New York loves me: Einfallslos auf die Mütze

Bernhard Amelung & Alexander Ochs

Es hat ganz schön lang gedauert, bis sich gestern etwas getan hat im Spiegelzelt, natürlich auch wegen des parallel laufenden WM-Finals. Ob das Berliner Künstlerkollektiv ihre Mischung aus Elektro-Disco und zeitgenössischer Kunst überzeugend rüberbringen konnte, haben wir überprüft.



Gnadenlos sägende Gitarrenriffs durchfluten das Spiegelzelt, mischen sich mit metallisch harten Stakkato-Beats und fiesen Bauchtritt-Basslines. Im entfesselten Tanz reißt sich manch ein Junge das T-Shirt vom Leib und schwenkt es frenetisch um Kopf und Oberkörper. Fein verteilen sich die Schweißtropfen in der Arena des Spiegelzelts. Die Jungs folgen dem Beispiel Oliver Raths, der sich, an den Plattentellern stehend, seiner einzigen Schicht Oberbekleidung schon lange entledigt hat und nur noch in hautengen Ringelhosen sowie einer „Soulful white euro guy“-Mütze auf der Bühne steht.

Irgendwann tritt er in deren Mitte, nimmt einen kräftigen Schluck Bier – oder ist es doch Wasser? – aus einer Flasche und speit diese Flüssigkeit im Zeitlupentempo auf den schwarzen Bühnenboden. Mit gespielter Ungläubigkeit und aufgesetztem Staunen blickt er dem Flüssigkeitsstrahl hinterher.

Er verrenkt, verbiegt, streckt und dehnt seinen sehnig-muskulösen Oberkörper, spielt die fallende Bewegung des Wasser- beziehungsweise Bierstrahls minutiös nach und geht zu Boden. Dort räkelt und windet er sich und präsentiert den auf ihn gerichteten Kameraobjektiven seinen Körper. Fehlt nur noch, dass er sich seiner bunt geringelten Strumpfhose entledigt. Oliver Rath erntet donnernden Applaus, gellende Schreie und schrille Pfiffe. Ein junger Mann stürzt sturztrunken an den Bühnenrand. „Ey! Geil! Geil! Geil!“, tobt er. Elektroekstase. Nach einem schleppenden Start.

Noch Stunden zuvor ist kaum ein Mensch im Spiegelzelt. Nahezu menschenleer auch das Festivalgelände. Das Finale der FIFA Fußball-Weltmeisterschaft, ausgetragen von Spaniens Selección und der niederländischen Elftal, zieht deutlich mehr Menschen an, als „New York Loves Me – Electric Disco meets Contemporary Art“, der Auftritt eines vielköpfigen Künstlerkollektivs, das sich in Berlin zusammengefunden haben soll.

Die gestrige Einfallslosigkeit der spanischen sowie niederländischen Kreativabteilungen findet sich auch im Spiegelzelt wieder. Spricht man in der Ankündigung vollmundig von „Kunstinstallationen von unter anderem Stefan Strumbel und herakut“ und verspricht, „Livemusik, bildende und darstellende Kunst zu einem einzigartigen Kulturevent“ zu verbinden, vermag man diese Einzigartigkeit noch nicht einmal durch die Brille des Wohlwollens zu erkennen.

Ein einziger Beamer wirft ein paar wenige, sich stetig wiederholende Sequenzen auf eine über der Bühne angebrachte Leinwand. Es sind die zur Genüge bekannten Strumbel-Slogans „Heimat Loves You“ und „What The Fuck Is Heimat“, welche sich abwechseln mit einer zwischen Pink und Magenta oszillierenden Maschinenpistole und einem aus der Form gelaufenen, rosafarbenen, nur anskizzierten Hasen. Später kommen noch Kreise, Drei-, Vier- und Vielecke hinzu, lineare, zweidimensionale Bildfiguren, die man auch leicht mit einer VJ Freeware erstellen kann. Wo soll da die kreative Schöpfungshöhe erreicht sein?



Zu dieser Zeit steht Oliver Rath noch aktiv an den Turntables und feuert auf die paar wenigen Besucher, die sich schon während der Final-Verlängerungszeit ins Spiegelzelt begeben haben, weniger Disco, dafür umso mehr Elektro ab.

Auch in der Folgezeit bleibt die Veranstaltung vielmehr weiß, hetero und in der Summe dem Konsensgeschmack verpflichtet. Grenzen ausloten, provozieren, subversiv sein, geschweige denn eine schwarze, schwule Subkultur zu leben – wie man bei den Begriffen (Electric) Disco und Urban- / Contemporary Art durchaus hätte vermuten dürfen – ist heute Abend nicht.

Dennoch tut das der guten und ausgelassenen Stimmung keinen Abbruch. Die Liveband entfacht eine Begeisterungsflamme, deren Feuer innert kürzester Zeit die Herzen der Besucher erfasst, sie zum Tanzen – vereinzelt gar zu Headbangs – verführt. Scheiß' auf die Kunst, it’s party time, lautet die Devise.

Anmerkung

Ein Ticket für diese Veranstaltung hatte 10 Euro gekostet. Aufgrund eines anfänglich äußerst geringen Zuspruchs, unter anderem bedingt durch das WM-Finale und wegen der ausdrücklichen und nachdrücklichen Forderung der Künstler, haben sich die Organisatoren des Zelt-Musik-Festivals kurzfristig dafür entschieden, doch keinen Eintritt zu verlangen. Wer im Vorverkauf ein Ticket für diese Veranstaltung erworben hat, erhält unter Vorlage desselben einen Leistungsgutschein in entsprechender Höhe des Eintrittspreises.   Diesen Umtausch kann man vornehmen im ZMF-Container in der Bertoldstrasse, beim Ticket-Service auf dem Festivalgelände oder auf dem Postweg unter: Zelt-Musik-Festival GmbH, Rehlingstr. 6e, 79100 Freiburg.

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Mini-Galerie: Alex Ochs

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