Neuer Nutz in altem Putz (1): E-Werk

Johanna Schoener

Tanzen in der "elektrischen Centralstation", Schauspiel im Schwimmbad, Kino im Bahnhof – nur drei Beispiele, wie alte Gebäude in Freiburg neu genutzt werden. Es herrscht Gegenwartsalltag in geschichtsträchtigen Mauern und oft weiß man kaum etwas über ihre Vergangenheit. Über die haben wir uns erkundigt. Die erste Folge dieser neuen Serie startet im E-Werk.



Elektro früher und heute

Das „E“ in „E-Werk“ könnte für elektronische Musik stehen, schließlich treffen sich regelmäßig Freiburgs Nachtschwärmer im Foyer zur Elektrolounge. Oder für die vielen unterschiedlichen Ensembles, die im großen Saal auftreten, seien es Theatergruppen oder Musiker. Tatsächlich weist das „E“ natürlich darauf hin, dass hier im früheren Dampfkraftwerk das elektrische Zeitalter in Freiburg eingeläutet wurde. 

Kurz vor der Wende zum 20. Jahrhundert fassten Freiburgs Stadtväter den Plan, „die Electricität zum wahren Gemeingut zu machen“. Im Vortrag des Stadtrats war zu lesen, dass „unser Zeitalter durch das Streben charakterisiert ist, die Natur in immer vollkommenerem Maße den menschlichen Bedürfnissen dienstbar zu machen.“ Recht hatten sie, denn obwohl die Gasversorgung in der wachsenden Stadt ab den 1870er Jahren gewaltig ausgebaut worden war, wurde der Ruf nach einem eigenen Elektrizitätswerk immer lauter. Gründe waren das steigende „Licht- und Kräftebedürfnis“ der Universität und die geplante Einrichtung der Städtischen Straßenbahn. Eine Umfrage der Stadtverwaltung 1899 ergab zudem einen Bedarf von mehr als 20.000 Glühlampen in Freiburg. 

Es werde Licht

Am 8. Mai 1899 fällte der Bürgerausschuss den Entschluss: Freiburg sollte auf dem Gelände neben der Gasanstalt im Stühlinger ein in städtischer Regie betriebenes Elektrizitätswerk bekommen. Beauftragt wurde die Firma Siemens & Halske (Berlin), die Gesamtkosten beliefen sich auf 2 175 000 Mark. Weil die in Frage kommenden Wasserkräfte in der Umgebung zu klein waren, entschied man sich für eine reine Dampfkraftanlage

Dann ging alles ganz schnell: 1900 begannen die Bauarbeiten und bereits 1901 wurde die Maschinenhalle fertiggestellt – ein reiner Zweckbau und dennoch geschmückt mit Ornamenten des Jugendstils und der Gründerzeit. Der religiöse Charakter der neuen Technikbegeisterung spiegelte sich in der kathedralen Architektur damaliger Industriebauten wider, so auch im Freiburger E-Werk.

Bereits am 1. Oktober 1901 begann das Werk Gleichstrom zu produzieren. Im ersten Jahr flossen 61 Prozent der 177 000 kWh in die Straßenbahn, die, bis sie 1933 eine eigene Direktion erhielt, mit dem Elektrizitätswerk vereint war.



Pannen und Dornröschenschlaf

Die Nachfrage nach Strom stieg sprunghaft. Schon bald reichten die drei Kohlendampfmaschinen, die je einen Generator antrieben, nicht mehr aus. Der Maschinenpark musste erweitert und die Halle um 30 Meter verlängert werden. Der Ausbau verlief nicht ganz reibungslos. Eine 1905 aufgestellte Dampfturbine verbreitete so starke Schwingungen, dass sie zwei Häuser in der Nachbarschaft abrissreif beschädigte. Dazu kamen Kabelbrände. Die Kapazitäten des Werks waren ausgeschöpft und 1912 schloss man einen Vertrag über den Anschluss an die Oberrheinischen Kraftwerke AG ab.

Das E-Werk bezog den Strom von nun an von auswärts und wurde nach der Aufgabe der eigenen Stromproduktionen stark umgebaut und mit zusätzlichen Anbauten ergänzt.

Nach dem zweiten Weltkrieg stieg der Stromverbrauch in Freiburg weiter an. Der Bedarf erforderte ein Hochspannungsnetz. Die Umspannung der benötigten Leistungen musste aus technischen Gründen an mehreren Punkten der Stadt erfolgen und verlangte größere Leistungen, als sie die Anlage im Stühlinger bieten konnte. In den 1950er Jahren wurde das Kraftwerk vom Netz genommen. Maschinen und Kohlekeller hatten keine Funktion mehr und fielen in einen Dornröschenschlaf.

