Erinnerungen

Neu entflammt: Eine Liebeserklärung an Fußball im Lockdown

Johannes Breuninger

Wenn die Nachrichten regelmäßig Negatives berichten, dann ist der Spieltag sein Anker: fudder-Autor Johannes Breuninger hat im Lockdown seine Liebe zum Fußball im Fernsehen wiederentdeckt. Und er klärt auch warum.

Ich hatte im Verlauf meines kurzen Lebens schon verschiedene Beziehungen zum Fußball: sie waren kindlich-naiv, jugendlich-aufbrausend, oft innig, zuletzt immer kühler, aber selten waren sie so intensiv wie während des Lockdowns. Nun will ich versuchen zu beschreiben, wie mich eine alte Leidenschaft aufs neue überrascht.

Vielleicht zu oft ist der Satz von Nick Hornby zitiert worden, den ich hier noch einmal bemühen möchte:

"Ich verliebte mich in den Fußball, wie ich mich später in Frauen verlieben sollte: plötzlich, unerklärlich, unkritisch und ohne einen Gedanken an den Schmerz und die Zerrissenheit zu verschwenden, die damit verbunden sein würden." Meine gegenwärtigen Fußballgefühle kommen dem nahe, aber es ist nicht so, als fühle ich mich einfach verliebt: ich fühle mich nahezu neu verliebt, in den Fußball und wie manch einer bei neuer Liebe empfindet, kommen die alten Erinnerungen, die man an die erste Liebe hatte, wieder auf. Ganz erstaunt stelle ich Ähnlichkeiten fest: sie basieren auf einer verkappten Gemeinsamkeit, aber dazu bedarf es eines kleinen Blickes in meine Sozialisation als Fan.
Fußball während Corona: Freiburger Fans im Einsamstadion (I)

Diese erste Liebe liegt 19 Jahre zurück. Sie hat mit einem hechtenden Oliver Kahn in Japan und Südkorea zu tun. Und mit jungen Stuttgartern, in viel zu weiten Trikots nach heutigen Maßstäben. Das sind tiefe Erinnerungen, versehen mit der Unschuld meiner kindlichen Brille, in der der Weg von meiner Lego-Polizeistation zu einem Tor von Kevin Kuranyi in der Sportschau am frühen Samstagabend kein weiter ist. Aber der entscheidende Begriff in diesem Absatz ist nicht Kahn oder Kuranyi – es ist Sportschau.

Meine Fan-Biographie beginnt vor dem Fernseher

Denn anders als viele Fan-Biographien - unter anderem die von Nick Hornby - beginnt meine nicht im Stadion, sondern vor dem Fernseher. Das Stadion war damals eine ferne, unerreichte Welt, die sich wie so viele Wunder für mich allein im Fernseher abspielten und mit meinem Leben nichts zu tun hatte. Die Dauerkarte, die Auswärtsfahrten, die Reisen um mir auf der Welt Spiele anzuschauen, kamen für mich erst viel später. Das Stadion verdrängte den Fernseher fast vollständig.
Fußball während Corona: Was bleibt neben dem Platz? (II)

Diese erste Liebe hielt lange, ich würde sogar sagen, sie hielt bis die Stadien leer wurden, aber sie wurde weniger. Meine Dauerkarte in Stuttgart hatte ich schon lange nicht mehr, das Studium hatte mich nach Freiburg geführt und mit dem SC hier fremdelte ich. Aber es war nicht nur der SC, vielfach kam dem Fußball etwas abhanden. Die oft zitierte Unmittelbarkeit, Fannähe, Entrückung hatte sich auch bei mir breit gemacht und als der Fußball vor einem Jahr endete, da vermisste ich ihn schon gar nicht mehr.

