Ni Hao, Drache! Chinesische Studierende feiern in Freiburg das neue Jahr

Anna Loges, Johannes Pimpl & Da Xing

Auf der ganzen Welt haben Chinesen am vergangenen Wochenende das Jahr des Drachen begrüßt. In Freiburg wurde ein paar Tage vorgefeiert: Am vorvergangen Donnerstag hießen chinesische Studierende das neue Jahr mit lautem Knall, E-Gitarre und gutem Essen willkommen. Wie's war:

Am späten Nachmittag in der Mensa Rempartstrasse: Es riecht anders als sonst. Frischer. Exotischer. Einfach besser. In der Küche, da wo man als Student sonst eigentlich nicht hinkommt, sind 14 chinesische Studierende dabei, vier Gerichte vorzubereiten. Denn heute Abend wollen die chinesischen Studierenden in Freiburg ihr neues Jahr, das Jahr des Drachen, begrüßen.

Mehr als 1000 junge Chinesinnen und Chinesen studieren an den Universitäten in Freiburg; sie stellen die größte Gruppe ausländischer Studierender, und sie sind gut organisiert. Zum Neujahrsfest eingeladen hat der Chinesische Studierendenverein, der mit Hilfe des International Office der Uni Freiburg, der Fachschaft  Sinologie und dem Internationalen Club des Studentenwerks das Fest organisiert.

Kurz nach Einlass ist der Andrang in der Mensa groß; die Schlange ist so lang wie sonst um 13 Uhr, wenn Überbackenes Waliser Schnitzel auf dem Mensaplan steht. Heute Abend gibt es neben Jiaozi, traditionellen chinesischen Maultaschen, drei unterschiedliche Fleischgerichte: Schweinefleisch mit Sojasauce, Gungbao-Hühnerfleisch mit Paprika und Rindfleisch mit Tomaten und Süßkartoffeln.



In der Küche ist Zheng Wang, 29, und Doktorand in der Biologie, dabei, chinesischen Grühnkohl zu schneiden. „Wir kochen auch sonst viel, meistens zwei Mahlzeiten am Tag. Da ist es schön, auch einmal für andere zu kochen!“ Es ist wuselig. Die Köchinnen und Köche in vorschriftsmäßiger Großküchenkleidung schnibbeln, braten, dünsten und würzen eifrig; sie wollen ein Festmahl servieren. Ihr Ehrgeiz passt gut zum Anlass der heutigen Feier: das Jahr des Drachen ist für Fleiß, Erfolg und Ehrgeiz gut.

Zwar richtet sich seit 1949 das offizielle Leben in China nach dem gregorianischen Kalender, doch der traditionelle chinesische Kalender Nónglì (农历, deutsch „Bauernkalender“) hat weiterhin eine große kulturelle Bedeutung. Zwölf Tiere werden den Jahren zugeordnet und wiederholen sich, jedem Tier wird eine Bedeutung zugeordnet. Und jeder weiß, im Jahr welchen Tieres er geboren wurde. Den Nónglì gibt es seit 2070 v. Chr., er richtet sich nach Sonne und Mond; nach ihm werden heute noch die religiösen Feste gefeiert. So auch das wichtigste – das Neujahrsfest.

Da es immer am zweiten Neumond nach der Wintersonnenwende gefeiert wird, variiert das gregorianische Datum des  Festes. Der Legende nach kommt an diesem Abend das menschenfressende Jahresmonster Niánshòu (年兽) von den Bergen. Um es zu vertreiben und zu töten, müssen alle Menschen Feuer und viel Lärm machen und alles rot färben.



Auch die Bühne in der Aula der Uni Freiburg ist an dem heutigen Abend rot eingefärbt. Das Abendprogramm mit Tanz, Gesang und Schauspiel beginnt. Wo vor wenigen Stunden noch Vorlesungen gehalten wurden, erklingen jetzt die wummernden Bässe von Katy Perry. Sechs chinesische Studentinnen in kurzen Jeansshorts und engen Tops bewegen schwungvoll ihre Hüften.

Es ist rappelvoll. Chinesische Studierende und ihre Freunde, Sinologie-Studenten und ganz normale Freiburger füllen alle Sitzreihen – selbst die ganz hinten, auf denen man fast gar nichts vom Bühnengeschehen sehen kann. Wer chinesisch kann, ist heute ganz klar im Vorteil: außer den Ansagen des Moderatorenteams sind alle Darbietungen auf Chinesisch. Kein Wunder – der Abend soll ja keine Präsentation der chinesischen Studierendenschaft sein, sondern ist vor allem ein einfaches Fest, auf dem man als chinesischer Student sich selbst, seine Freunde und seine Heimat feiern kann.



Eben noch war Zheng Wang (Bild oben links) in der Mensaküche, jetzt steht er auf der Aulabühne; zusammen mit einem Freund tritt er in einem Sketch auf. Die beiden spielen zwei chinesische Studenten in Deutschland, die auf der Suche nach der Frau fürs Leben sind. „Oder wenigstens für eine Nacht“, wie Zheng Wang es vornehm ausdrückt. Da außer dieser kurzen Erklärung die gesamte Szene in chinesisch gespielt wird, kann an dieser Stelle leider nicht verraten werde, ob einer der beiden erfolgreich war.



Überhaupt ist die unerfüllte Liebe das zentrale Element des Abends. Und dank des universellen Themas kann man auch ohne Chinesisch-Kenntnisse verstehen, was im Musical „Drachen steigen lassen“ passiert. Die zwei jungen Schauspieler spielen so ausdrucksstark, dass man die Gefühle, die eine große räumliche Distanz zwischen Liebenden auslöst, fühlen kann.

Neben Sketchen, Musicalszenen, oft unerwartet aufreizenden Tänzen, Kampfsportvorführungen und vielen Liedern gibt es im bunten Programm des Abends auch eine Kalligraphievorführung. Nach zweieinhalb Stunden kommen alle Mitwirkenden auf die Bühne, um gemeinsam das Lied „Nachkommen des Drachen“ zu singen. Und das ist kein Volkslied, sondern ein Pop-Song. Und Mittendrin in der Performance des fröhlichen, basslastigen Songs von Sängers Lihong Wang: Zheng Wang. Rappend.

Video: Finale des Neujahrsfests

Quelle: YouTube


Die Autoren

Anna Loges (24, Kunstgeschichte), Johannes Pimpl (20, Angewandte Politikwissenschaft) und Da Xing (25, Chemie) studieren an der Albert-Ludwigs-Universität Freiburg. Am Zentrum für Schlüsselqualifikationen haben sie im Wintersemester 2011/2012 an einem Grundlagenkurs zum Thema "Online-Journalismus" teilgenommen, den die fudder-Redakteure Markus Hofmann und Carolin Buchheim angeboten haben. Diese Multimedia-Reportage ist im Rahmen dieses Kurses entstanden.

[Disclosure: Autor Da Xing hat aktiv am Fest mitgewirkt.]

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