Neuer Nutz in altem Putz (3): SWR-Landesstudio

Johanna Schoener

In der Kartäuserstraße am Gewerbebach wurden einst Zwirne und Garne produziert. Heute sind es Radiobeiträge. Die Fabrikanlagen der Firma MEZ gehörten zu den größten in Freiburg, ihre Produkte wurden in alle Welt versandt. Seit 1992 sendet von diesem Bau aus, freilich in kleinerem Radius, der SWR. Warum ein tollkühner Italiener auf dem Dach der Fabrik herumfuhr, erfuhr Johanna unter anderem vom Architekten des Umbaus.



Aus Fabrik mach Funk

Wenn Ferdinand Merkenthaler von seinem Büro aus zur alten Fabrikanlage will, muss er nur einmal um die Ecke biegen. Ein paar Schritte weiter liegt dann linker Hand das Landesstudio des Südwestrundfunks. Auf die Frage, was ihm an dem umgebauten  Industriebau besonders gefalle, antwortet Merkenthaler: „Die Kantine!“ – und lacht. 

Einerseits entspricht das wohl der Wahrheit, schließlich geht der Architekt, der von 1985 bis 1992 die Fabrik ins Funkhaus verwandelte, regelmäßig zum Mittagessen in die Kartäuserstraße. Andererseits mag der damalige Planer am Ergebnis seines Umbaus natürlich nicht nur den Fisch, den er heute mit Schmelzkartoffeln und Salat serviert bekommt. „Es macht Spaß, in die Halle zu kommen und die Leute von unten auf den verschiedenen Stockwerken herumlaufen und arbeiten zu sehen“, sagt Merkenthaler und es schwingt ein wenig Stolz in seiner Stimme mit. 

Der Einbau des Lichthofs in den alten Industriebau war schon beschlossene Sache, noch bevor klar war, dass der SWR, damals noch Südwestfunk (SWF), in die Kartäuserstraße 45 einziehen würde. Im Gespräch für den Einzug waren auch das Regierungspräsidium, zwei Hotels und die Industrie- und Handelskammer. Der Funk wurde eher zufällig auf die alte Garnfabrik aufmerksam.

„Der damalige Studioleiter Wolfgang Heidenreich fragte mich zwischen Tür und Angel, ob ich einen Altbau für sein Studio hätte“, erzählt Merkenthaler. Spontan sei man gemeinsam in die Fabrik gefahren und Heidenreich sei sofort begeistert gewesen. Im Architekturbüro saß man zu dieser Zeit schon an der Entwurfsplanung, beauftragt von der Firma MEZ, einen neuen Nutzer zu finden. 

Rückblick Spinnerei

Gut anderthalb Jahrhunderte früher, 1822 in der Gerberau:  Dem 1808 in Kandern geborenen Carl Mez gelingt es, eine Seidenzwirnmaschine zu konstruieren, die es ihm ermöglicht, einen fortlaufenden Faden zu zwirnen. Nach seiner Lehrzeit erwirbt er 1834 die ehemaligen Fürstlich-Fürstenbergischen Hammerwerke in der Kartäuserstraße und beginnt dort mit der Seidenfabrikation. Seine Familie betreibt bereits vorher in Kandern Seidenbandweberei, dann wird die Produktion vollständig nach Freiburg verlegt. 

Über Generationen spinnen die Mezens ihre Fäden. Anfang des 20. Jahrhunderts gehen sie bereits aus Freiburg in alle Welt. Ein weiteres Fabrikgebäude und eine Färberei ergänzen das Betriebsgelände in der Kartäuserstraße. 1930 entsteht die MEZ AG aus den Vorgängerbetrieben „Mez Vater & Söhne“ und „Carl Mez Söhne“ unter Beteiligung des größten Garnproduzenten der Welt, der Firma Coats aus Glasgow. 

Während des zweiten Weltkriegs hängt das Schicksal der Firma selbst am seidenen Faden: Die NSDAP verbietet die Produktion von Näh- und Handarbeitsgarnen und richtet einen Rüstungsbetrieb zur Herstellung von elektrischen Waffenzubehörteilen in den Fabrikräumen ein. Am 27. November 1944 beschädigt zudem eine Luftbombe Gebäude und Maschinen stark. In den 50er Jahren vergrößert sich die Spinnerei wieder und 1987 bezieht sie ein neues Verwaltungsgebäude in Kenzingen.



