Freiburger Arbeitsmarkt

"Nicht abschrecken lassen": So können Jobsuche und Berufseinstieg in der Coronazeit gelingen

Felicia Herr

Studium beendet, Job gekündigt oder Neuanfang? Viele junge Menschen sind zur Zeit auf Jobsuche. Wie der Arbeitsmarkt aktuell in Freiburg aussieht und wie sich Berufsanfänger vorbereiten können, weiß Christof Hilligardt von der Agentur für Arbeit.

Als Berufseinsteiger direkt einen Job zu finden, war schon vor Corona nicht immer einfach. Was hat sich seitdem auf dem Arbeitsmarkt verändert?

Tatsächlich tun sich viele Hochschulabsolventen mit dem Berufseinstieg schwer, teils mangels Berufserfahrung, teils wegen nicht ganz passender oder schlecht verwertbarer Studieninhalte. Die Pandemie hat hier zusätzlich in vielen Branchen "reingegrätscht". So ist das Einstellungsverhalten von Arbeitgebern coronabedingt deutlich abgekühlt und insbesondere die Monate März, April und Mai waren von großer Unsicherheit geprägt.

Oftmals wurden schon länger ausgeschriebene Stellen eingestampft oder laufende Besetzungsverfahren bis auf weiteres ausgesetzt. Ich hatte auch viele Fälle, wo bereits geschlossene Arbeitsverhältnisse dann in der Probezeit direkt wieder gekündigt wurden. Corona ist also auf jeden Fall eine große Erschwernis und das drückt sich natürlich auch in den aktuellen Arbeitsmarktzahlen aus.

Zum einen hat der Stand an Arbeitslosen im Agenturbezirk Freiburg von März bis Juni mit plus 26,3 Prozent deutlich zugenommen. Gleichzeitig hat in diesem Zeitraum die Anzahl der von Arbeitgebern gemeldeten Arbeitsstellen deutlich abgenommen. Es gibt also einfach weniger Stellen in der Vermittlung, aber mehr Kunden im Bestand. Daher wurde versucht, diese Entwicklung zum Beispiel durch Kurzarbeit oder Weiterbildungsmaßnahmen aktiv aufzufangen, um die Arbeitslosigkeit sinnvoll zu nutzen oder gar nicht erst eintreten zu lassen.

"Unter dem Eindruck der aktuellen Situation empfehle ich, bewusst initiativ auf Arbeitgeber zuzugehen."

Macht es für die Bewerbungserfolge einen Unterschied, ob oder wie viel Berufserfahrung die Jobsuchenden mitbringen?

Berufserfahrung ist für Hochschulabsolventen immer relevant. Es macht einen Unterschied, ob ich ein Vollzeitstudium in Regelstudienzeit "durchdrücke" oder mir auch Zeit zugestehe, während des Studiums oder zwischen Bachelor und Master erste Berufserfahrung zu sammeln. Diesbezüglich kann ich Studierenden nur empfehlen, sich auszuprobieren und Berufs- und Branchenerfahrung, wann immer möglich, mitzunehmen. Ebenso sind Hiwi-Tätigkeiten, studentische Mitarbeit, Praxissemester oder Engagement in studentischen Netzwerken gute Mittel, um sich ein eigenes Netzwerk aufzubauen, gerade in regionalen Arbeitsmärkten.
"Die Pandemie wirft ihren Schatten auf alle Branchen, wobei besonders Handel, Gastgewerbe, Zeitarbeitsfirmen und das verarbeitende Gewerbe betroffen sind."

Wie können Bewerberinnen und Bewerber vielleicht eine Chance aus dieser Krise zeihen?

Das ist im Einzelfall sehr unterschiedlich zu beantworten. Gerade in den ersten Wochen des Shutdowns war Corona für die wenigsten meiner Kundinnen und Kunden eine Chance. Da war zu vieles unklar und im Fluss. Nach und nach merken aber viele, dass es gerade jetzt wichtig ist, auch über Alternativen nachzudenken und den Blick dafür zu schärfen. Im besten Fall kann die aktuelle Situation dann bei der einen oder dem anderen auch einen generellen Reflexionsprozess über die beruflichen Ziele nach Studienabschluss anstoßen.

