Nachbetrachtung: Schweiz–Honduras in Basel

Clemens Geißler

Die Nati der Schweiz hat das Turnier mit einem Paukenschlag eröffnet. Was gegen Spanien so vielversprechend anfing, fand am Freitag gegen Honduras ein jähes, unschönes Ende. Clemens mit einer Reportage aus Basel, wo die öffentliche Wahrnehmung von Fußball eine eher untergeordnete Rolle zu spielen scheint.

 

Die Info eines von angeblich fünfzehn „Großleinwand“-Spots rund um den Rhein lautet so:  
Für Biergartenfans: "Unser Biergarten" am Klingentalgraben 33 überträgt alle WM-Spiele live. Jeweils 30 Minuten vor Spielbeginn wird der Zapfhahn in Betrieb genommen. Bei Halbfinal- und Finalspielen gehts ab 18.00 Uhr los.

Dummerweise notieren wir statt Klingentalgraben Klingetalstraße und wundern uns erstmal, warum bei selbiger die Hausnummer 53 fließend in die 11 übergeht. Dazwischen nur eine private Kleinklinik mit 70er-Jahre-Charme, passenderweise spezialisiert auf Ophthalmochirurgie, denn dass wir was an den Augen haben, glauben wir bereits zu diesem Zeitpunkt. Statt einladendem Public Viewing irren wir irgendwo zwischen Hochhaussiedlungen und Rotlichtviertel umher – Durst und Harndrang stark ansteigend.

Nun, der Weg führt uns dann bald vorbei an den all den grandiosen Spots, an denen wir schon die EM 08 verfolgten. Kaserne, Rheinufer, aber von rotweißen Menschenaufläufen keine Spur: Der Kasernenplatz sprichwörtlich leergefegt, am Rheinufer promenieren Pärchen und einzelne, verstreute Eidgenossen, die ähnlich planlos umherzulaufen scheinen wie wir.

Vielleicht geht ja rund ums Münster was? Nö, hier ist Baustelle und ansonsten – Leere! Kann es denn wirklich wahr sein, dass Basel beim entscheidenden Spiel einer WM, dazu noch an einem Freitagabend, keine einzige halbwegs gescheite größere Übertragung hinbekommt? Die Polizistin, die man irgendwie immer fragt, wenn man keine Ahnung mehr hat,  scheint das zu bestätigen: „Draußen bei St. Jakob“ wäre was, aber das sei nur mit dem Vierzehner zu erreichen und „ansonschde halt die ganze Baize hier, odder?“ An einem dieser Straßencafés zwischen Barfüßerplatz und Heuwaage schlagen wir schließlich auf. Es hat den eingängigen Namen „Zem Stain Lemer“ und ist mit rund 40 eingefleischten Schweizern gefüllt.

Die Zapfanlage stockt anfangs etwas, aber man überbrückt die Wartezeit mit Hinweisen an die Kleiderordnung: „Hey, Cholläg, musch d‘ Schwizzer Flogge scho umhänge, odder? Odder, wenn de se scho debie hesch, musch se au umhänge, odder?" Der Fan vor uns steht zur Hymne auf und singt leidenschaftlich, aber dafür nicht immer textsicher mit. Kurz nach Spielbeginn freilich kühlt sein Pathos merklich ab, beschäftigt er sich doch die nächsten zehn Minuten damit, seine Duftsäckchli-Mischung in einem Zwanzig-Franken-Schein anzusetzen. Dazwischen lässt er zweimal sein Feuer fallen, schenkt sich aus mitgebrachten Feldschlösschen-Dosen in sein Glas nach und wirft bis zur Halbzeit weitere drei Mal eine Büchse um.



Hinter uns auf dem Trottoir stehen die Massen mittlerweile dicht gedrängt, trinken Feldschlösschen oder Chlöpfer und murmeln immer wieder was von „Ah, c’est dangereux“. Eine Atmosphäre irgendwo zwischen Straßenfest und Campingplatz und nebenher wird ein bisschen Fußball geschaut.

