Aufklärung von Akne bis Zungenkuss

"Nacktfotos nichts Ungewöhnliches"

Sonja Zellmann

Erste Liebe und die Entdeckung der Sexualität finden wie so vieles für Jugendliche längst nicht nur analog, sondern auch im Internet statt. Das bietet Chancen, birgt aber auch Risiken.

Darüber hat Sonja Zellmann mit der Sexualpädagogin Silke Grasmann und der Medienpädagogin Sabrina Maroni gesprochen. Beide sind Fachreferentinnen der Aktion Jugendschutz, Landesarbeitsstelle Baden-Württemberg, in Stuttgart und haben zu dem Thema kürzlich in Freiburg eine Fachtagung abgehalten.




BZ: Was genau machen die Jugendlichen, Liebe und Sexualität betreffend, im Netz?

Grasmann: Das Internet ist heute ein enorm wichtiger sozialer Erfahrungsraum für die Jugendlichen, auch in Sachen Liebe und Sexualität. Sie können online einerseits gute Aufklärungsmaterialien zur sexuellen Bildung finden, die ihnen in ihrer psychosexuellen Entwicklung weiterhelfen. Diese suchen sie auch und das ist ganz normal. Andererseits können sie aber natürlich auch an irritierende Phänomene geraten, für die sie aufgrund ihrer Entwicklung noch nicht bereit sind, die sie als unangenehm empfinden, die sie nicht einschätzen können. Wir von der Aktion Jugendschutz wollen helfen, die Jugendlichen zu befähigen, diese Risiken gut überblicken zu können.

BZ: Zum Internet gehören ja auch die sozialen Medien und die Kontaktaufnahme mit neuen Leuten...

Grasmann: Klar, die Jugendlichen nutzen alle bekannten Messenger, Instagram und so weiter, um miteinander zu kommunizieren, in Kontakt zu treten und Bilder und Nachrichten zu versenden – auch mit sexuellen Inhalten.

Maroni: Die Beziehungspflege funktioniert heute ganz stark über diese Kanäle. Man hat dort ja auch viele kreative Möglichkeiten, seine Zuneigung zu jemandem auszudrücken. Das muss nicht gleich das Versenden eines Nacktfotos über Whatsapp sein, obwohl das heute nichts Ungewöhnliches ist. Man kann sich auch über Emojis, über eine digitale Fotocollage oder schön formulierte Textnachrichten – kleine Liebesbriefe – ausdrücken.

BZ: Welche Risiken beziehungsweise "irritierenden Phänomene", wie Sie es zuvor nannten, Frau Grasmann, können den Jugendlichen im Netz begegnen?

Grasmann: Das sind zum Beispiel Sexting, Cybermobbing, Cybergrooming, Sextortion und natürlich pornografische Inhalte. Sexting ist das Versenden und Empfangen freizügiger Bilder und Videos, die zwar oft in gegenseitigem Einverständnis zum Flirten genutzt werden, über die der Sender nach dem Abschicken aber keine Kontrolle mehr hat. Immer wieder passiert es, dass solche Inhalte dann an Kumpels oder gar an eine ganze Whatsapp-Klassengruppe weitergeleitet werden, was übrigens auch strafbar sein kann. Mit Cybergrooming bezeichnet man die sexuelle Belästigung Minderjähriger durch Erwachsene übers Netz. Sextortion ist eine besonders perfide Form sexueller Übergriffigkeit: Ein Unbekannter sucht online Kontakt, täuscht sexuelles Interesse vor, erbittet intime Fotos und nutzt diese dann, das Opfer zu erpressen: Entweder du überweist mir Geld oder ich veröffentliche das Material.



BZ: "Block, stop, tell!" – blockieren, beenden, darüber sprechen – diese Empfehlung geben Sie Jugendlichen, wenn sie im Internet von Fremden angemacht werden, oder wenn jemand ein intimes Foto von ihnen haben möchte. Auch sollten die Kids ihre Kontakte kritisch auswählen. Das klingt gut, aber klappt das denn? Können die Jungs und Mädchen so vernünftig handeln, wenn Gefühle involviert, sie zum Beispiel verliebt sind?

Grasmann: Wenn Fachkräfte in Schulklassen beispielsweise über die Risiken des Sexting sprechen, macht das die Jugendlichen in der Regel sehr betroffen und nachdenklich. Sicher ist, das hat eine Studie der von der EU-unterstützten Initiative Saferinternet.at gezeigt, dass Jugendliche durchaus über das Gefahrenpotential Bescheid wissen. Ihnen ist bewusst, dass da was richtig Blödes passieren kann, wenn sie nicht aufpassen. Doch ob sie in verliebtem Zustand, in der konkreten Situation, dann wirklich vorsichtig handeln, ist schwer zu sagen. Wenn die Kinder in die Pubertät kommen, erleben sie vieles zum ersten Mal und müssen ihre Erfahrungen machen. Nicht jede läuft gut ab. Die Kids schrammen immer wieder Risikobereiche, das gehört zum Erwachsenwerden ein Stück weit dazu. Das bringt uns Erwachsene in einen Spagat: Wir müssen vor den Gefahren warnen, gleichzeitig dürfen wir aber nicht alles verbieten und vermiesen und sollten noch genug Freiraum für Erfahrungen lassen.
Zur Person

Silke Grasmann (44) ist Diplom-Sozialarbeiterin und Fachreferentin für Sexualpädagogik und die Prävention von sexualisierter Gewalt. Sabrina Maroni (32) ist Sozialarbeiterin und Medienpädagogin sowie Fachreferentin für Jugendmedienschutz und Medienpädagogik. Beide arbeiten für die Aktion Jugendschutz, Landesarbeitsstelle Baden-Württemberg.