Unter dem Eindruck der aktuellen Situation empfehle ich, bewusst initiativ auf Arbeitgeber zuzugehen. Da einige Branchen in der Zwischenzeit wieder angezogen haben, können sich zum Teil auch ganz kurzfristig Möglichkeiten ergeben. Außerdem gibt es ja durchaus auch Branchen und Unternehmen, die von der Krise profitieren. Eine Orientierung an solchen "Krisengewinnern" eröffnet einem unter Umständen neue Schnittstellen, die man vorher vielleicht gar nicht auf dem Schirm hatte. So kann die Krise also auch die Möglichkeit eines Quereinstiegs befeuern.
Christof Hilligardt (35) arbeitet bei der Agentur für Arbeit in Freiburg als Berufsberater. Hier unterstützt er schwerpunktmäßig Hochschulabsolventinnen und -absolventen beim Einstieg ins Berufsleben.

In welchen Berufsfeldern sehen Sie denn aktuell die besten Erfolgschancen?

Dazu fehlen mir zurzeit noch die Erfahrungswerte. Die Pandemie wirft ihren Schatten auf alle Branchen, wobei besonders Handel, Gastgewerbe, Zeitarbeitsfirmen und das verarbeitende Gewerbe betroffen sind. Sehr schwierig hat es auch die Kultur- und Veranstaltungsbranche. Sie ist sehr stark davon abhängig, wie sich das Infektionsgeschehen und die Lockerungskonzepte weiterhin entwickeln.
Auf der anderen Seite gibt es Bereiche, in denen sich eine Bewerbung auch jetzt lohnen kann, zum Beispiel Digitalisierung, IT und Software, Kommunikation, Pharma und Öffentlicher Dienst. Gerade letzterer hat mit seinen krisensicheren Jobs und Einstiegsmöglichkeiten auch für Quereinsteiger zuletzt stark an Ansehen gewonnen.

Was ich auch aktuell mitbekomme, sind Versuche, die eigene Arbeitskraft über digital vermittelnde Plattformen anzubieten. Als Texter, Übersetzer oder Programmierer kann so etwas durchaus funktionieren, nicht nur als Überbrückungsmöglichkeit. Sich dort dauerhaft zu etablieren, erfordert aber gute Planung und betriebswirtschaftliches Verständnis.
"Wenn ich jetzt schon auf Jobsuche bin und keine andere Verbleiboption habe, dann gilt es weiter zu suchen und am Bewerben dran zu bleiben."

Würden Sie Studierenden aktuell empfehlen, eher in der akademischen Laufbahn zu bleiben?

Das ist wieder eine Frage, die ganz individuell beantwortet werden muss. Wenn sich jemand beispielsweise eher durch den Bachelor "gequält" und kein weiterführendes Studium geplant hat, dann empfehle ich natürlich nicht – auch nicht aktuell – ein Masterstudium anzuschließen. Hier sollten neben der Stellensuche andere Alternativen geprüft werden, zum Beispiel eine verkürzte duale Ausbildung oder eine Weiterbildung.

Wenn eine akademische Laufbahn ohnehin angedacht oder zumindest als Plan B im Kopf war, würde ich diesen Weg natürlich auch offenhalten. Ich betreue aktuell einige Bachelorabsolventen, die zweigleisig fahren, also sowohl auf Stellensuche sind als Masterbewerbungen offen haben. Einige werden zum Wintersemester wohl mit einem Master beginnen, auch um über den Studentenstatus ein wenig Planungssicherheit zu haben. Ob und wie sie diese Entscheidung zukünftig in Form einer besseren Einstellungsperspektive "verwerten" lässt, muss der Einzelfall zeigen.

Nun perspektivisch gefragt: Lieber jetzt einen Job suchen oder in einem halben Jahr?