Kultureinzug

Lange Jahre lag das Gelände in der Ferdinand-Weiß-Straße brach, bis 1989 Künstler das alte Dampfkraftwerk entdeckten und als Verein „Projekt E-Werk Freiburg“ einzogen. Ein paar Jahre später stieß der Verein Arbeitskreis Alternativer Kultur (AAK) hinzu, in dem sich darstellende Künstler organisierten und der als Kulturveranstalter für freie Gruppen auf der Suche nach Räumlichkeiten war. Vor kurzem verschmolzen die Vereine im übergeordneten Trägerverein „E-Werk Freiburg e.V.“. 

„Wo früher aus Kohle Strom gemacht wurde, wird heute aus Kunst Kohle gemacht – hoffentlich genug zum Weitermachen – denn auch die Kunst lebt nicht von Luft allein.“, schrieb einmal Hans Vetter als Vorstandsmitglied der Freiburger Energie- und Wasserversorgung anlässlich einer großen Ausstellung im E-Werk. Das ist zweifellos wünschenswert, aber nicht immer einfach, weiß Wolfgang Herbert, stellvertretender Geschäftsführer des Kulturhauses: „In so einem historischen Haus lebt man oft mit Provisorien. Umbauten sind teurer, dauern länger und alles ist nicht so perfekt.“

Mit dem Einzug des AAK waren zahlreiche Renovierungen verbunden: Der Veranstaltungssaal wurde ausgebaut und ist heute Herzstück des E-Werks, im hinteren Bereich brachte man Künstlergarderobe und Technik unter. Außerdem wurden Heizung und Lüftung installiert und der Eingang zur Eschholzstraße sowie ein Notausgang eingerichtet. Das heutige Foyer war ursprünglich in mehrere Räume unterteilt, die zu den Werkhallen gehörten. Sie wurden verbunden und eine zweite Ebene für Büros eingezogen.



Relikte der Vergangenheit

Beim Spaziergang durchs E-Werk stößt man schon im Foyer auf Überbleibsel seiner Vergangenheit. Eine Drehbank ist zur Bar umfunktioniert worden, ein Schaltplan ist nun Schmuck- statt Kontrollstück an der Wand. Geht man im Keller auf Toilette, erinnert ein alter Kompressor daran, dass hier früher Rauchkanäle und Aschenbahn zur Stromproduktion beitrugen. Während im Veranstaltungssaal nur noch wenig auf das frühere Kesselhaus mit seinen Wasserröhrenkesseln hindeutet, ist in der heutigen Bildhauerhalle die Vergangenheit des Maschinenhauses deutlich spürbar.

In dem hellen, luftigen Bau, wo die Betonierung auf dem Boden noch auf die Stellplätze der Maschinensätze hinweist, haben elf bildende Künstler ihre Atelierplätze eingerichtet. Die Giebelwände sind von großen Fenstern durchbrochen, was den Arbeitern damals reichlich Oberlicht verschaffte – so den Künstlern heute. Der riesige, dreizehn Fensterachsen lange Raum ist mit Sicherheit das größte und schönste Bildhaueratelier in Freiburg. Praktisch für die Künstler ist der historische Laufkrahn.

Lassen sie sich zum Beispiel Stahl anliefern, können sie ihn mit dessen 10 000 Kilogramm Tragfähigkeit von draußen bis in jeden Winkel der Halle transportieren. Während das E-Werk außen viele Ornamentierungen, die es zusammen mit der historischen Ochsenbrücke zu einem Jugendstilensemble machte, einbüßen musste, ist das ehemalige Maschinenhaus mit seinem sichelförmigen eisernen Dachstuhl wunderschön mit gotischen Fensterbögen geschmückt.

Der Kabelkeller unterm Maschinenhaus heißt heute Pfeilerhalle. Die zahlreichen weißen Pfeiler, die während der Laufzeit des Dampfkraftwerks nachträglich eingebaut wurden, um die schweren Maschinen von unten abzustützen, sorgen heute für ganz eigene Auf- und Abtrittssituationen der Theater- und Tanzsstücke, die dort aufgeführt werden. 



Strom für alle, Kunst für viele

30 bildende Künstler, die Freiburger Jazz- & Rockschule, die Tanzschule BewegungsArt, die Schauspielschule, das Kammertheater Kiew, das experimentelle Theater „Die Schönen der Nacht“, der ehemalige AAK und viele Gäste – sie alle sorgen dafür, dass in der „elektrischen Centralstation“, die einst die ganze Stadt mit Strom versorgte, der Betrieb auf andere Weise weitergeht.

„Es ist günstiger alte Räume zu nutzen, aber es ist auch die Lust am Nutzen alter Räume und die Notwendigkeit, sie zu bewahren“, sagt Wolfgang Herbert. Es sei eine künstlerische Qualität, die Bedeutung der Räume mit einzubeziehen, „sie schaffen eine eigenartige, eigensinnige, einmalige Atmosphäre“. Auch dafür könnte das „E“ in E-Werk stehen.

Galerie

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[Das historische Bild zeigt die Maschinenhalle 1914, Quelle: Stadtarchiv]