Gesegnet mit einem Zugang in die Wunderwelt des Pay-TV

Mit all dem gesagten, konnte ich nur pessimistisch sein, als es dann losging, im Mai mit den Geisterspielen. Die Chance ins Stadion zu gehen bestand in keiner Weise mehr. Die einzige Möglichkeit, Fußball zu schauen, war ein Bezahlsender, der über den geliebten Sport berichtet, aber durch dessen Berichterstattung nichts vom geliebten oder bekannten bis in mein Zimmer schwappte. Kein Gang zum Stadion, kein Rauch der Zigarette des Nebensitzers, keine Menschen am Straßenrand, die einen Stand mit unzähligen Fanschals zum Verkauf aufbauten, nichts von dem aufgeregten Gewusel, der akzeptierten, ja gewollten Ausgelassenheit, die einem jeden Stadionbesuch innewohnt.
Fußball während Corona: Wird die Nord noch einmal beben? (III)

Was bietet mir der Fußball nun stattdessen? Dank meines Vaters bin ich gesegnet mit einem Zugang in die Wunderwelt des Pay-TV und sehe einen bizarren Kontrast: die Stadien sind mir von innen wohlbekannt und ich erinnere mich an die Plätze, die ich an diesen leeren Orten eingenommen habe. Ich weiß noch um das Raunen, dass das Rund erfüllte, wenn der Ball schnell in den Laufweg eines frei stehenden Stürmers geschlagen wird. Stattdessen hört man nur die Rufe der Spieler und Trainer, auf die ich mir versuche einen Reim zu machen und nach Toren bin ich verwundert über die erklingende Tormusik.
"Ich weiß noch um das Raunen, dass das Rund erfüllte, wenn der Ball schnell in den Laufweg eines frei stehenden Stürmers geschlagen wird."

Es folgt eine werbeüberflutete Halbzeitpause, voll mit Versicherungen und Vermögensberatungen, deren Zielgruppe sicher nicht durchschnittliche Studierende ist. Gekrönt von einer Talk-Runde, die zwar Analyse genannt wird, aber in der nur Floskeln über Spielverläufe in fränkischem Akzent erklingen. Nach der Halbzeitpause geht das Bild zurück ins Stadion. Ich bin fast positiv überrascht, dass Sky dieser Übergang gelingt, denn alles davor ist vom meinem Fußball so weit entfernt, wie die Aussicht auf Lockerung der Lockdown-Maßnahmen. Alles ist furchtbar steril.

Die gleiche Unerreichbarkeit

Vielleicht brauchte es diese Entfernung, ja Degenerierung für mich, um das jetzige Produkt für mich zu finden und anzunehmen. Und es kam, denn es hatte ganz viel von damals: die Trikots von heute sind zwar eng und körperanliegend, aber die Perspektive hat die gleiche Unerreichbarkeit. Das Spiel im Fernsehen fängt mich ein. Zähneknirschend stimme ich Christian Seifert zu, wenn er sagt, die Bundesliga kann noch immer, selbst so, einem Halt geben. Es liegt sicher auch an der Stuttgarter Mannschaft, die leider gerade jetzt so ansehnlichen Fußball spielt, dass ich mich auf den Spieltag freue, ihn herbeisehne, in der so ereignisarmen Woche. Ich habe eines meiner liebsten Gesprächsthemen wieder zurück.
"Wenn die Nachrichten beständig furchteinflößendes vermelden, dann ist der Spieltag mein Anker."

Denn der Fußball stillt dann auch meinen Durst nach positiven Nachrichten. Auch wenn das letzte Wort in Anführungszeichen zu setzen ist. Denn was wiegt die Aussicht auf einen schnellere Genesung des besten Stürmers meiner Mannschaft, sodass er vielleicht bis zum nächsten Spieltag fit wird, gegen das Trauma, das mich mit dem Spiegel-Online-Header über das jüngste Infektionsgeschehen erwartet? Natürlich nichts - rational gesehen. Wenn die Nachrichten beständig furchteinflößendes vermelden, dann ist der Spieltag mein Anker, er geht weiter, kommt wieder und ich erwische mich dabei, wie ich schon Dienstag an Samstag denke.

An die Verantwortlichen dieses Produktes sei gesagt: ihr verdient Geld mit der Leidenschaft vieler und auch meiner. Trotzdem, was alles um den Fußball herum passiert, was vielen und mir die Lust am Spiel streitig macht. Aber Euer Produkt, es ist wertvoll. Ich würde mir wünschen, ihr nehmt es ernst, dass kaum ein Gespräch über Fußball mehr ohne dieses trotzdem auskommt. Aber die Gegenwart zeigt mir, wie viel Schmerz und Zerrissenheit aber vor allem Leidenschaft ich noch für den Fußball aufwenden werde. Gerade im Lockdown, in langen Momenten, wenn ich den Geruch der Zigarette meines Nebensitzers vermisse.

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