fudder-Interview

Musik hören mit Magdalena Ganter von Mockemalör

Stefan Mertlik

Mit ihrem Soloalbum "Chanson noir" bringt Magdalena Ganter die Musik der zwanziger Jahre in die Jetztzeit. Wir haben der Mockemalör-Sängerin ein paar Lieder vorgesetzt, die sie gut gelaunt kommentierte.

Magdalena Ganter wuchs im Schwarzwald auf, zog 2006 jedoch fürs Studium nach Berlin. Ihre Heimat hat sie nie losgelassen. Mit Simon Steger und Martin Bach gründete sie die Artband Mockemalör, deren Debütalbum von 2013 "Schwarzer Wald" heißt. Unzählige Auftritte und drei Studioalben später betritt die Vollblutmusikerin nun Solopfade.

Im Alleingang möchte sie einiges anders machen. Statt auf elektronische Elemente setzt sie auf die Schönheit des Chansons. Mit poetischen Texten und kraftvoller Stimme weckt sie dabei Erinnerungen an eine junge Marlene Dietrich. Um das Album "Chanson noir" zu verwirklichen, hat Ganter vor einigen Wochen eine Crowdfunding-Kampagne gestartet, die noch bis Sonntag läuft.

Zwei Stunden vor dem Gespräch mit fudder hatte sie ihr Ziel von 12.000 Euro bereits erreicht. Entsprechend gut war sie für unser Interview-Experiment aufgelegt. Wir haben Ganter sechs Lieder vorgespielt. Erhalten haben wir meinungsfreudige Reaktionen, die viel über die diesjährige Gewinnerin des Kleinkunstpreises Baden-Württemberg verraten.

Hélène Martin – La chanson noir


"Das ist wunderschön. Es könnte Édith Piaf sein, es hat mich aber auch ein bisschen an Barbara erinnert."

Es ist "La chanson noir" von Hélène Martin. Du nennst dein Soloalbum "Chanson noir". Eine Definition des Begriffs lautet "sozialkritisches Lied mit pessimistischem Inhalt". Findest du dich da wieder?

"Meine Texte sind auf eine subtile Art sozialkritisch. Ich hinterfrage die Welt, in der wir leben. In ’Bin nicht’ – einem Lied von meiner neuen Platte – geht es darum, sich immer wieder freizumachen von Etiketten. Die erste Zeile lautet: ’Ich bin nicht meine Leistung / ich bin nicht mein Erfolg / ich bin nicht deine Antwort / und ich bin nicht Mann und Frau’. Pessimistisch sind die Texte hoffentlich nicht. Ich beschäftige mich aber mit den Schattenseiten unseres Daseins. ’Noir’ – also schwarz – ist für mich auch die dunkle Seite. Wo Licht ist, ist auch Schatten."

Ólafur Arnalds – 0048/0729


"Ólafur Arnalds finde ich ganz großartig. Da kommen mir direkt die Tränen. Ein ähnlicher Song, den ich total liebe, ist ’Bibo no Aozora’ von Ryuichi Sakamoto."

Bei Mockemalör war die Musik noch elektronisch geprägt. Auf deinem Soloalbum setzt du auf klassische Instrumente. Wie kommt's?

"Wir haben bei der ersten Platte von Mockemalör recht akustisch angefangen. Mit der Zeit sind wir immer elektronischer und feinsinniger in den Arrangements geworden. Auch durch die vielen Live-Konzerte hat sich das weiterentwickelt. Wir haben einen festen Tontechniker, der immer mitreist. Mittlerweile brauchen wir einen großen Tourbus. Damit steigen die Fixkosten. Doch es ist nicht nur eine finanzielle Sache. Wenn wir den Sound Live so auffahren möchten, wie wir ihn kreiert haben, braucht das sehr viel Zeit. Deshalb ist meine Sehnsucht nach einfacher Musik wieder gewachsen."

Marillion – Man Of Thousand Faces


"Die Stimme kommt mir bekannt vor. Klingt nach einer großen Produktion. Ich komme aber nicht darauf. Von wann ist das?"