Der tollkühne Italiener

„Das meiste, was an die Fabrik erinnerte, war schon weg, als wir ankamen“, erzählt Merkenthaler, „nur ein paar Akten und einige Kisten voll alter Garnrollen waren noch da.“ Innerhalb des Gebäudes weist kaum noch etwas darauf hin, dass hier einmal Verwaltung und Lager einer Fabrik waren. „Das Haus wurde praktisch entkernt“, sagt der Architekt. Außerdem sei das vierte Stockwerk so marode gewesen, dass die Etage komplett ersetzt werden musste. 

Kopfschüttelnd erinnert sich Merkenthaler daran, wie das alte Satteldach, unter dem sich ein normales Flachdach verbarg, gegen ein modernes Solardach ausgetauscht wurde: „Da gab es einen Italiener, der da oben wie ein Henker mit seinem kleinen Bagger rumgefahren ist – ohne Schutz hat er den Schutt runtergeschippt. Das war tollkühn!“ Kühn wirkt heute dagegen der 20 Meter hohe Lichthof, Herzstück des SWR-Studios: Der gläserne, blaue Aufzug, die zweizügige Treppe, die ringförmige Wegführung auf den vier Stockwerken – das Bild, das sich dem Besucher nach dem Betreten durch den neu eingebauten Haupteingang bietet, ist beeindruckend. 

Konvexe Wölbung und Klassik

„Ich freue mich jeden Tag auf dieses Haus“, sagt Uschi Kemény von der Redaktion für Öffentlichkeitsarbeit des SWR. Dabei seien viele Mitarbeiter skeptisch gewesen, als es darum ging, die gemütliche Kyburg in Günterstal gegen den stadtnahen Standort in der Kartäuserstraße einzutauschen. Dem damaligen Studioleiter Heidenreich sei es jedoch wichtig gewesen, das Haus offener zu gestalten. Heute gibt es im SWR regelmäßig Konzerte, Podiumsdiskussionen, Tangoabende und Ausstellungen. Veranstalter können den Schlossbergsaal auch mieten. Dieser gehört zu dem Gebäudeteil, der von der Schlossbergseite in die alte Fabrik eingeschoben wurde. 

Der konvex gewölbte Saal, darüber ein Konferenzraum und darauf die Aluminiumkiste des Experimentalstudios für akustische Kunst, verändern den Blick auf den ehemaligen Industriebau von der Schlossbergseite her vollständig. Auf der Seite zur Kartäuserstraße hin sei der Außenbereich weitestgehend gleich geblieben, so Merkenthaler: „Das ist eine klassische Fassade, die könnte man heute nicht besser machen.“ Nur Flucht- und Putzbalkone seien hinzugekommen. 

Mensch vor Maschine

Die 60,25 Millionen Mark teure Verwandlung der Fabrik in den Funk war für alle Planer eine Herausforderung:  Statische Teile mussten neu berechnet und nachgerüstet werden und ständig musste man auf die besonderen Bedürfnisse der Nutzung durch den Rundfunk achten. „Für die Akustiksachen wurden wir extra von Experten beraten“, erklärt Merkenthaler – im Schlossbergsaal, den Sendestudios, dem schallisolierten Raum für Hörspiele und im Experimentalstudio von immenser Wichtigkeit. All diese Räume liegen deshalb auch zur ruhigen Schlossbergseite hin, während sich Schnittplätze, das kleine Fernsehstudio und Büros zur Südseite Richtung Kartäuserstraße befinden.

„Die Pfeiler in der Eingangshalle sind übrigens noch die alten“, sagt Merkenthaler beim Rausgehen. Eindeutiger weist die kleine Gedenktafel am Eingang auf die Vergangenheit des Gebäudes hin. Sie erinnert an Carl Mez, der nämlich nicht nur den ersten fortlaufenden Faden in Freiburg spann und an der Badischen Revolution 1848 teilnahm, sondern sich auch in vorbildlicher Weise für die Rechte seiner Arbeiter einsetzte.

Er versorgte sie in einem Wohnheim, führte eine subventionierte Kantine und soziale Absicherungen wie Kündigungsfrist, Pflichtkrankenversicherung und Arbeitsverkürzungen für ältere Mitarbeiter ein. Seine Devise lautete: „Der Mensch muss höher geachtet werden, als die Materie, Ware oder Maschine.“

Vermutlich hätte es dem fortschrittlichen Unternehmer und Politiker gefallen, dass in seinem Fabrikgebäude der Faden zumindest im übertragenen Sinne wieder aufgenommen wurde: Am 30. Juni 1992 ging die erste SWR-Sendung vom neuen Standort aus über den Äther.

[Bilder im Text: Quelle Augustiner-Museum via BZ-Archiv, SWR-Archiv]

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