Neueröffnung: Alte Stahlrennräder, Fixies und Singlespeeds bei "Stahl und Wolle" in der Oberau

Marius Buhl

Ein rotglänzendes "Moser", ein rassiges "Pinarello", ein tarnfarbenes "Titan": Wer einen Sinn für schöne Stahlrahmenrennräder hat, kommt bei einem Besuch in Freiburgs jüngstem Rennradgeschäft "Stahl und Wolle Berlin" ins Schwärmen. Warum die Besitzer Opfer der Berliner Gentrifizierung wurden - und keine Hipster sind:



Der Laden

Es ist 10 Jahre her, da sprachen in Berlin nur wenige Menschen über Fixies, Singlespeeds und alte Stahlrennräder. Das Thema Retro-Bikes war was für Nerds, für echte Liebhaber. Damals, 2005, eröffneten Stefan Lokau aus Freiburg und Freundin Birgit Eppler aus Villingen in Berlin einen Fahrradladen. Er, Stefan, verkaufte alte Rennräder: Stahl. Sie, Birgit, verkaufte die passenden, selbstgestalteten T-Shirts, jedes Stück ein Unikat: Wolle. Der Laden lag direkt an der Oberbaumbrücke, die Kreuzberg mit Friedrichshain verbindet. Ein Steinwurf entfernt lag das Watergate, ein Fixie-Sprint weiter das Berghain. Die Mieten waren billig, es gab nur zwei andere Retro-Bike-Läden in Berlin: das Keirin und das Cicli Bicicletta - alle drei waren Kultläden.

10 Jahre später, im Herbst 2015, müssen Stefan und Birgit "Stahl und Wolle Berlin" schließen. Die Oberbaumbrücke ist kein Ort für Szenekenner mehr, "sie ist der Ballermann", sagt Stefan. Die Touristen kommen aus aller Welt, doch Rennräder kaufen sie an der Oberbaumbrücke immer seltener. Sie wollen saufen.

Ein Späti verdrängte das "Stahl und Wolle", sein Besitzer hat Stefans Vermieter 100% mehr Miete geboten, der hat ihn rausgeworfen. Statt Rennrädern wird jetzt Alkohol verkauft an der Oberbaumbrücke. Stefan suchte in Berlin noch einige Wochen nach einer neuen Location. Er fand nichts Gutes. Als er über Weihnachten mal wieder in seine Heimat Freiburg kam, entdeckte er das leerstehende Geschäft neben der Brauerei Ganter. Ein Modehaus für Übergröße war gerade ausgezogen, Stefan unterschrieb den günstigen Mietvertrag. Seit dem hat "Stahl und Wolle Berlin" in Freiburg eröffnet. Seine Mission ist dieselbe geblieben: Er will alte Rennräder ankaufen und stilvoll restaurieren, zusätzlichn aber auch Anlauftselle für die Reparatur der Räder sein.

Die Macher

Stefan hat in Staufen sein Abitur gemacht, danach in Freiburg gelebt. 7 Jahre war er für Orientalistik eingeschrieben, in der Uni war er nie. Dafür hat er gearbeitet: Als Kellner, als Heizungsableser, als selbstständiger Landschaftsgärtner, als Fahrradschrauber. Er organisierte Partys und war selbst gerne unterwegs. "Damals konnte man in Freiburg ja nur ins Crash, auch wenn man die Musik nicht mochte ging man dorthin. Es gab ja sonst nix." Heute sei das anders: "Es gibt das Teng, die BeatBarButzemann, das Wheit Rabbit, das sind alles tolle Läden", sagt er.

Er selbst liebt das Rennradfahren, besonders hier im Schwarzwald: "Es ist schon deutlich schöner hier als in Berlin", sagt er. Wann immer er kann steigt er auf sein Rennrad, natürlich eines mit Stahlrahmen. Dann radelt er im Flachen, auf Berge - rund um Freiburg eben.

Das Internet mag er dagegen überhaupt nicht. "Ich hatte in Berlin nie Internet, 10 Jahre lang habe ich alle Bestellungen per Katalog getätigt. Inzwischen wird das immer schwerer, die Händler lachen nur noch, wenn ich den Katalog haben will." Einen Internetanschluss hat er sich inzwischen aber dennoch angeschafft: wegen der Wohnungssuche.

Denn in Freiburg angekommen sind Stefan und Birgit noch nicht so richtig: Weil sie keine passende Wohnung finden, müssen sie pendeln. Immer nur einer von beiden ist in Freiburg, der Partner in der alten Kreuzberger Wohnung. Das soll sich so schnell als möglich ändern. "Wenn jemand was weiß...", sagt Stefan.

Die Location

Draußen, vor der großen Glasfront des Fahrradgeschäfts, rasen Autos aus dem Freiburger Tunnel, etwas näher rauschen die Radler vorbei - drinnen aber dudelt Jazzmusik aus kleinen Boxen. "Wenn meine Frau hier ist, läuft ausschließlich Techno. Sehr minimalistisch, das mag sie", sagt Stefan. Er selbst liebt jedoch den Jazz. In seiner Vor-Berliner-Zeit spielte er in Freiburg in einer Jazz-Rock-Band, sechs Mal auch auf dem ZMF.

An der Decke hängen alte Rennradtrikots, an den Wänden der Zubehör. Inmitten des Raums steht ein großer Kleiderständer, daran aufgereiht hängen die selbstgestalteten T-Shirts von Birgit. Ein kleiner, vollgeladener Verkaufstresen versteckt sich in einer Ecke, daran angelehnt steht ein wunderschönes altes Pinarello in tiefem Rot. Vor der Glasfront aber stehen die Schätze des Ladens: die Stahlrahmenräder.



