer Party im Agar

Nightlife-Guru

Malle ist nur einmal im Jahr – wirklich? Für alle, die den Ballermann schrecklich vermissen, hat die Freiburger Diskothek Agar am Samstag zur Mallorca Sommer Party geladen. Der Nightlife Guru war dabei – und hat bei Micky Krause mitgegrölt.

Es ist ein Samstag Ende August, der nahende Herbst sendet mit kühlen Nächten und erstem trockenen Laub schon die mahnenden Vorboten der dunklen Jahreszeit. Für den Guru umso wichtiger, sich in diesem schwierigen Jahr noch ein paar sangriagetränkte Sonnenmomente zu gönnen, um mental überhaupt irgendwie über die Runden zu kommen. Und wo ginge das besser als am ultimativen Sehnsuchtsort der Deutschen, dem berühmt-berüchtigtem balearischen Bundesland Nummer 17?


Wirklich nach Mallorca – oder Malle, für die Kenner und Liebhaber – lässt man wegen Corona derzeit lieber bleiben. Aber die Agar Diskothek war so freundlich, eine Mallorca Summer Party auszurichten, für all diejenigen, die Ballermann, Bierkönig und Megapark diesen Sommer schmerzlich vermissen und anstatt beim Wet-T-Shirt Contest nur den Stoff ihrer Kopfkissen mit abendlichen Tränen des Fernwehs durchnässen können. An dieser Stelle danke, dass sich jemand dieser Menschen annimmt. Der Guru will einer von ihnen sein, packt zwei neonfarbene Bierkönig-Shirts ein, und wagt sich hinab in die Untiefen des Bermuda-Dreiecks.

"Schland, du Land der Dichter und Denker, am Ballermann erwächst du zu wahrer Größe."

Location

Die Türsteher bitten um Aufsetzen der Maske und winken nach Ausfüllen des Adresszettels freundlich durch, Eintritt ist heute frei. Bestimmt 12 Jahre oder mehr ist der letzte Besuch her, alles wirkt sauberer und aufgeräumter als in den vodkabull getränkten Erinnerungen der Jugend. Die Bar der neu gestalteten Kneipe erstrahlt in türkiser, gekachelter Pracht. Von mottobezogener Deko ist nicht viel zu sehen, schade eigentlich, der Guru hätte sich über ein paar Plastikpalmen gefreut. Zum Einlauf dröhnt "Deine Freundin, die kann blasen, die kann blasen, die kann blasen" – kurze Irritation und verwunderter Blickwechsel – "die kann Blasen an den Füßen nicht ertragen!" Wow, der Guru ist baff! Was für eine Pointe, was für ein sprachliches Meisterwerk, ganz in der Tradition von Micki Krauses Glanzleistung, in seinem bekanntesten Song jegliche literarische Erwartungshaltung zu brechen und "Zehn nackte Frisösen, mit ganz ganz feuchten … Haaren" zusammenzureimen. Schland, du Land der Dichter und Denker, am Ballermann erwächst du zu wahrer Größe.

Publikum

Von diesem stimmungsvollen Empfang euphorisiert, begeben sich Guru und Begleitung an die Bar, erstmal die Lage checken. Die Getränkewahl fällt schnell auf Agar Spezial, ist zwar kein Sangria, aber immerhin auch rot, sehr süß und mit Strohhalm. Wer ist so da? Da natürlich Tanzverbot besteht, tummeln sich Grüppchen um die Tische, die vom Personal mit leuchtenden Fun-Brillen und Bacardi-Strohhüten ausgestattet werden. Dadurch wird es noch schwieriger, irgendwelche besonderen Unterscheidungsmerkmale auszumachen. Denn die Männer tragen eigentlich alle Polohemd und T-Shirt zu Jeans und Undercut, manche tatsächlich Sonnenbrille. Die Frauen setzen auf schickes Schwarz, über das sich sorgfältig frisiertes, glatt-gescheiteltes Haar legt. Weiße Sneaker sind ein Muss. Obwohl die Feier mit "Muttizettel" schon ab 16 besucht werden darf, ist das Publikum eher so um die 25, irgendwann wird durchs Mikrofon zum 28. Geburtstag gratuliert, eine Frauengruppe an einem der vorderen Tische "wuhuuuuuuut" daraufhin lautstark, man scheint auf jeden Fall Spaß zu haben.

Atmosphäre

Kein Wunder, denn DJ Tommy Latino gibt sich auch alle Mühe, dem Publikum ordentlich einzuheizen und kompensiert das Tanzverbot mit einer unglaublichen Dezibelwucht, die einen Hit nach dem anderen in die Gehörgänge presst. Dazwischen immer wieder kurze Ansagen und scootermäßige "Döpp Döpp Döpp Dö dö Döpp Dööpp Döööpp"-Rufe – und die Stimmung kocht. Mit späterer Stunde verleitet das dann doch den einen oder anderen, nicht nur am Platz zu schunkeln und die Arme hochzuwerfen, sondern sich auch mal kurz auf der Tanzfläche zu bewegen. Wer wollte ihnen das verübeln bei Evergreens wie "Joanna, geboren um Liebe zu geben" oder "Du kannst mir die Nudel putzen"?

Doch Personal und Türsteher sind schnell bei der Hand und unterbinden derlei Versuche schnell und rigoros, wer nicht spurt, wird nach draußen begleitet. Allgemein sind die Mitarbeiter sehr darauf bedacht, dass alle Regeln eingehalten werden und ermahnen bei Verstößen auch immer wieder, überall finden sich Hinweise auf die bestehenden Hygienevorschriften. So ist eben die neue Zeit.

Bei "7 Sünden bist du mir wert" wird der Guru dann ein bisschen melancholisch und sinniert über die gute alte Zeit, als er von seinen Freunden regelmäßig zur montäglichen Schlagerschicht in die Nachtschicht genötigt wurde, um DJ Steve und dem deutschen Liedgut Tribut zu zollen… Auch bei anderen scheint die Musik Emotionen hervorzurufen. Ganze Männergruppen erleben bei Jürgen Drews’ "Ich bau dir ein Schloss" bromantische Momente und schauen sich über das Bierglas hinweg tief in die Augen oder liegen sich in den Armen. Hach, ist das schön. Aber tja, Malle ist halt nur einmal im Jahr.

Gegen halb zwei ist es dann gut voll, der Guru nach dem dritten oder vierten Agar Spezial und zahlreichen Shots langsam auch und daher fällt der Entschluss, den geordneten Rückzug anzutreten. Allerdings nicht, ohne die Strohhüte noch einmal heftig zu "Dicke Titten, Kartoffelsalat" zu schwenken und sich so mit der nötigen Würde, Eleganz und bester Laune von diesem seelenwärmenden Moment zu verabschieden. Die Sonne Mallorcas scheint nun im Herzen des Gurus weiter und das Rauschen im Ohr erinnert fast an das sanfte Wogen des Mittelmeeres am Strand von Palma…

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