Die Band heißt Marillion und der Song ist von 1997. Fans der Gruppe haben zu der Zeit eine der ersten Online-Crowdfunding-Aktionen der Musikgeschichte gestartet, um eine Tour zu finanzieren. Weshalb hast du dich für Crowdfunding entschieden?

"Ich habe ’The Art Of Asking’ von Amanda Palmer gelesen. Das Buch hat mich inspiriert und gestärkt. Sie schreibt, dass wir uns gegenseitig unterstützen und auch um Hilfe bitten müssen. Wenn ich mich verletzlich zeige, weil ich nicht alles alleine schaffe, lade ich mein Gegenüber ein, in eine Verbindung zu treten. Crowdfunding ist eine tolle Möglichkeit, mich zu zeigen. Das ist wie ’work in progress’. Menschen können teilhaben. Die Vision von meinem Soloalbum habe ich schon lange. Zehn Gastmusiker werde ich einladen. Ich sehe auch keinen Grund, weshalb ich das kleiner gestalten sollte. Mit diesen Farben möchte ich malen. Dafür braucht es aber einfach mehr Geld."

Wie viel Angst hattest du vor der Aktion?

"Ich hatte echt Schiss. Was ist, wenn ich scheitere? Doch Dinge, die ich von Herzen tun will, muss ich versuchen. Es nicht zu wagen, weil man Angst vor der Niederlage hat, kann ich keinem empfehlen."

Dutty Moonshine Big Band feat. Odjbox – Tommy & Loretta


"Lauryn Hill ist eines meiner größten Idole, aber das klingt nach Großbritannien. Wer ist das?"

Die Musik kommt von der Dutty Moonshine Big Band und die Rapperin heißt Odjbox.

"Großartig. Zu diesem Lied fällt mir der Begriff ’sexy’ ein. Das ist ’sexy’ Musik. Und eine Posaune kommt auch vor. Ich werde ebenfalls einen Posaunisten auf mein Album einladen."

Wie weit würdest du dich musikalisch heraustrauen? Wären Hip-Hop-Elemente etwas für dich?

"Ich mag Hip-Hop von Bands wie The Roots. Aber meine Texte geben das nicht her. Rappen bedeutet, viel Text schnell abzufeuern. Meine Texte sind eher Gedichte mit wenigen Worten. Aber wer weiß, ich könnte mir jemanden einladen. Ich freue mich immer, neue Sachen zu machen."

Nina Hagen – Das kommt weil ich so schön bin


"Nina Hagen finde ich toll. Als Jugendliche habe ich sie aber noch nicht wahrgenommen, das kam erst später. Dennoch schätze ich sie extrem. Eine Wahnsinns-Powerfrau mit einem gehörigen Dachschaden, was ich sehr begrüße. Wir brauchen mehr schräge Vögel. Sie ist eine sehr inspirierende Persönlichkeit und eine grandiose Sängerin."

Weshalb bevorzugst du deutsche Texte?

"Das ist meine Muttersprache und die direkteste und einfachste Möglichkeit mich auszudrücken. Es ist so schon ein Wahnsinn, die richtigen Worte für Gefühle zu finden."

Mockemalör – Min Ma


"Das war eine sehr intensive Zeit. Ich habe das Lied geschrieben, nachdem meine Oma gestorben ist und ich meinen Großvater besucht hatte. Der hatte so viele Jahrzehnte mit dieser Frau zusammengelebt und dann ist sie weg. Das ist furchtbar traurig. Wir haben das Musikvideo auf dem Weberhof im Schwarzwald gedreht. Dieses liebevolle Ehepaar, das dort lebte, hat mir Fotoalben gezeigt und einen Einblick in seine Welt gewährt."

Das Lied ist mittlerweile sieben Jahre alt. Wie fühlt es sich an, wenn du ältere Musik von dir hörst?

"Meine eigene Musik höre ich selten. ’Min Ma’ funktioniert für mich aber noch ganz gut. Es gibt jedoch Lieder, die finde ich geschmacklich daneben. Da frage ich mich, was ich mir damals gedacht habe."
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