Ohnehin ist es für ein spannungsgeladenes Mitverfolgen des Kicks wenig zuträglich, dass das Café gegenüber dem ganzen Geschehen etwa fünf Sekunden voraus ist. Während also von drüben schon die ersten „Oh“s, „Ah“s und „Schade“s erklingen, dümpeln die Helvetier auf  unserer Glotze noch irgendwo im Mittelfeld herum. Da wir uns mittlerweile gefühlte Lichtjahre vom Badischen Bahnhof entfernt haben, entscheiden wir uns zur Halbzeit für einen Ortswechsel.

Unterwegs ein gemischtes Bild: Zum Teil leergefegte Gassen, Schnapsleichen, die vor Bauwagen liegen, dann aber wieder gut besuchte Außenflächen, ohne dass man dort ein Spiel zeigen würde. Noch merkwürdiger wird es, als wir zufällig am Innenhof-Summer-Swing vorbeikommen und feststellen, dass dies die größte Menschenansammlung ist, die wir heute sehen. Fast überflüssig zu erwähnen, dass man auch hier kein Fußball zeigt, sondern stattdessen die Riehener Stadtkapelle aufspielt. Wir landen schließlich im „Fair and Square“, eine Kneipe etwa auf  halbem Weg zwischen Rheinufer und Bahnhof und mit farbenfrohem Toilettenarrengement. Die Stimmung hier ist schon leicht aggro: „Gottverdammi, lauf doch widder, du Hureröckli“ schreit man an den Bildschirm hin, als Nkufo reklamiert, anstatt seinen wenigstens halbwegs aussichtsreichen Vorstoß fortzusetzen.

Auch in der Folge bleibt „Gottverdammi“ die häufigste Phrase neben „Nünnsächzig“, dem Standardtarif für zwei Bier. Die Spanier führen mit 2-1, sodass der Schweiz zwei Tore fürs Achtelfinale fehlen. Es bahnt sich Tragisches an: Die Schweiz, die noch im ersten Spiel sensationell Spanien schlug, ist nun drauf und dran, über Honduras zu stolpern.



Ist das der Schweizer Fluch? Seit der WM 94 nur ein einziges Gegentor kassiert, 2006 mit 0-3 im Elfmeterschießen an der Ukraine gescheitert, 2008 bei der EM im eigenen Land durch ein türkisches Tor in der Nachspielzeit bereits am vierten Tag des Turniers ausgeschieden. Und nun wieder?

Für Thomas, einen FC Basel-Fan in den vierziger Jahren, steht die Antwort bereits nach einer Stunde Spielzeit fest: „Natürlich fliegen sie raus“, weil Hitzfeld „keine lässigen Spieler“ einsetzt. „Mir brauchet junge Spieler wie de Shaqiri vom FC Bosel, odder? So wie Düttschland, die hänn ä lässige Truppe beinand!“ Und was fehlt den Schweizern noch? Thomas verweist auf den FC Basel, wo der deutsche Trainer Torsten Fink das Double – Meister und Pokalsieger – holte. Dieser habe gleich zu Beginn seiner Tätigkeit gesagt, alle Pokale würden in Zürich stehen und man müsse sie sich zurückholen. Und das habe er dann auch „mit alemannischer Gründlichkeit“ gemacht (Anmerkung: Fink kommt aus Dortmund). „Mir in Bosel sinn eh alli Alemanne wie d‘ Friburger odder d‘ Elsässer. Mir sinn keini Schwizzer, d‘ Schwizz fangt erschd noch em Belchetunnel a.“ Außerdem müsse man mehr riskieren, gerade in so einem entscheidenden Spiel. Wenn ein 0-0 nicht reiche, müsse man „alles neihaue, was goht“.

Er wünscht uns noch viel Glück fürs Achtelfinale und verabschiedet sich mit der Prognose, dass wir am Sonntag „d‘ Ängländer chlopfe“ und es danach für den WM-Titel „nurmehr Düttschland odder Brasilie“ gebe. Die Schweiz jedenfalls ist ausgeschieden und irgendwie haben wir den Eindruck gewonnen, dass zumindest in Basel trotz einer eigentlich verheißungsvollen Ausgangslage die meisten auch genau damit gerechnet hatten. Die beste Stimmung des Abends jedenfalls bekamen wir beim Aufritt eines Michael-Jackson-Doubles auf dem Rückweg zum Bahnhof mit.

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Foto-Galerie: Clemens Geißler

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