Mixed Martial Arts: Einfach sehen, wer stärker ist

Nina Braun

In der Ortenau werden die Mixed Martial Arts trainiert – die wohl härteste Kampfsportart der Welt. Regeln gibt es kaum, gebrochene oder ausgekugelte Gliedmaßen sind keine Seltenheit. Ausgefochten werden die Kämpfe in Käfigen aus Maschendraht.



Was für Außenstehende wie sinnlose Aggressivität aussieht, gilt für die Beteiligten als Königsklasse des Kampfsports. Wir haben das Training in Neuried-Altenheim in der Ortenau besucht, wo die Trainer Michael Hockenjos und Joachim Steimle auch gegen das schlechte Image des Sports ankämpfen.

Michael Hockenjos hat sein Gegenüber zu Boden gezwungen, sitzt rittlings auf ihm und holt mit der Faust zum Schlag ins Gesicht aus. Der Gegner schafft es nicht den Kopf zu decken, Hockenjos hält inne. Im Training verletzt man seine Teamkollegen nicht. Doch der 32-Jährige Trainer zeigt den Umstehenden genau, wo sie am effizientesten hätten zuschlagen können.

Seine Schüler sind zwischen 20 und 40 Jahre alt, manche breitschultrig, andere  drahtig, viele tätowiert. Das Training ist kraftraubend, binnen kürzester Zeit sind die Ersten schweißüberströmt. Geübt werden Griffe, Ausweichbewegungen und Falltechniken – aber auch Kniestöße in die Magengegend und Kicks zum Kopf.

Es ist die Brutalität, mit der es zuweilen zugeht, die Mixed Martial Arts (MMA) so umstritten macht. Der Sport, der wegen seines Schockcharakters kaum vom Fernsehen übertragen wird, kennt nur so viele Regeln, wie für die Sicherheit der Beteiligten unbedingt notwendig sind.

Verboten sind etwa Genitalstöße, Beißen oder In-die-Augen-Stechen. Erlaubt ist fast alles andere. Würgen bis zur Bewusstlosigkeit oder auch Nasebrechen gelten als probate Mittel, einen Kampf zu gewinnen. Das Minimum an Beschränkungen, so die Grundidee, ermögliche ein Maximum an Freiheit – und eine Auseinandersetzung, die dem echten Kampf am Nächsten kommt. „Zwei Leute in einem Käfig, kaum Regeln, und dann sehen, wer stärker ist und sich durchsetzt“, fasst Joachim Steimle das Prinzip zusammen.



Steimle und Hockenjos bieten den Sport seit eineinhalb Jahren in Altenheim an. Steimle ist für Tritte und Schläge zuständig, das sogenannte „striking“. Hockenjos bringt den Schülern das „grappling“ bei: Würgegriffe, Hebel, Würfe.  Bei den MMA werden somit erstmals Techniken des Stand- mit denen des Bodenkampfes vereint – heraus kommt die nach Ansicht der Beteiligten kompletteste und realistischste aller Kampfsportarten.

Obwohl die an Popularität gewinnenden Mixed Martial Arts also ein Mix aus verschiedenen Kampfsportarten sind, eine Art Kräftemessen, sehen viele traditionelle Kampfsportler diesen Sport kritisch. So zum Beispiel Thomas Adolph, Träger des zweiten DAN im Taekwon-Do und Kickboxen und seit mehr als 15 Jahren Trainer in Freiburg. Er macht darauf aufmerksam, dass in den traditionellen Kampfsportarten, selbst im Wettkampf mit vollem Kontakt, viel Wert auf den Schutz der Gesundheit gelegt wird.

Im olympischen Taekwon-Do wird zum Beispiel eine Schutzausrüstung mit Kopfschutz getragen – gefährliche Techniken sind verboten. „Knie- und Ellbogenstöße zum ungeschützten Kopf zielen klar darauf ab, den Gegner zu verletzen – da geht für mich der sportliche Charakter verloren“, sagt Adolph. In ihrer Motivation betonen die MMA-Schüler aber gerade das Sportliche, die Technikvielfalt und den Reiz der Freiheit. „Es gibt keinen Ringrichter, der sich ständig einschaltet“, erklärt der 28-jährige Fachinformatiker Kai. Und Waldemar, 23, der eigentlich Fußballer ist, fügt hinzu: „Hier wird alles besonders intensiv trainiert: Kondition, Kraft, Selbstvertrauen. Natürlich kann es ein harter Sport sein, und manche geben auch damit an. Ich selbst rede nicht groß darüber.“



Sportlich anspruchsvoll, oder einfach nur brutal?

Auch die anderen sprechen überlegt, fast vorsichtig – denn was für sie sportliche Herausforderung ist, erscheint Außenstehenden oft als Gewaltakt. „Die meisten denken, es gehe nur ums Draufhauen und Prügeln“, erklärt Türsteher Falko (25), der Fremden misstrauisch gegenübertritt.

Auch Hockenjos ist vorsichtig geworden im Umgang mit der Öffentlichkeit. Zu oft seien die MMA von der Presse schon zum „Hahnenkampf“ stilisiert worden. Denn abgesehen von der Gewalt ist da ja noch die Sache mit den Käfigen: Sie sollen gewährleisten, dass der Kampf nicht vorzeitig endet. „Von der Matte oder aus dem Ring kann ich mich ins Aus retten, wenn es mir zu heiß wird“, erklärt Steimle.

Im Käfig gibt es dagegen kein Entkommen, ein Abbruch liegt im Ermessen der Kontrahenten selbst. Der Schiedsrichter schreitet nur ein, wenn etwa ein Arm zu brechen droht. „Manche muss man vor ihrem eigenen Ego schützen“, sagt Hockenjos. Ihm seien aber nur zwei Fälle mit tödlichem Ausgang bekannt. Dennoch ist Hockenjos bewusst, wie schnell der Sport für den Aggressionsabbau missbraucht werden kann. Es gebe genug schwarze Schafe in der Szene. „Gorilla-Teams“, nennt er die Gruppen, die auch im Training voll zuschlagen. Hockenjos duldet das nicht. In Altenheim werden bewusst weiche Handschuhe eingesetzt und Thai-Pads aus gepolstertem Leder, um die Schläge und Tritte abzufangen. Aber auch im Publikum ziehe dieser Sport einen besonderen Typ Menschen an, der an  Härte interessiert ist, gibt Taekwon-Do-Trainer Adolph zu bedenken. Von den Veranstaltern werde dieses „harte“ Image häufig gezielt hochgehalten.



Hockenjos ist bislang der Einzige aus der Altenheimer Gruppe, der an Turnieren  teilnimmt. Einen Käfig gibt es in Altenheim noch nicht, er soll aber bald angeschafft werden, denn das Interesse an den MMA wächst. Auch in Freiburg ist eine Schule in Planung. In jedem Falle, sagt Hockenjos, müsse aber durchdacht sein, ob sich ein solcher Sport mit Familie und Beruf vereinbaren lässt. „Wenn man zum Beispiel in einer Bank arbeitet, sollte man sich  überlegen, ob man da mit einem blauen Auge auftauchen kann.“

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Foto-Galerie: Dominic Rock

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