Direkt nebenan braut Ganter sein Bier, hinter dem Laden ist man direkt an der Dreisam, gegenüber beginnt die Wiehre. Das merkt man besonders, sagt Stefan. "Es ist schon lustig: Immer wieder kommen Lehrer und Professoren aus der Wiehre und geben Tipps, wie man das Geschäft besser führen könnte." Stefan muss sich nach zehn rauen Berlin-Jahren erst wieder eingewöhnen im lauschigen Freiburg.

Die Räder

Ein weinrotes "Moser" mit Glanzlack, ein schweizerisches "Titan" in Tarnfarben, ein dunkelblaues "Gazelle", ein wunderschönes "Neri", ein blaue-gelbes "Olmo", ein königsblaues "Gios Torino". Die Räder im Stahl und Wolle sind allesamt Augenweiden. Was sie verbindet: der Stahlrahmen, die originale Ausstattung, die Rahmenschaltung, die aufwendige Detailarvbeit, die Stefan hineingesteckt hat. Preislich liegen sie zwischen 350 und 2000 Euro. Das käme manchen viel vor, sagt Stefan. Er orientiere sich aber an den Verkaufspreisen, die in Fachmagazinen gehandelt werden. "Mit Ebay kann ich natürlich nicht mithalten, dafür kriegt man hier die Beratung - und Ersatzteile!"

Und das eigens zusammengestellte Traumrennrad: Wer einen Stahlrahmen mitbringt, dem baut Stefan das Lieblingsrad zusammen - mit den Wunschteilen. Momentan schraubt er zum Beispiel an einem grauen Peugeot, das ein 25-Jähriger haben möchte. Der liege gut in der Zielgruppe des Geschäfts, sagt Stefan. Vor allem Menschen zwischen 20 und 45 suchten seine Hilfe.

Auch vor dem Laden reihen sich die Räder. Immer wieder bleiben Passanten stehen, besonders ein hisptereskes, blauglänzendes Fixie weckt Interesse. Stefans Lieblingsrad ist es nicht: "Wir waren in Berlin kein Hipsterladen und wollen es auch hier nicht sein. Du kannst bei uns schon ein buntes Singlespeed mit blauen Reifen bekommen, ich mags aber deutlich lieber klassisch." Stefans Lieblingsbike ist denn auch ein solcher "Klassiker": Ein Neri in einem tollen Rotton, mit weißem Lenkerband und verchromten Felgen und Ritzeln. Bekannt wurde es aus einer Werbung, in der zwei Italiener frühstücken, nebenan steht das Traumrad. Nun steht es in der orinären Ausstattung eingereiht zwischen den Verkaufsrädern, veräußern würde Stefan sein Crush-Bike aber nicht. "Ich wäre darüber in alle Ewigkeit traurig!", sagt er.



So wie er über jedes verkaufte Rad traurig ist. "Wenn ich an einem Rad herumschraube, es her richte, schön mache, dann hänge ich danach sehr an dem Bike. Ein Verkauf tut mir dann immr sehr weh."

Das Zubehör

Fixie-Ritzel, silberne Retro-Pedale, Laufräder, kleine LED-Lichter, Sattelstützen in allen erdenklichen Maßen, bunte Single-Speed-Ketten, Lenkerband, Korkgriffe, Reifen in allen Farben, ein rosafarbener Getränkehalter, 36-Loch-Rennfelgen, gelbe,grüne,blaue, rote Sättel: An den Wänden des Ladens hängt das Zubehör. Wenn der Kunde eines benötigt, das nicht vorrätig ist, kann Stefan aber natürlich auch bestellen.



Die T-Shirts

Die Shirts gestaltet Birgit, die Freundin und Geschäftspartnerin von Stefan. Sie kommen von der englischen Modemarke Continental. Birgit fotografiert dann interessante Bike-Motive und macht daraus Shirt-Beflockungen. Jedes Shirt sei ein Unikat, zudem sei die Baumwolle Bio und das Shirt fair gehandelt. Die Firma Continetal sucht sich zudem seine Kunden aus. "Wir können stolz sein, dass wir zum Kundenkreis gehören", sagt Stefan.

Die Sache mit Berlin



Einen Berliner Laden nach Freiburg zu transferieren, das berge Gefahren, sagt Stefan. "Die Freiburger mögen es nicht, wenn etwas das Prädikat Berlin trägt. Wir werden das "Berlin" deshalb aus dem Namen nehmen." Warum genau das Wort Berlin für Freiburger ein rotes Tuch sei, wisse er nicht so richtig. Man könne in Freiburg doch stolz sein auf die Stadt, die "im schönsten Landstrich Deutschlands liege." Minderwertigkeitskomplexe oder Ähnliches seien gegenüber Berlin völlig fehl am Platz, "die Städte unterscheiden sich doch viel zu stark, um sie zu vergleichen! Und außerdem kam auch viel Gutes aus Freiburg nach Berlin: die grüne Bewegung und die Solarenergie zum Beispiel!"

Und der Fahrradladen Stahl und Wolle. Aber der ist ja jetzt wieder hier.

Kontakt

Stahl und Wolle
Schwarzwaldstraße 59
79117 Freiburg
Tel: 0761/61254700  

Öffnungszeiten

Montag bis Freitag
10.30 Uhr bis 13 Uhr
14 bis 18.30 Uhr

Mittwoch
Geschlossen

Samstag
10 bis 16 Uhr

Mehr dazu:

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Fotogalerie: Marius Buhl

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