BZ: Wie sollten Eltern mit der Thematik umgehen? Was raten Sie?

Grasmann: Eltern können, wie wir Berater, versuchen, präventive Botschaften zu verbreiten: Hör auf dein Bauchgefühl, überlege, wie du mit anderen umgehst, und ob du willst, dass die mir dir auch so umgehen. Vertraue dich jemandem an, wenn was schiefgegangen ist. Eltern sollten immer wieder Gesprächsangebote machen und darauf achten, mit den Jugendlichen in Kontakt zu bleiben. In Bezug auf Internet und Smartphone bedeutet das nicht, alles haarklein zu wissen, aber zumindest einigermaßen den Überblick zu haben. Wichtig ist, den Kindern zu signalisieren: Ich halte aus, was du mir eventuell mitteilen wirst. Du wirst nicht gleich mit Strafe belegt, hast keine drastischen Konsequenzen zu befürchten.

Maroni: Eltern sollten am besten schon im Vorfeld darüber nachdenken, wie sie vorgehen wollen, falls tatsächlich etwas vorfällt, und dem Jugendlichen nicht als überschnelle Reaktion das Handy entziehen. Das große Glück ist ja in einem solchen Fall, dass sich das Kind anvertraut hat, dass es sich getraut, sich zu öffnen. Dass die Beziehung so stabil ist, ist für die Eltern der Gewinn. Das Handy wegzunehmen, das essentiell ist für den Jugendlichen, bricht diese Vertrauensbasis eher – er oder sie reagiert beim nächsten Mal dann vielleicht anders, zieht sich zurück.

Grasmann: Was den allgemeinen Handygebrauch angeht, ist auch wichtig, dass sich Eltern ihre Vorbildfunktion bewusst machen. Denn die Kinder bekommen sehr wohl mit, wie und wie oft Mama und Papa ihr Smartphone nutzen und wo eine Diskrepanz zwischen dem besteht, was sie selbst tun, und dem, was sie von den Kindern verlangen. Insgesamt ist der Umgang mit den Online-Aktivitäten der Kinder immer individuell zu lösen. Es gibt kein generelles Richtig oder Falsch, sondern es kommt auf das Kind und seine Beziehung zu den Eltern und Bezugspersonen an. Essentiell ist, dass die Kids medienpädagogische Grundlagen kennen und ihrem Alter entsprechend sexuell aufgeklärt sein sollten.

BZ: Das ist ein gutes Stichwort. Sie haben anfangs auch von den Chancen gesprochen, die das Internet in Sachen sexuelle Aufklärung bietet. Inwiefern?

Grasmann: Eine Chance ist sicherlich die Barrierefreiheit im Netz: Dass man unabhängig von Zeit und Ort an wichtige Informationen kommen kann, dass man Fragen zum Thema Sexualität anonym und ohne Scham stellen kann. Auch und gerade zu Nischenthemen wie Homosexualität. Das kann einem verunsicherten queeren, also nicht heterosexuellen, Jugendlichen enorme Sicherheit verschaffen. Diese Kinder haben es ja durchaus immer noch schwerer – allein erstmal für sich selbst einzuordnen, was los ist, weil es nicht so viele Rollenvorbilder gibt, von denen sie sich etwas abgucken können. Diese Chancen des Internets sind hier nicht zu unterschätzen, gerade für Jugendliche auf dem Land, die niemanden haben, an den sie sich wenden können, die auch nicht zur örtlichen Beratungsstelle gehen wollen, denn jeder kennt jeden... Ich habe lange bei einer Online-Beratung gearbeitet und erfahren, wie sehr die psychische Belastung sinkt, wenn sich Jugendliche – auch schriftlich – anvertrauen können. Bei Fragen, die über die richtige Einnahme der Pille oder eine Erstorientierung hinausgehen, ist es dann aber natürlich oft wichtig, dass die Beratung in der analogen Welt weitergeht.

BZ: Beginnen heute viele Jugendliche über Internetplattformen oder soziale Netzwerke eine Liebesbeziehung?

Maroni: Das hängt davon ab, wie man eine Beziehung bewertet. Wir Erwachsenen tendieren oft dazu, Online-Kontakte abzuwerten, nach dem Motto: Das kann ja keine richtige Freundschaft sein, wenn man sich nicht im wirklichen Leben kennt. Zahlen habe ich keine, aber es gibt immer wieder Jugendliche, die zum Beispiel dasselbe Interesse für ein Online-Spiel haben, sich im zugehörigen Chat kennenlernen, Gefühle füreinander entwickeln und dann sagen, sie sind zusammen, obwohl sie sich noch nie gesehen haben. Auch über den Kommentarchat bei Instagram finden sich häufig Freundschaften. Für die Jugendlichen haben diese Beziehungen eine Qualität, die wir ebenso anerkennen müssen, wie dass manchmal gar kein Interesse daran besteht, sich im realen Leben kennenzulernen – obwohl es das natürlich auch gibt. Oft liegen ja viele Kilometer zwischen dem Paar. Es ist dann eine Art romantische Brieffreundschaft.
Beratung und Aufklärung im Internet

  • www.jugend.support – Vermittlung von Beratung bei Stress im Netz
  • Cyber-Mobbing-Erste-Hilfe-App gratis im App- und im Playstore
  • Youtubekanal Jungsfragen – auch für Mädchen gut geeignet: Antworten zu Fragen über die Pubertät und alles was "untenrum" angeht