Das hängt von den Alternativen und ganz individuellen Einstellungen zu Risiko und Sicherheit ab. Wenn ich jetzt schon auf Jobsuche bin und keine andere Verbleiboption habe, dann gilt es weiter zu suchen und am Bewerben dran zu bleiben. Wer die Wahl hat, sollte auf jeden Fall den Arbeitsmarkt genau beobachten. Die Arbeitslosenzahlen steigen mittlerweile weniger schnell und auch die Zahl der gemeldeten offenen Stellen stabilisiert sich. Manche Arbeitgeber bekommen wieder neue Aufträge, sehen klarer und können bei den Einstellungen wieder weiter in die Zukunft planen.

Wer nach der Uni bereits den Sprung ins Erwerbsleben geschafft hat, jedoch fürchtet, dass die aktuelle Stelle auf Dauer das eigene Berufsprofil verwässert oder den Studienhintergrund verbleichen lässt, dem empfehle ich mutig zu sein und sich auch und gerade jetzt aus der aktuellen Position heraus zu bewerben. Und wer weiß aktuell schon, was in einem halben Jahr ansteht?

Wie können Menschen, die schon arbeitslos geworden sind, diese Zeit sinnvoll nutzen?

Wenn man es sich zeitlich und finanziell erlauben kann, ist es gerade für Hochschulabsolventen sinnvoll, das bisher Erreichte nochmal zu hinterfragen und sich gegebenenfalls über Angebote wie Coaching und Karriereberatung Gedanken zu machen. Ganz unabhängig von Corona hilft dies, den eigenen Berufseinstieg zu planen.

Als Kunde der Arbeitsagentur ist eine begleitete Analyse des Arbeitsmarkts, der bisherigen Stellensuche sowie der individuellen Bewerbungsstrategie wichtig. Je nach Ergebnis dieses Prozesses kann zum Beispiel ein individueller Weiterbildungsimpuls der nächste sinnvolle Schritt sein. So können Hochschulabsolventen die Hürden des Berufseinstieg verringern und unter Umständen in Branchen einmünden, die sich als besonders krisenresistent erwiesen haben.

Welche persönlichen Tipps möchten Sie Arbeitssuchenden noch mitgeben?

Ich empfehle immer, die Arbeitssuche mit einem planspielerischen Ansatz anzugehen. Natürlich nicht als "Spiel", aber als persönliches Strategieprojekt, an dem stetig gearbeitet wird, je nach "Ereigniskarte". Wichtig ist dabei, sich immer die zeitlichen, finanziellen und karrieretechnischen Komponenten vor Augen zu führen. So kann es gelingen, den Prozess der Stellensuche mit einer positiven Einstellung anzugehen und als individuell gestaltbar wahrzunehmen. Diese Phase kann dann eine Chance darstellen, sich selber besser kennen zu lernen und gut gerüstet in den Arbeitsmarkt zu gehen. So wirkt man auch im Bewerbungsprozess viel sicherer.

Wichtig ist es dabei auch, sich immer wieder interessante Alternativen zu entwerfen. Denn es ist durchaus wahrscheinlich, dass es zum Berufseinstieg nicht auf Anhieb mit dem Traumjob klappt. Da kann eine geschickte Planung helfen, auch über Umwege zum Ziel zu kommen. Dann wird die Berufswahl an der Schwelle von der Uni in den Beruf auch nicht zur Einbahnstraße. Die neu gewonnene Berufs- und Branchenerfahrung hilft bei weiteren Bewerbungen immer!

Ein letzter Tipp: Mutig sein und nicht abschrecken lassen von überhöhten Anforderungen in Stellenausschreibungen. Bewerberinnen und Bewerber können nach der 60:40-Regel prüfen, ob sie die wichtigsten Anforderungen (zum Beispiel Abschlussniveau) erfüllen und gewisse andere Punkte auch mal außer Acht lassen. Vieles klärt sich dann erst in einem möglichen Bewerbungsgespräch. Im täglichen Vermittlungsgeschäft erlebe ich da immer wieder Überraschungen. Also im Zweifelsfall lieber einmal zu oft als einmal zu wenig bewerben!

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